Von Mario Gotterbarm
Immer schön hart bleiben: Ethikschulung beim Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport
Ein saudischer Prinz schenkt Ihnen eine Rolex. Escorted Karaoke stand als Programmpunkt auf der Einladung, was nun? Sind wir eine Verbrecherorganisation, weil wir bei Eintracht Frankfurt VIP-Karten für unsere Kunden haben? Clemens von Stockert tippt mit den Fingern auf den Tisch. Seine Präsentation hat gerade begonnen. Von den in nächster Nähe startenden und landenden Flugzeugen merkt man nichts. Im Raum ist allein das Gebläse des Beamers zu hören. Stockert holt tief Luft. Dann antwortet er selbst, denn die zehn Schulungsteilnehmer, vier Frauen, sechs Männer, bleiben vorerst wortlos in diesem Basisseminar, das für Führungskräfte Pflicht, für alle anderen Mitarbeiter freiwillig ist.
Heikel ist das Thema, um das es geht, allemal: der Kampf gegen Korruption und kriminelle Machenschaften im täglichen Geschäftsleben. Stockert ist der Wertemanager der Fraport AG, und seine Aufgabe ist es, den Mitarbeitern beizubringen, wie sie sich am besten dagegen wappnen. Seit 2007 ist der Diplom-Theologe mit dieser Aufgabe betraut. Angefangen hat er auf dem Flughafen Frankfurt als Ramp Agent, zuständig für die Koordination der Serviceleistungen an den Flugzeugen - er wollte nach dem Studium eine Arbeit zum Anpacken. Anschließend war er 15 Jahre bei den Bodenverkehrsdiensten. Wer ihm zuhört, merkt ihm die Berufserfahrung an: Hier werden nicht abstrakte Werte doziert, sondern anhand von Beispielen veranschaulicht, was es heißt, ethisch korrekt zu arbeiten.
Fraport hat sein Wertemanagementsystem im Jahr 2003 eingeführt, um die Geschäftsabwicklung transparenter zu machen. Während des Baus des Terminals 2, das 1996 in Betrieb gegangen ist, hatten Teile der Bauleitung überteuerte Aufträge vergeben, sich und die Baufirmen so auf Kosten des Unternehmens mit Millionenbeträgen bereichert. Wir hatten exakt die Fälle, die wir nun zu verhindern suchen, sagt Stockert. Für den anstehenden Ausbau des Flughafens, insbesondere das Terminal 3, veranschlagt Fraport ein Investitionsvolumen von mehreren Milliarden Euro. Diese enormen Beträge setzen Begehrlichkeiten frei, schreibt der Flughafenbetreiber auf seiner Internetseite.
Als Kernstück des Wertemanagementsystems gilt der Wertekodex, der die zentralen Verhaltensregeln des Unternehmens enthält. Auf den in der klassenzimmertypischen U-Form angeordneten Tischen liegt er für jeden griffbereit, als Heftchen im DIN-A5-Format. Unter der Ziffer Eins findet sich der Grundsatz der Rechtstreue: Kategorisch abzulehnen sind demnach Preis- und Mengenabsprachen oder Scheinangebote mit Wettbewerbern. Besonders ausführlich widmet sich der Kodex dem Umgang mit Geschenken und Zuwendungen. Wie sieht es also mit der angebotenen Rolex aus?
Stockert ist jetzt bei Folie 29. Jedem Mitarbeiter ist generell verboten, im Zusammenhang mit Auftragsvergaben und der Abwicklung von Verträgen Geschenke oder Zuwendungen anzunehmen, sagt er. Auch der Mitarbeiter, dessen Aufmerksamkeit die erste Viertelstunde ausschließlich seinem Handy galt, hat dieses inzwischen aus der Hand gelegt und schaut gespannt zu. Ausnahme: Wenn der Wert eines Geschenks unter der steuerlichen Höchstgrenze liegt, momentan 35 Euro, darf es angenommen werden. Also müsste die Rolex zurückgewiesen werden. Doch so einfach ist es auch wieder nicht mit dem ethisch korrekten Handeln, denn ökonomischen Schaden sollte es - falls möglich - auch nicht anrichten. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich der saudische Prinz dadurch gekränkt fühlt, ist groß. Ein Teilnehmer, selbst Projektleiter, urteilt spontan: Annehmen. Stockert erwidert: Annehmen und spenden. Die stellen wir dann bei uns in die Vitrine.
Ohne dass man heute ethische Standards befolgt, kann man keinen Erfolg haben, sagt Josef Wieland, Wirtschaftsethiker an der Fachhochschule Konstanz und geistiger Vater des Wertemanagementsystems bei Fraport. Das Nullsummenspiel - Erfolg oder Ethik - muss endlich aus den Köpfen raus. Wieland unterscheidet insgesamt vier verschiedene Werttypen: Leistungswerte, Kommunikationswerte, Kooperationswerte - und dann im engeren Sinne ethische Werte wie Ehrlichkeit. Nicht jedes Unternehmen sollte sich auf dieselben Werte festlegen: Diversity etwa als ein ethischer Wert, der die bewusste Förderung einer multikulturellen Mitarbeiterschaft meint, mag einem international agierenden Export-Unternehmen helfen, einem kleinen Unternehmen in der deutschen Provinz nicht unbedingt. In der Ausformulierung der Werte sollte darauf geachtet werden, dass man sie auch einhalten kann: Nicht schreiben: Bei uns gibt es keine Korruption, sondern: Wir lehnen Korruption ab, rät Wieland.
Im Fraport-Schulungsraum ist inzwischen Pause. Clemens von Stockert sucht das Gespräch. Und bekommt Bestätigung: Was Sie mit dem Anfüttern gesagt haben, das stimmt genau, sagt eine Führungskraft mittleren Alters. Es gibt immer Gelegenheiten, aber ich nehme gar nichts mehr, auch keine Weinflasche. Stockert hatte ihnen zuvor eingeschärft, sich auch nicht mit kleineren Geschenken anfüttern zu lassen. Auf Folie 31 seiner Präsentation hat er die Regeln für den Umgang mit Geschenken zusammengefasst: Es darf kein Abhängigkeitsverhältnis entstehen, die Annahme darf vor Vorgesetzten und Kollegen nicht verheimlicht werden, die Annahme wird genau dokumentiert. Dass sie VIP-Karten für die Fußballspiele von Eintracht Frankfurt vergeben, sei unbedenklich. Denn wir haben dafür Regeln aufgestellt und dokumentieren alles fein säuberlich.
Was jedoch dann, wenn der Vorgesetzte das schwarze Schaf ist? Wenn gar selbst das Vertrauen in den Vorgesetzten des Vorgesetzten fehlt? In solchen Fällen können sich die Mitarbeiter direkt an einen Ombudsmann wenden. Seit Mitte Januar hat Fraport zudem das sogenannte Business Keeper Monitoring System (BKMS) installiert. Dieses ermöglicht allen eine völlig anonyme Kontaktaufnahme via Internet. Der Hinweisgeber durchläuft einen strukturierten Prozess und richtet sich am Ende einen Postkasten ein. So kann das Unternehmen einen Dialog anstoßen, um weitere Einzelheiten zu erfragen und Missverständnisse zu vermeiden, sagt Kenan Tur, Vorstand der Business Keeper AG, die das System vertreibt. Dadurch käme auch schnell heraus, ob er aufrichtig handle.
Stockert ist nun bei Folie Nummer 61 angelangt. Der Beamer wirft das BKMS-Meldeformular für Korruptionsfälle an die Wand. 4096 Zeichen darf sie lang sein, die Beschreibung. Als kurz darauf Schluss ist, löst sich die Gruppe auf - so leise, wie sie sich zwei Stunden zuvor im jalousienverhangenen Raum eingefunden hatte. Ihre Schulungsurkunden bekamen die Teilnehmer schon in der Pause ausgehändigt. Vom Schulungsgebäude marschiert Stockert über einen Verbindungsgang in das große, mit polierten Granitplatten verschalte Gebäude, wo die Abteilungen Wertemanagement und Revision sitzen. In seinem karg eingerichteten Büro im siebten Stock meint er dann, mit Blick zurück auf seine Schüler und Blick nach vorn in den vom Dunst verhangenen Taunus: Ich bin zufrieden mit der Beteiligung. Wissen Sie, mir ist auch schon einer eingeschlafen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar / F.A.Z.