Von Eberhard Rathgeb
16. September 2007 Kardinal Meisner, geboren 1933 in Breslau, Erzbischof von Köln - was soll man sagen? Kein ruhiges Leben hat er geführt. Der Kardinal hängt sich gerne zum Turmfenster hinaus, wenn es gilt, dem Zeitgeist eins auszuwischen. Kommt ein Reizthema die Straße herunter, wie Abtreibung, wie moderne Kunst, also etwas, was den Kardinal wirklich reizen kann, dann sagt er sofort, was er denkt. Andere denken nicht einmal, was sie sagen: So einer ist der Kardinal nicht. Er trägt das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland mit Stern und Schulterband.
Der Kardinal steht am Turmfenster, blickt finster und bläht die Backen - darauf ein heiliger Sturm. Die Kultur entartet dort, so der Kardinal, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt werde. Ein Kardinal steht in der Hierarchie der römisch-katholischen Kirche weit oben, uns fern. In der Geschichte finden sich viele Kardinäle, so Ferdinando Gonzaga. Sie hängen seit langem im Museum, wie Ferdinando I de' Medici. Erst schaut man sich die nackten Frauen auf den von Männern bemalten Brettern und Leinwänden an, dann steht man vor einem angezogenen Kardinal und bereut seine Sünden. Mitten im Museum.
Wo ein Kardinal steht, da liegt die Mitte
So etwas passiert mitten im Leben nicht mehr, weil dem Leben die Mitte, von der aus diese Sudeleien betrachtet werden müssen, verlorengegangen ist - wie der Kunst insgesamt. Das hat der österreichische Kunsthistoriker Hans Sedlmayr vor Jahrzehnten einmal feststellen wollen und dann in einem recht populären Buch auch festgestellt. Insofern: Wo ein Kardinal steht, da liegt die Mitte. Einerseits. Da andererseits das Leben und die Kunst ohne Mitte sind (auskommen), ist, wo der Kardinal auftaucht, sofort kein Leben und keine Kunst. Aber bestes Museum.
Es gibt noch eine Gegenmeinung: Ist Kardinal Meisner noch tragbar? Nein, meint Nils Minkmar
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.09.2007, Nr. 37 / Seite 32
