Von Daniel Deckers
12. Februar 2008 Mehr als ein Dutzend Fernsehkameras sind auf den Mann gerichtet, der an einem einfachen Tisch an der Stirnwand des Raumes Platz genommen hat, und gut das Doppelte an Mikrophonen ist aufgeboten, damit keines der Worte verloren geht, das in dieser Stunde fallen wird. Eine Bilanz seines Wirkens als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz wolle er ziehen, so hatte Kardinal Lehmann diese Pressekonferenz vor dem Beginn der Frühjahrs-Vollversammlung angekündigt - doch so ungewöhnlich dieser Termin, so außergewöhnlich der Anlass, so hoch die Erwartungen, Lehmann bleibt sich auch in dieser Stunde treu, als sei nichts selbstverständlicher, als nach 21 Jahren an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz zu sagen: Das war's.
In schlichtem Schwarz, ohne jedes Zeichen der Kardinalswürde, die ihm Papst Johannes Paul II. vor sieben Jahren verlieh, wächserner im Gesicht als früher, doch mit derselben, unverändert bedächtig-knarzenden Stimme gibt Lehmann Rechenschaft. Wie immer spricht er nicht frei, wie immer braucht er keine Fragen, um sein Thema zu finden. Wie immer hat er ein Manuskript vorbereitet, mehr als 20 Seiten sind es diesmal.
Nicht nach Rom
Begriffliche Präzision, enzyklopädische Vollständigkeit, größtmögliche Transparenz: Man wird alles nachlesen können. Als Bischof wie als Vorsitzender ist Lehmann nicht nur der Professor geblieben, der er von 1968 bis 1983 war, sondern auch der Theologe, der wider manche Erfahrung an die Wahrhaftigkeit des Wortes glaubt, an die Überzeugungskraft von Argumenten. Den Papst in Rom zu besuchen, um seinen Anliegen Gehör zu verschaffen, das kam ihm anders als dem längst verstorbenen Erzbischof Dyba oder dem Kölner Kardinal Meisner nie in den Sinn - auch wenn der Papst nun Benedikt heißt.
Dafür kann kein deutscher Bischof und wohl auch nicht der deutsche Papst es Lehmann gleichtun, wie er den Weg der Kirche in Deutschland in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten nachzeichnet. Denn so wenig wie er Fragen benötigt, um seine Antworten formulieren zu können, so wenig muss er mit dem Finger auf andere zeigen, um sein eigenes Profil sichtbar werden zu lassen. Nicht die Gesellschaft mit ihren wirklichen und vermeintlichen Fehlentwicklungen, nicht die Unübersichtlichkeit der Welt, auch nicht Konflikte mit Rom oder Schwierigkeiten in der Ökumene bilden einen dunklen Hintergrund, vor dem die Person Karl Lehmann in hellem Licht erstrahlen könnte.
Nur um Aufrichtigkeit bemüht
Auch sonnt er sich nicht im Glanz seiner Würde, gibt sich unbeeindruckt von der Nähe zur Macht. Kein Politiker wird erwähnt, kein Ereignis so gedeutet, als sei es ihm zu verdanken, dass alles so gekommen sei: Das Zusammenwachsen der Bischofskonferenzen von Ost und West nach der deutschen Wiedervereinigung, kirchliche Arbeitsgerichtsbarkeit, Schutz des ungeborenen Lebens, das gute Gesprächsklima zwischen Theologen und Bischöfen, Kirche und Kultur, Bonn und Berlin, Priester und Laien, der Blick voraus auf das Reformationsjubiläum 2017 (es gibt keine Alternative zur Ökumene) - fast leidenschaftslos, nur um Aufrichtigkeit bemüht, mäandert Lehmann fast eine Stunde durch alle Stationen seines Lebens der vergangenen 21 Jahre.
Dass er über allen Reisen und Diskussionen, über allen Sitzungen und Veröffentlichungen viel Kraft gelassen hat, ist ihm auch an diesem Tag anzusehen. Doch je länger er spricht, desto mehr Farbe bekommen seine Gesichtszüge, desto lebhafter wird die Gestik, desto verschmitzter das Lächeln. Und dann, die großzügig bemessene Zeit ist schon fast verstrichen, blitzt noch einmal das Charisma auf, das den scheidenden Vorsitzenden der Bischofskonferenz in der katholischen Kirche in Deutschland zu einer Ausnahmeerscheinung hat werden lassen.
Lehmann berichtet von einem Vortrag (anthropologisch-theologisch), den er vor 2000 Hörgeräteakustikern aus aller Welt über die Bedeutung des Hörens gehalten hat. Eine überflüssige Übung? Begeisterung bei den Zuhörern, eine Lehrstunde für eine selbstbezügliche, oft nur noch larmoyante Kirche: Eigentlich darf man keinen Ort meiden, sagt der Kardinal. Die Leute trauen uns mehr zu, als wir uns zutrauen. Im Gehen lautes Lachen, wie immer.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
