17. Mai 2008 Der Vorsitzende der Deutschen Bischofkonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, hat sein Angebot an die Bundesregierung erneuert, christliche Flüchtlinge aus dem Irak zunächst in kirchlichen Häusern in Deutschland aufzunehmen. Im Interview mit der F.A.S. spricht er über Christen in Not, kirchlichen Aufbruch und das Fremde im Islam.
Ein deutscher Bischof hat einmal gesagt, der katholischen Kirche in Deutschland fehle nicht das Geld, fehlten nicht die Gläubigen, sondern die Überzeugung, neue Christen gewinnen zu können.
Die katholische Kirche kann sich im Blick auf ihre 26 Millionen Mitglieder und auch auf das Geld sehen lassen. Wenn ich aber an meine Kindheit denke, dann war es selbstverständlich, dass man zu einer der beiden Kirchen gehörte. Heute gehören nur noch zwei Drittel der Deutschen einer der beiden großen Kirchen an. Da hat sich etwas gewandelt. Und wir haben noch nicht verstanden, dass wir missionarisch präsent sein müssen.
Was heißt missionarisch?
Missionarisch heißt, die innere Begeisterung des Glaubens, das, woraus ich lebe, weiterzugeben und andere Menschen dafür zu interessieren. In anderen Ländern ist diese Haltung viel stärker ausgeprägt. Wir Deutsche haben eine Scheu und müssen wieder lernen, über unseren Glauben zu sprechen.
Mitte der neunziger Jahre verfassten die deutschen Bischöfe zusammen mit der EKD ein Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage, die französischen Bischöfe forderten in einem Brief die Katholiken ihres Landes auf, von ihrem Glauben zu sprechen.
Die Situation der Kirche in Frankreich ist schwieriger als in Deutschland. Die französischen Bischöfe haben daher viel früher zum Thema gemacht, woraus und wofür die Kirche im Tiefsten und Letzten lebt: der Glaube, nicht die soziale Gerechtigkeit. Auch sie ist wichtig, gründet aber letztlich im Glauben. Wenn wir unser Fundament, wenn wir Glaube, Hoffnung und Liebe nicht noch mehr herausstellen, dann sind wir in Gefahr, uns in dem zu verlieren, was an zweiter Stelle kommt.
Warum lässt sich Begeisterung für ein Volk wie die Tibeter entfachen, während das Schicksal der Christen in arabischen Ländern wenige bekümmert?
Das Exotische ist immer interessant. Insofern sind der Dalai Lama und Tibet interessanter, weil wir es nicht kennen. Ich habe aber durchaus den Eindruck, dass auch das Schicksal der christlichen Araber zunehmend wahrgenommen wird.
Die Kirche macht seit langem auf die Christenverfolgung im Irak aufmerksam. Mit Ihrem Anliegen, Christen aufzunehmen, sind Sie nicht durchgedrungen.
Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass die irakischen Christen, die sich in Jordanien oder Syrien aufhalten und auswandern wollen, in Deutschland willkommen sein müssten. Der Regierung haben wir angeboten, sie zunächst in kirchlichen Häusern aufzunehmen. In unseren Gemeinden hätten sie sofort eine Heimat. Ein soziales Problem stellte sich also nicht, zumal die meisten gut ausgebildet sind.
Sollte man türkischen Organisationen in Deutschland untersagen, Moscheen zu bauen, solange Christen nicht das Recht haben, in der Türkei Kirchen zu errichten?
Nach unserem Verständnis von Religionsfreiheit haben Muslime, die bei uns leben, auch das Recht, Moscheen zu bauen. Ich erwarte das Gleiche von der Türkei und den arabischen Ländern. Nur kann ich das nicht denjenigen, die bei uns leben, zur Bedingung machen. Aber in vielen arabischen Ländern gibt es ermutigende Entwicklungen. Im April wurde in einem der arabischen Emirate eine katholische Kirche geweiht. Religionen sollten zum Frieden und zur Verständigung beitragen und nicht Anlass sein – wie es in der Vergangenheit leider oft der Fall war – zu Feindseligkeiten und Kriegen.
Warum tun wir uns so schwer mit dem Islam?
Wir spüren das Fremde am Islam. Für uns ist Religionsfreiheit wichtig und auch, wie wir in einer freiheitlichen Gesellschaft miteinander leben, die Schattenseiten hat, aber den Einzelnen nicht einengt. Viele haben Angst, von einer anderen Religions- oder Gesellschaftsform überrollt zu werden.
Am Mittwoch beginnt in Osnabrück der 97. Deutsche Katholikentag. Was erwarten Sie?
Ich freue mich über das Motto Du führst uns hinaus ins Weite“. Es ist ein Blick in die Zukunft und eine Orientierung an dem, was Gott uns schenkt und geben will, und das halte ich für sehr wichtig. Mit dem Leitwort ist Gott angesprochen, damit ist er im Blick, auf ihn gehen wir zu. Ich erwarte, dass es ein Fest des Glaubens wird, auf dem wir Glauben gemeinsam erleben, uns gegenseitig ermutigen und gemeinsam feiern. Der frühere Freiburger Generalvikar Schlund pflegte zu sagen: Was nicht gefeiert ist, ist nicht da.“
Das Gespräch führten Daniel Deckers und Richard Wagner.
Das vollständige Interview mit dem Erzbischof Robert Zollitsch lesen Sie am 18. Mai 2008 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
