Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
07. April 2008 Ungewohnt Ungereimtes ist aus dem Vatikan zu hören über die Beziehungen des Vatikans zu den Juden und zum Islam. Am Wochenende veröffentlichte das Presseamt des Heiligen Stuhls ein Kommuniqué des Staatssekretariats, der vatikanischen Regierungskanzlei unter Kardinal Bertone, das in knappen Worten erklärte, wie Benedikt die vor zwei Monaten verfügte Änderung im Karfreitagsgebet für die Juden gemeint habe: jedenfalls nicht antisemitisch.
Die Interventionen des Staatssekretariats nehmen zu, seitdem Kardinal Bertone dieses Amt am 15. September 2006 übernommen hat, drei Tage nach jener Rede Benedikts an der Regensburger Universität, die das Verhältnis zwischen der Kirchenführung und dem Islam strapazierte.
Wachsende Macht des Kardinalstaatssekretärs
Selbst die Reisen des Kardinals Bertone, wie etwa die nach Kuba im Februar oder die nach Armenien und Aserbaidschan im März, finden in den offiziellen Mitteilungen des vatikanischen Presseamtes einen Niederschlag, wie er früher nur den Visiten des Papstes vorbehalten war.
Das mag im Interesse Benedikts liegen, der wegen seines fortgeschrittenen Alters vieles an Kardinäle delegiert hat, etwa Seligsprechungen an der Wirkungsstätte der Geehrten oder Visitationen in den Ortskirchen. Aber dadurch wachse die Macht des Kardinalstaatssekretärs, und man wisse nicht, heißt es, ob sie stets im Sinne des Papstes eingesetzt werde.
Merkwürdig erscheint, dass die Stellungnahme jetzt erfolgt, zwei Monate nach der Veröffentlichung des umstrittenen Gebets Anfang Februar, doch nach dem Karfreitag. Das Gebet enthält eine Aufforderung zur Bekehrung mit der - als boshaft empfundenen - Bitte, dass Gott ihre (der Juden) Herzen erleuchte, auf dass sie Jesus Christus als Erlöser aller Menschen anerkennen.
Kleine liturgische Änderung mit großer Brisanz
Man darf sich wundern, dass ein sprachmächtiger Theologe wie Joseph Ratzinger nicht das Anstößige der darin steckenden jahrhundertelangen Tradition erkannt und die fürchterlichen Erfahrungen der Juden mit (Schein-)Christen in der Vergangenheit nicht berücksichtigt hat.
Ist ihm die kleine liturgische Änderung in der Fülle der Dokumente durchgerutscht, weil ihn niemand auf die mögliche Brisanz aufmerksam machte oder nicht machen wollte?
Das Staatssekretariat hätte sich dennoch nicht die Mühe einer nachträglichen Interpretation machen müssen. Denn der für die religiösen Beziehungen zum Judentum zuständige Kardinal, der Deutsche Walter Kasper, zugleich Präsident des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen, hatte bereits das Mögliche zu retten versucht.
So in einem Beitrag für dies Frankfurter Allgemeine Zeitung am Gründonnerstag, in dem Sinn, dass ein ehrlicher Dialog zwischen Juden und Christen nur im gemeinsamen Glauben und in der Anerkennung des trennenden Unterschieds - Ja oder Nein zu Jesus Christus - möglich sei. (Siehe auch: Der katholisch-jüdische Dialog ist gefährdet)
Verwunderung, Irritationen, Unruhe
Demgegenüber fällt das jetzt veröffentlichte Kommuniqué des Staatssekretariats theologisch weit zurück, weil es in der Tradition römischer Schultheologie sich auf bekannte Zitate stützt.
Verwunderung rief auch hervor, dass Papst Benedikt und der Vatikan den Islam unnötig reizten und Irritationen unter Muslimen hervorriefen, die jetzt die in Rom einberufenen Gespräche zwischen katholischen und muslimischen Führern gefährden könnten.
Anlass für neue Unruhe ist die Taufe Magdi Allams, eines Journalisten ägyptischer Herkunft, der vom Islam zum Katholizismus konvertierte. Magdi Allam war ein liberaler Muslim, der in der italienischen Zeitung Corriere della Sera beständig vor dem Islam warnte. Deshalb stand er unter Polizeischutz. Tagelang diskutierte man in den italienischen Medien über Sinn und Ziel seiner Taufe durch den Papst.
Dass zur Religionsfreiheit auch die Freiheit gehört, die Religion zu wechseln, ist christliche und westliche Überzeugung. Dies legte der Leiter des vatikanischen Presseamtes, der Jesuitenpater Lombardi, dar. Kardinal Tauran, der eigentlich zuständige Präsident des Rates für den Interreligiösen Dialog, schwieg. Denn der liberale Grundsatz ist für viele Anhänger des Propheten Mohammed eine Kriegserklärung. Ihn als Muslim in die Tat umzusetzen kann tödlich sein.
Nach gewöhnlicher vatikanischer Praxis hätte ein römischer Priester die Taufe vollzogen. So aber sei wahrscheinlich, dass Benedikt gar nicht wusste, wen er da taufte, und der Papst für diesen Affront benutzt wurde. Der Verdacht wird geäußert, dass einige im Vatikan den Dialog des Papstes mit Islam und Judentum behindern oder bremsen wollen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa