Kardinal Lehmann

Die liberale Stimme des deutschen Katholizismus

Von Daniel Deckers

15. Januar 2008 Aus Zahlen und jedweder Mystik, die daraus abzuleiten wäre, hat sich Karl Lehmann, ein „Mann der Realien“, nie etwas gemacht. Also auch nicht aus dem Umstand, dass er seit wenigen Monaten das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz länger ausübt als jeder seiner Vorgänger nach 1945: länger als der Kölner Kardinal Frings, der die Fuldaer Bischofskonferenz (wie sie damals noch hieß), von 1945 bis 1961 führte, länger auch als Frings’ Nachfolger Julius Kardinal Döpfner, der - noch nicht 63 Jahre alt - im Juli 1976 im Amt verstarb, und länger auch als Joseph Kardinal Höffner, der hochbetagt angesichts des nahenden Todes im September 1987 die Leitung der Erzdiözese Köln wie der Bischofskonferenz niederlegte.

Ein junger Bischof war damals seit zwei Jahren Höffners Stellvertreter: Karl Lehmann, Alumne des Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom, an der Jesuiten-Universität „Gregoriana“ in Philosophie und Theologie promoviert, langjähriger Assistent des deutschen Konzilstheologen Karl Rahner, 15 Jahre lang Theologieprofessor und auf dem kirchenpolitischen Parkett bestens bewanderter Priester des Erzbistums Freiburg. Ihm und nicht dem ranghöheren Münchner Kardinal Wetter traute die Mehrheit der Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz zu, der katholischen Kirche in der immer vielstimmigeren Gesellschaft und einer sich immer stärker ausdifferenzierenden Politik in Deutschland eine vernehmbare Stimme und ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Lehmann wollte und sollte sie nicht enttäuschen, obwohl seine Wahl einem Affront gegen Wetter gleichkam.

Zu integrieren gab es einige und einiges

Als Lehmanns erste Amtszeit 1993 endete, war die Wiederwahl eine Formsache. Denn an der Spitze der Bischofskonferenz hatte er sich als ein Mann erwiesen, dem nach innen hin nichts wichtiger war als zu integrieren, um nach außen mit möglichst einer Stimme zu sprechen. Zu integrieren gab es damals einige und einiges: Die Spannweite reichte von Johannes Dyba, dem sich um keine politische Korrektheit scherenden Bischof von Fulda, bis zu den Bischöfen, die in der DDR groß geworden waren und sich nach 1989 in einem auch in kirchlicher Hinsicht fremden Deutschland wiederfanden.

Lehmanns zweite Amtsperiode als Vorsitzender begann mit einem Paukenschlag. Als Bischof von Mainz veröffentlichte er zusammen mit dem Freiburger Erzbischof Saier und dem Rottenburger Bischof Kasper einen Hirtenbrief über Fragen der Seelsorge an Geschiedenen und Wiederverheirateten. Politische Klugheit hätte es den dreien geboten, um dieses Thema einen Bogen zu machen. Doch Lehmann war strategischen Überlegungen und taktischen Kalkülen schon immer nicht weniger abgeneigt als es sein römischer Antipode Joseph Kardinal Ratzinger immer war.

Dieser legte nicht nur mit aller Macht das römische Veto gegen die Überlegung ein, wiederverheiratete Geschiedene unter bestimmten Umständen wieder zum Kommunionempfang zuzulassen. Dieser frühe Konflikt wurde gleichsam zur Blaupause für den Streit über die Schwangerenkonfliktberatung, in der Lehmann die Mehrheit der deutschen Bischöfe wie der deutschen Katholiken auf seiner Seite wusste - und am Ende dem Papst und seinem theologischen Berater Ratzinger gehorchen musste.

Ein Mann der Gemeinschaft

Gleichwohl war die Wiederwahl Lehmanns zum Vorsitzenden auch im Herbst 1999 unstrittig: Auf dem Höhepunkt des Streits über die Konfliktberatung wollten sich die deutschen Bischöfe schon aus Gründen der Selbstachtung nicht mehr von Rom diktieren lassen als nötig. Denn mochte die Auseinandersetzung auch alle Kräfte binden und der Kölner Kardinal Meisner sich über die römische Bande immer deutlicher als Gegenspieler Lehmanns profilieren, so blieb Lehmann auch in jenen Jahren der, als der ihn Giovanni Lajolo, damals Botschafter des Heiligen Stuhls in Deutschland und mittlerweile Kardinal, als junger Kirchendiplomat während der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971-1975) kennengelernt hatte: ein Mann der „communio“ (Gemeinschaft).

Mit dem Ende des Streits über die Schwangerenberatung kehrte in der Kirche in Deutschland und damit auch für den Vorsitzenden der kaum weniger anstrengende Alltag in Deutschland ein. Auf dem Feld der Politik galt es, in Fragen der Bioethik Position zu beziehen, in der Ökumene wurde eine Eiszeit ausgerufen, in vielen Diözesen zeigte sich, dass es mittlerweile nicht nur an Priestern fehlte, sondern auch an Gläubigen und an Geld.

Das ungewohnte Wort vom „missionarisch Kirche Sein“ machte auf einmal die Runde, doch es kam aus dem Osten, aus Thüringen. Lehmann bewegte sich lieber auf vertrautem Terrain, auf dem seine Gelehrsamkeit wie seine Neugierde kaum zu überbieten waren. Denn ungeachtet aller Verpflichtungen als Bischof von Mainz und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz blieb Lehmann immer auch der ebenso wissbegierige wie auskunftsfreudige Professor, der es selbst in Pressekonferenzen nicht lassen konnte, die neueste Literatur zum Thema zu erwähnen.

Die Kurie vergisst so leicht nicht

Die Kardinalswürde, die Papst Johannes Paul II. dem Bischof von Mainz und mittlerweile dienstältesten Vorsitzenden einer Bischofskonferenz schließlich verlieh, war denn auch für die meisten eine längst überfällige Anerkennung für das Wirken Lehmanns mitten in der Kirche und mitten in der Welt, für wenige andere aber nur die letzte Sprosse einer kirchlichen Karriereleiter. Lehmann selbst hat die Kardinalswürde jedenfalls nicht zum Anlass genommen, um in Rom kirchenpolitisch mehr Einfluss geltend zu machen – ob er geahnt hat, dass jeder Versuch zum Scheitern verurteilt gewesen wäre?

Kardinal hin oder her, die Kurie vergisst so leicht nicht: weder die Düpierung eines Kardinals Wetter noch einen Hirtenbrief noch einen offenen Konflikt mit dem Papst.

Von der Wahl Joseph Kardinal Ratzingers zum Papst war 2001, als Lehmann zusammen mit seinem Weggefährten Walter Kasper zum Kardinal erhoben wurde, noch nicht die Rede. Als Ratzinger vier Jahre später das Konklave als Papst Benedikt XVI. verließ, wollten böse Zungen wissen, die Stimme Lehmanns habe er nicht erhalten. Und als sich die deutschen Bischöfe im selben Jahr 2005 daranmachten, einen neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz zu wählen, fehlte es auch nicht an dem Hinweis eines mächtigen italienischen Kardinals, es sei Zeit, das Pferd zu wechseln. Der Papst steckte nicht dahinter. Das „Du“ haben Lehmann und Ratzinger auch nach dem 19. April 2005 beibehalten.

Seine Kräfte wollten nicht wiederkehren

Also wurde Lehmann, geistig rege wie immer, aber immer stärker von einer den Körper nur nach außen nicht auszehrenden Lebensweise gezeichnet, im September 2005 für weitere sechs Jahre als Vorsitzender bestätigt. Doch allen war klar, dass die letzte Amtsperiode begonnen hat: Im Herbst 2011 würde Lehmann 75 Jahre alt und hätte dem Papst, wie es das Kirchenrecht verlangt, längst seinen Rücktritt vom Amt des Bischofs von Mainz anbieten müssen. Doch die Jahre, in denen Lehmann ohne Rücksicht auf seine körperliche Verfassung von Termin zu Termin eilte und ihm kaum ein Weg zu weit war, sofern er nur in den Grenzen der Kirche in Deutschland endete, waren schneller gezählt, als Freunde und Gegner ahnten.

Eine akute Herzerkrankung im Dezember und eine dreiwöchige Rekonvaleszenz, in der die Kräfte nicht wiederkehren wollten, dazu die stets wache Erinnerung an den jähen Herztod seines Freundes und Mentors Julius Döpfner vor nunmehr fast 32 Jahren und der Tod seines Freundes Oskar Saier waren ein Memento mori, dem sich Lehmann nicht mehr entziehen konnte. Am 18. Februar wird er nach fast zwanzig Jahren den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz abgeben.

Vieles deutet auf einen Generationenwechsel

In der Woche zuvor werden die Mitglieder der Bischofskonferenz Lehmanns Nachfolger gewählt haben. Vieles deutet darauf hin, dass nun auch an der Spitze der Bischofskonferenz ein Generationenwechsel vollzogen wird, wie er derzeit in den Bistümern in Deutschland vonstatten geht und wie ihn Lehmann einst verkörperte. In der Person des ernannten Erzbischofs von München und Freising, des (noch) Trierer Bischofs Reinhard Marx, stünde ein Mann bereit, der das Format hat, das Amt des Vorsitzenden auszufüllen. Doch wären die Anforderungen, denen Marx sich unvermittelt ausgesetzt sähe, in einer nicht unerheblichen Hinsicht noch größer als jene, die Lehmann hinterlässt: Die Erzdiözese München ist nicht nur größer, sondern auch ungleich schwerer zu leiten als das Bistum Mainz.

Doch gleich ob Marx dem Druck nachgibt oder die Wahl auf einen Interimskandidaten fällt, ob der neue Vorsitzende eher auf innerkirchlichen Ausgleich oder auf Profilierung bedacht sein wird: Für die Kirche in Deutschland ist und bleibt der Rücktritt Lehmanns, des Manns der Realien, eine Zäsur, auch wenn er angekündigt hat, dass er als Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz und als Bischof von Mainz weiterhin zu sehen und zu hören sein wird.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP

 
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