Immer mehr Deutsche wandern nach Österreich aus. Zwar steckt auch das südliche Nachbarland in der Rezession. Doch ist der Arbeitsmarkt in einer deutlich besseren Verfassung als im restlichen Europa. Im April hat das Statistikamt Eurostat für Österreich eine Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent errechnet, in Deutschland betrug sie 7,7 Prozent. Zwar wird ein deutlicher Anstieg erwartet, doch noch immer gibt es viele offene Stellen - rund 28.000, schätzt die staatliche Arbeitsmarktservice (AMS).
Gefragt sind nach wie vor Techniker. Hier schielen Personaldienstleister begehrlich auf Deutsche. Wir suchen Techniker auch über die Technische Universität Berlin, berichtet Alexander Wozak, Geschäftsführer von HR Consulting & Managementberatung in Wien. Denn in Österreich finden wir trotz Krise nicht die geeigneten Leute. Er hat erst vor kurzem zwei IT-Spezialisten aus Deutschland vermittelt. Mittlerweile arbeiten mehr als 71.000 Deutsche zwischen Bregenz und Eisenstadt, so die Zählung des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger. Das ist eine Verdoppelung innerhalb von fünf Jahren. Nach den Beschäftigten aus dem ehemaligen Jugoslawien sind Deutsche heute die zweitgrößte Gruppe und rangieren seit 2006 vor den Türken.
Sowohl die Beschäftigungs- als auch die Einkommenschancen gelten in Österreich als attraktiv. Nadine Kürschner ist seit Februar in Salzburg Vertriebsassistentin beim eine Ingenieurdienstleistungsunternehmen. Sie kommt aus Thüringen, ist gelernte Fachangestellte für Arbeitsförderung und hat in Köln eine Weiterbildung zur staatlich geprüften Betriebswirtin absolviert. Unter den 15 Absolventen ihres Jahrgangs ist sie die einzige, die auf Anhieb einen entsprechenden Arbeitsplatz gefunden hat. Wenn ich eine passende Position gefunden hätte, dann wäre ich auch in Deutschland geblieben, meint die 27-jährige Vertriebsassistentin.
Salzburg ist zwar ein teures Pflaster. Doch kommt der jungen Frau zugute, dass sie in Österreich vierzehn Gehälter bezieht. Ich glaube schon, dass ich in Österreich mehr verdiene als in Deutschland schon alleine aufgrund der geringfügigen Besteuerung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes. Als Vorteil empfindet sie die Art und Weise, wie in Österreich mit der Finanzkrise umgegangen wird. In Deutschland hat die Finanzkrise mehr Panik verursacht. In Österreich sieht man das optimistischer.
Diese Erfahrung macht auch Björn Fischer, Ingenieur für Fahrzeugtechnik aus der Umgebung von Dortmund. Er lebt seit drei Jahren in Graz, hat beim Autozulieferer Magna mit einem Praktikum begonnen und ist als Leihtechniker geblieben. Seit zwei Monaten arbeitet er beim Zulieferunternehmen Ventrex Automotive, das Sitzkompressoren, Druckregler und Klimaventile produziert. Im Gegensatz zu den meisten Vertretern der Branche sind die Kapazitäten bei diesem Spezialisten ausgelastet. Es werden sogar noch Stellen aufgebaut. Fischer hat sich an seinem neuen Zuhause gut eingelebt. Positiv empfindet er den zwischenmenschlichen Umgang, den er als höflicher als in Deutschland beschreibt.
Ebenso sieht es Ulrich Elmar Todt. Der Petroleum-Ingenieur ist vor drei Jahren nach Wien zum Erdöl- und Erdgaskonzern OMV gekommen. Zuvor war der gebürtige Sauerländer in Mannheim tätig. Alles in allem spricht er von positiven Erfahrungen in Österreich. Allerdings ist die Arbeitsplanung anders: In Deutschland hält man sich sehr genau an Pläne, in Österreich ist man in der Umsetzung flexibler, pragmatischer. Das hat seiner Meinung nach erheblich zum Erfolg österreichischer Unternehmen in Osteuropa beigetragen. Die Abgaben empfindet Todt höher in seiner Gehaltsklasse, hingegen seien die Gehälter auf ähnlichem Niveau. Auch hat er die Erfahrung gemacht, dass die Lebenshaltungskosten höher sind als in Deutschland. Jedoch sei die Lebensqualität in Wien ausgesprochen hoch. Das vergisst man schnell, wenn man über Kosten spricht. Man ist geneigt, das gern zu bezahlen.
Mittlerweile haben 137.322 Deutsche in Österreich einen Hauptwohnsitz und 83.554 Bürger einen Zweitwohnsitz, wie die Deutsche Botschaft in Wien berichtet. Gegenüber 2006 sind es ein Fünftel mehr Deutsche mit Hauptwohnsitz im südlichen Nachbarland.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth / F.A.Z.