16. September 2008 Der Ruf der Londoner City ist legendär. Sie ist Magnet für junge Studienabgänger aus aller Welt, die im Finanzwesen hart arbeiten, aber auch viel Geld verdienen möchten. Die Welt der seriösen Nadelstreifen und ernsten Gesichter in der Londoner Bankenmeile erscheint nach außen professioneller als fast jede andere Branche. Mit Empörung hat die City daher auf das Enthüllungsbuch von Geraint Anderson mit dem Titel "Cityboy" reagiert. Darin schreibt der Ex-Investmentbanker über sein Ex-Leben zwischen Partys, Drogen und Millionen-Geschäften - wobei alle Personen und Banken angeblich frei erfunden seien, wie der Autor im Vorwort schreibt.
"Ich habe bewusst den Schweigecode in der City gebrochen", sagt Anderson, der in der Londoner Finanzwelt zwölf Jahre Erfahrungen gesammelt hat, zuletzt als einer der führenden Analysten von Dresdner Kleinwort. "Ich will der City einen Spiegel vorhalten, ihr zeigen, wie sehr die Arbeit in dieser Welt die Ideale der Menschen zerstört und ihre Moralvorstellungen korrumpiert." Anderson beschreibt am Hauptcharakter seines Buches, Steve, wie sich ein zunächst unbedarfter Hippie-Typ im Laufe der Zeit zu einem raffgierigen City-Mitarbeiter wandelt.
Sex- und Drogenexzesse, Insiderhandel, Steuerhinterziehungen
Der Ex-Banker beschreibt nicht nur die Sex- und Drogenexzesse hinter den Kulissen, sondern auch Insiderhandel, Steuerhinterziehungen und die gegenseitige Tyrannei der Männer in der extrem hierarchisch aufgestellten Finanzwelt. Der Tiefpunkt der Karriere der Hauptperson ist erreicht, als dieser eines Morgens mit Kater und übermüdet eine Präsentation auf dem Bildschirm vor Hunderten von Kollegen abhalten muss und ihm plötzlich vor der Kamera die Nase vom ständigen Kokain-Konsum blutet.
Alles nur Klischees, stimmt alles nicht, empören sich die Arbeitgeber. "Glauben Sie wirklich, wir würden so etwas akzeptieren und diesen Analysten nicht sofort feuern?", fragt einer. Anderson wird als Nestbeschmutzer angesehen, als Autor, der für die Vermarktung seines Buches die ehemaligen Kollegen verunglimpft. "Ich habe die Exzesse der letzten Jahre beschrieben", räumt Anderson ein. Er wolle, dass die Männer in der City sein Buch läsen. "Die lesen solche Bücher nur, wenn ich das mit Sex und Drogengeschichten ausschmücke." Er selbst sei nie so ein garstiger Typ gewesen.
Trotz aller Empörung - einiges in Andersons Buch entspricht durchaus der Wirklichkeit. In den Handelssälen arbeiten nicht jene hochintellektuellen Akademiker, die mit Unternehmensvorständen Übernahmestrategien austüfteln, sondern derbe Jungs, die mit harten Nerven dem täglichen Gezocke an den Börsen die Stirn bieten müssen. Die Sex- und Drogenexzesse einer jungen Generation von Händlern sind berühmt-berüchtigt. Alkoholkonsum ist ein ernstes Problem, wie die Anonymen Alkoholiker schon seit langem wissen. Die Macho-Einstellung vieler Banker gegenüber Frauen hat in den vergangenen Jahren zu zahlreichen Gerichtsverfahren wegen sexueller Diskriminierung geführt. Und die Interessenskonflikte im Bankgeschäft, die immer wieder zu Insidergeschäften führen, beschäftigen die Londoner Finanzaufsicht, ohne dass sie viel dagegen ausrichten könnte.
Erfahrungen plus Anekdoten
Andersons Buch ist dennoch eine Übertreibung, er hat seine eigenen Erfahrungen mit Anekdoten von Kollegen und Freunden zu einem schlüpfrigen Cocktail einer Skandalgeschichte verpackt. Das Buch hinterlässt den Eindruck, als ob sich die Londoner Finanzgemeinde ständig in Sex- und Drogenskandalen ergötze, wovon keine Rede sein kann. Die große Mehrheit der Mitarbeiter sind ehrgeizige, hart arbeitende und in der Regel seriöse Menschen, die eine Familie zu ernähren haben. Sie haben weder Zeit, Kraft noch Geld, ihr Leben und ihre Karriere mit "Sex and Drugs and Rock 'n' Roll" zu ruinieren.
Der Reiz ihrer Tätigkeit ist nicht das Geld, wie so oft behauptet, sondern die Herausforderung, eng am Puls der Zeit zu arbeiten. Egal ob Aktienmarkt, Anleihemarkt oder Rohstoffmarkt - in den Handelssälen bündeln sich die Informationen der Welt. Jede wirtschaftliche und geopolitische Nachricht wird sofort in Preise umgesetzt. Für viele Mitarbeiter ist die City daher eine intellektuelle Herausforderung, unabhängig vom materiellen Erfolg.
Der Konkurrenzdruck und die hohe Bezahlung können dazu führen, dass Mitarbeiter abheben. "Unsere Bonuszahlungen wurden so extrem erhöht, und über uns wurde so viel Geld ausgeschüttet, dass wir das Verhältnis zum Geld verloren", berichtet James, ein Banker, der sich mit seiner Frau immer neue Immobilien, Sportwagen, teure Urlaube und über Jahre einen hohen Lebensstandard gönnte, heute aber vor den Scherben seiner Ehe steht. "Das ist tragisch für die Gesellschaft und tragisch für jeden Einzelnen", ergänzt Anderson, der in dem Buch beschreibt, wie seine materialistische und egoistische Einstellung ihn letztlich von seinen Freunden, seiner Geliebten und sich selbst entfremdeten.
Trotz des Geldes nicht viele glückliche Menschen
"Ich habe trotz des ganzen Geldes nicht viele glückliche Menschen in der City angetroffen", sagt Anderson. In der Tat wundert es, warum nicht mehr Banker die Brocken hinwerfen und aussteigen. "Aber dann gibt es die teure Ehefrau und Ex-Frau, Kinder in kostspieligen Privatschulen, die Villa in der Toskana und das Luxushaus in Chelsea", erklärt Anderson das Beharrungsvermögen der Banker. Doch das ist oft nur eine Entschuldigung. Viele von ihrer Karriere besessene Männer brauchen den finanziellen Erfolg, die Größe ihres Aston Martin, den Titel auf ihrer Visitenkarte und die Anerkennung aus ihrem Umfeld.
Wer sich hinter den Kulissen mit erfolgreichen Bankern, Anwälten, Wirtschaftsprüfern, Beratern oder Unternehmern unterhält, ist oft erschüttert, wie zerbrechlich ihr Selbstbewusstsein ist. "Wir müssen hier die Kinder wegen Autismus therapieren", sagt etwa eine Kinderpsychologin in der Harley Street, dem Ärztezentrum Londons. "Wenn wir dann vom Verhalten der Väter hören, haben sie genau die gleichen autistischen Züge - deshalb ihr Erfolg in der City."
"Zum Aussteigen fehlt den meisten Bankern die Alternative", sagt Anderson. "Es ist nicht leicht, einen Job aufzugeben, wenn man jedes Jahr 500 000 Pfund abkassiert." Mit der Entschuldigung, man wisse ja nicht, was das Leben noch bringe, und mit dem Blick auf die Zukunft der Kinder erliege man schnell der Versuchung, "nur noch dieses Jahr" durchzuhalten. Das treibe viele Mitarbeiter an, in der Tretmühle zu bleiben.
"Wir haben unsere Prioritäten falsch gesetzt", kritisiert Anderson. "Wir leben nur noch, um zu arbeiten." Er ist entsetzt, wie krass der extreme Reichtum in der City und die relative Armut der Normalbevölkerung auseinanderklaffen - Themen für zwei weitere Bücher, die er schreiben will. Aber die Jahre der Euphorie sind ohnehin vorbei. Die Phase des leichten Geschäftes, der hohen Bonuszahlungen und der immer dickeren Zahlungsschecks ist vorerst Vergangenheit. Über den Londoner Finanzdistrikt rollt eine Kündigungswelle nach der anderen, 20.000 bis 40.000 Entlassungen werden erwartet. "Ich habe höchstwahrscheinlich eine extreme Zeit erlebt", sagt der Ex-Banker.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: BLOOMBERG NEWS