Arbeitsmigranten

Moderne Nomaden

Von Sven Astheimer

Bewegte bunte Welt

Bewegte bunte Welt

26. Februar 2007 

Mit einiger Unruhe hat die Öffentlichkeit registriert, dass im vergangenen Jahr so viele Bundesbürger ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben wie noch nie. Außerdem fiel der Saldo aus Zu- und Abgängen mit 17.000 erstmals seit langem negativ aus. Schnell war die Rede von einem Exodus aus Deutschland, das mit einem veritablen Standortproblem zu kämpfen habe. So richtig der zweite Teil dieses Befundes, so falsch der erste. Denn nach wie vor nimmt die absolute Zahl der Auswanderer noch keine beängstigenden Dimensionen an, machen diesem Land bisher weniger diejenigen zu schaffen, die ihm - oft nur auf Zeit - den Rücken kehren. Schmerzlicher vermisst werden sollten jedoch diejenigen, die nicht kommen.

Junge, gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland könnte auch die deutsche Wirtschaft zunehmend gebrauchen. Doch diese suchen ihr Glück lieber in anderen europäischen Ländern oder in Amerika. Auf Dauer kann Deutschland es sich aber nicht leisten, von diesen Wanderungsströmen ausgenommen zu bleiben.

Kein Grund zur Panik

Eine Bewertung der 150.000 Abwanderer, die das Statistische Bundesamt im vergangenen Jahr registriert hat, ist schwierig, denn die Gruppe ist heterogen. Da finden sich die klassischen Auswanderer, die tatsächlich ihr Bündel schnüren, um anderswo neu anzufangen. Es finden sich aber auch Deutsche aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks, die nach dem Fall des Eisernern Vorhangs in die alte Heimat zurückkehrten. Viele von ihnen sind hier nie zurechtgekommen, ihr Potential lag brach. Die Zahl derer ist groß, die enttäuscht in die Nachfolgerepubliken der ehemaligen Sowjetunion zurückkehren. Und dann gibt es da in der Tat die Gruppe derer, die im Soziologendeutsch als "Arbeitsmigranten" bezeichnet werden. Wie viele das sind, weiß niemand genau. Es spricht aber einiges dafür, dass die Zahl dieser modernen Nomaden wächst.

Das allein ist kein Grund, Alarm zu schlagen. Schließlich gibt es kaum ein größeres Unternehmen, welches heute nicht die Formulierung "Auslandserfahrung erwünscht" in Ausschreibungen als Standard vorsieht. In den Management-Etagen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass von Personal, das jenseits der Landesgrenzen seinen Horizont erweitert hat, auch das Unternehmen profitiert, wenn die Rückkehrer ihr Wissen später in ihre tägliche Arbeit einfließen lassen. Voraussetzung für diesen grenzüberschreitenden Wissens- und Erfahrungsaustausch ist freilich, dass die Arbeitnehmer irgendwann tatsächlich in die Heimat zurückkehren. Wenn dieser "Brain Exchange", wie ihn Wissenschaftler nennen, nicht funktioniert, haben es deutsche Unternehmen noch schwerer, qualifiziertes Personal zu finden.

20 Millionen Arbeitskräfte werden fehlen

Entgegen landläufiger Annahmen sind europäische Arbeitnehmer nach wie vor träge, wenn es darum geht, Gebrauch von der Arbeitnehmerfreizügigkeit zu machen, die es den Bewohnern vor allem der alten Mitgliedstaaten frei stellt, wo sie dem Broterwerb nachgehen wollen. Weniger als zwei Prozent arbeiten in einem anderen Mitgliedsland. Die EU-Kommission hat diesen Mangel erkannt und das vergangene Jahr unter das Motto gestellt, die Mobilität der Arbeitnehmer auf dem Kontinent zu fördern.

Denn nahezu allen Industriestaaten droht auf Grund alternder und schrumpfender Gesellschaften in den kommenden Jahrzehnten ein in dieser Form noch nicht dagewesener Mangel an Arbeitskräften. Die Kommission schätzt, dass auf dem Kontinent bis zum Jahr 2030 rund 20 Millionen Menschen fehlen werden. Deshalb denkt man in Brüssel darüber nach, wie Menschen aus Afrika, Asien und Lateinamerika angelockt werden könnten, und tüftelt an einer Greencard, die nach amerikanischem Vorbild den Weg in die EU ebnet.

Deutsche Politiker tun sich hier besonders schwer. Die Regierung Schröder reagierte immerhin auf das dringliche Flehen der Informationstechnik-Branche im Jahr 2000 mit einer Greencard. Doch auch dieses Ticket strotzte vor Reglementierungen: Es galt nur für eine Branche und war auf fünf Jahre begrenzt. Dem abwanderungswilligen indischen Spezialisten wurde ein klares "Jein" als Antwort auf die Frage gesendet, ob er denn in Deutschland willkommen sei. Immerhin wurden aber von 20.000 möglichen dann doch fast 18.000 Greencards vergeben. Der Zusammenbruch des Neuen Marktes ließ die Aktion jedoch mehr oder weniger in der öffentlichen Versenkung verschwinden. Dass die Zahl der offiziell Arbeitslosen im Jahr 2005 dann auch noch auf mehr als fünf Millionen anschwoll, verstärkte zudem protektionistische Tendenzen in allen Parteien. Als Ergebnis verweigert Deutschland als eines von wenigen EU-Ländern den Arbeitnehmern aus den neuen Mitgliedstaaten bis ins kommende Jahrzehnt hinein den Zugang zum Arbeitsmarkt.

Polen zieht es auf die Insel

Dabei mehren sich hierzulande dank des Aufschwungs die Hilferufe. IT-Unternehmen klagen schon wieder über 20 000 unbesetzte Stellen. Und selbst vermeintliche Sorgenkinder wie der Bau suchen Personal. In Berlin sei kein polnischer Polier mehr zu bekommen, jammern die Unternehmen. Wenig verwunderlich, verdient doch rund eine dreiviertel Million polnischer Bauarbeiter ihr Geld mittlerweile in Großbritannien. Dort sind die Löhne höher und die gesetzlichen Hürden niedriger als in Deutschland.

Noch kann die Politik hierzulande umsteuern. Wirtschaftsminister Michael Glos wollte die Sache in die Hand nehmen, sich vor allem für eine Lockerung des Aufenthaltsrechtes einsetzen. Er ist am Koalitionspartner SPD gescheitert. Ein neuer Versuch wäre dringend angebracht, und allzu viel Zeit sollte er sich damit nicht lassen. Denn andere Länder schlafen nicht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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