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Fachkräftemangel in China

Nicht mehr als ein Jodeldiplom

Von Frank Hollmann



Ingenieur oder ungelernt, dazwischen ist das Angebot rar
08. Mai 2008 
Größer konnte das Gedrängel nicht sein. 800.000 Menschen harrten Anfang Februar auf und um den Bahnhof von Guangzhou aus in der Hoffnung, irgendwie zum größten chinesischen Feiertag nach Hause zu kommen. Doch der schneereichste Winter seit Menschengedenken warf alle Reisepläne über den Haufen. Millionen von Wanderarbeitern kamen zum chinesischen Neujahr erst verspätet nach Hause.

Ein Großteil ist nicht an seine alten Arbeitsplätze zurückgekehrt, beobachten Unternehmer vor allem im Süden der Volksrepublik. Damit wird der ohnehin schon gravierende Mangel an Arbeitskräften weiter verschärft. Dem bevölkerungsreichsten Land der Welt gehen die Fachkräfte aus. Geschätzt 3000 ausländische Unternehmen wagen jeden Monat den Geschäftsstart im Reich der Mitte. Die Folge: Immer mehr Unternehmen suchen vergebens geeignete Mitarbeiter unter den mehr als 1,3 Milliarden Chinesen.

Keine Facharbeiter ausgebildet

„Wir haben auch unsere Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. Wir haben letztes Jahr umgeschaltet und Leute fürs Training hergeholt. Alle zwei Wochen machen wir jetzt Mitarbeiterschulung“, sagt Uwe Seeger vom Schraubenhersteller Würth. Denn die Facharbeiter und Vertriebsleute, die das Unternehmen aus dem baden-württembergischen Künzelsau in Fernost braucht, werden in China nicht ausgebildet. „Der Arbeitsmarkt gibt entweder Hochschulabsolventen her oder ungelernte Arbeiter. Die normale Berufsausbildung gibt es hier nicht“, klagt Seeger.

Mit diesem Problem musste auch MTU fertig werden. Gemeinsam mit Partner China Southern, der größten Fluggesellschaft des Landes, wartet MTU im südchinesischen Zhuhai Triebwerke. Ein Zukunftsmarkt im Reich der Mitte. Was fehlt, sind gut ausgebildete Triebwerksmechaniker. Geschäftsführer Walter Strakosch hat deshalb ein duales Ausbildungsprinzip eingeführt. Selbst graduierte Ingenieure schickt er zur Weiterbildung für sechs bis acht Monate nach Deutschland: „Es war nur schwierig, das unserem Joint-venture-Partner zu vermitteln. Der war immer der Meinung, wenn wir einen einstellen von der Universität und der schraubt, dann ist das hervorrragend. Dass der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und sich mit dem Schraubenzieher eher umbringt, war für unseren Partner schwer zu verstehen.“

Schuld ist die Ein-Kind-Politik

China brauche „unbedingt“ ein duales System wie in Deutschland, eine Mischung aus Berufsschule und Lehre im Betrieb, betont Meng Fanchen, der erste chinesische Geschäftsführer von Siemens in Schanghai. Denn noch immer hätten viele Tätigkeiten ein miserables Image, sagt Meng mit Blick auf seine Zeit in Deutschland: „Auch wenn man eine handwerkliche Ausbildung hat, hat man einen soliden Beruf. Diese Idee fehlt in China.“ Schuld daran ist auch die vor rund 30 Jahren begonnene Ein-Kind-Politik. Besonders in den Boomregionen wie Schanghai schicken Eltern den einzigen Nachwuchs wenn irgendwie möglich auf die Universität. Dafür wird eisern gespart, werden alle Reserven mobilisiert. Von frühester Schulzeit an bekommen selbst Einserschüler Nachhilfe, um die Aufnahmeprüfungen für die Hochschulen zu schaffen. Ein Arbeitsplatz in der Montage oder im Vertrieb wird nicht erwogen.

Wissenschaftliche Karrieren würden gesellschaftlich einfach viel höher angesehen, sagt auch Alexandra Voss, Geschäftsführerin der deutschen Handelskammer in Guangzhou. Deren Mitgliederunternehmen müssen derzeit besondere Anstrengungen unternehmen. Grund ist auch die neue Wirtschaftspolitik von Guangdong, der Kernprovinz im Perlflussdelta an der Grenze zu den Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macao. Die Region boomt. Längst gebe es „keinen großen Unterschied mehr“ im Lohnniveau im Vergleich zur Yangtsemündung rund um Schanghai, sagt Voss. Nun strebt Guangdong einen Imagewechsel an, weg von den Nähstuben und Spielzeugfabriken hin zu Hightech, zu Automobil- und petrochemischer Industrie. Zudem steigen aufgrund des neuen chinesischen Arbeitsgesetzes seit Anfang Mai die Lohnkosten. Arbeiter, die mehr als zwei Jahre im Betrieb sind, bekommen nun beispielsweise Überstundenzuschläge und müssen versichert werden. Schon jetzt suchen gerade in Guangdong viele Produzenten zumindest zusätzliche Standorte in anderen Provinzen mit einem niedrigeren Lohnniveau, oder sie wandern gleich aus, etwa nach Vietnam.

Wanderarbeiter wittern Wohlstand

Nach dem beispiellosen Aufschwung der Küstenstädte in den vergangenen 20 Jahren will Peking nun das Hinterland entwickeln, auch um die Schere zwischen Glitzermetropolen und rückständigen Provinzen nicht noch weiter auseinanderklaffen zu lassen. Aus solchen Regionen stammt das Gros der weit mehr als 100 Millionen Wanderarbeiter, die auf der Suche nach ein bisschen Wohlstand oft jahrelang ihre Familien verlassen. Das bestätigt auch eine landesweite Umfrage der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften vom vergangenen Jahr. In drei von vier der fast 2800 untersuchten Dörfer leben nur noch Alte und Kinder. Der Rest verdingt sich als Wanderarbeiter.

Die werden nun umgelenkt von den reichen Küstenregionen ins Landesinnere, beobachtet Ulrich Mäder, Bekleidungsfabrikant in Ningbo, ein Unternehmer mit inzwischen mehr als 30 Jahren China-Erfahrung. So würden in der schon weit entwickelten Provinz Zhejiang, in der die Privatwirtschaft zwei Drittel des Bruttosozialprodukts erarbeitet, staatliche Nähstuben geschlossen. „Das heißt nicht, dass die Gesamtzahl der Facharbeiter zurückgeht, sondern sie verlagern sich in westliche Provinzen.“

Die Lücke sollen verstärkt höherwertige Produktionen mit anspruchsvolleren Arbeitsplätzen schließen. Die Fachkräfte dafür allerdings fehlen, insbesondere im mittleren Management. Deshalb investieren die Unternehmen viel, um die wenigen qualifizierten Mitarbeiter zu halten. „Bei guten Leuten sind 30 bis 40 Prozent Gehaltsanstieg in den letzten drei bis fünf Jahren die Norm“, rechnet Bekleidungsfabrikant Mäder vor. „Das tut weh“, bestätigt Walter Strakosch von MTU. Denn nicht nur die Löhne steigen, auch die Lohnnebenkosten. Viele Unternehmen versuchen, ihre Angestellten mit kostenlosen Kantinen und Kinderbetreuung sowie Geschenken und Essenseinladungen für außergewöhnliche Umsätze an sich zu binden. Mäder hat damit Erfolg, sagt er. Von den 200 Mitarbeitern, mit denen er vor 12 Jahren anfing, seien 117 noch auf seiner Lohnliste.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [2]
Gibt es diese Idee noch in Deutschland? 08.05.2008, 23:21
Fachkraeftemangel in den USA 08.05.2008, 22:21
 
   
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