12. Dezember 2006 Amerika, du hast es besser! Zu dieser Einsicht gelangte schon vor rund 180 Jahren Johann Wolfgang von Goethe in der Gedichtsammlung "Zahme Xenien". Millionen von Menschen aus nahezu allen Winkeln der Erde haben sich seither auf den Weg in jenes Land gemacht in der Hoffnung, es möge ihnen dort besser ergehen als in ihrer Heimat. Der Reiz der Vereinigten Staaten als Einwanderungsland ist auch heute noch ungebrochen, wie nicht nur die illegalen Übertritte an der Grenze zu Mexiko belegen. Und die Attraktivität Amerikas gründet sich in vielen Fällen immer noch auf die Erwartung, es dort wie kaum an einem anderen Ort durch harte Arbeit zu etwas bringen und zu Wohlstand gelangen zu können.
Die Lage ist günstig: Der amerikanische Arbeitsmarkt ist trotz der konjunkturellen Abkühlung in den vergangenen Monaten immer noch in ausgezeichneter Verfassung. In den vergangenen fünf Jahren stieg die Arbeitslosenquote nie auf mehr als 6,3 Prozent, derzeit liegt sie sogar rund 2 Prozentpunkte darunter. Ausdruck der großen Dynamik ist nicht zuletzt die Geschwindigkeit, mit der in Amerika neue Stellen entstehen: Die Zahl der Beschäftigten ist seit Sommer 2003 um rund 7,8 Millionen gestiegen. Dabei wirkt sich nicht zuletzt das vergleichsweise lockere amerikanische Arbeitsrecht günstig aus. Einen Kündigungsschutz gibt es praktisch nicht. Das bedeutet aber auch, daß Unternehmen viel schneller als beispielsweise in Deutschland neue Mitarbeiter einstellen, wenn sich die Auftragslage bessert.
Der Weg zum amerikanischen Traum ist allerdings seit einigen Jahren erheblich steiniger geworden. Zwar hat sich am grundsätzlichen Bedarf an gutausgebildeten Fachkräften nichts geändert, zumal der Arbeitsmarkt in guter Verfassung und das Angebot an solchen Arbeitskräften gering sind. Nach wie vor bringt das amerikanische Bildungssystem viele Absolventen mit Universitäts- oder College-Abschluß hervor, nicht aber beispielsweise Handwerker, deren Qualifikation mit der eines deutschen Meisters vergleichbar wäre.
Die Probleme ergeben sich insbesondere aufgrund verschärfter Einreisebestimmungen der amerikanischen Regierung nach den Terroranschlägen des 11. September 2001. Fachkräfte aus dem Ausland, wie es deutsche Dachdecker, Zimmerleute oder Schlosser sind und die nicht über eine dauerhafte Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für die Vereinigten Staaten verfügen, benötigen ein sogenanntes Fachkräftevisum (H1-B Visa). Das jährliche Kontingent, das die amerikanischen Behörden in dieser Visa-Kategorie zur Verfügung stellen, ist von vormals rund 200 000 auf 65 000 geschrumpft. "Schon jetzt ist das Kontingent für 2008 praktisch erschöpft", sagt Gerald Schomann, der sich in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn um die internationale Vermittlung von Fach- und Führungskräften aus Deutschland kümmert. Insbesondere kleinere und mittelgroße Betriebe, beispielsweise auch amerikanische Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen, litten unter den erschwerten Einreisebestimmungen. "Große Konzerne haben es vielfach leichter. Sie können das über den internen Personalaustausch hinbekommen, oder sie haben eigene Anwälte, die sich rechtzeitig um die Beschaffung der Visa kümmern", beschreibt Schomann die Lage.
Der Weg für Ausländer zum beruflichen Erfolg in Amerika führt darum manches Mal über ein sogenanntes Trainings- oder Fortbildungsvisum der Kategorie (J1-Visa). Es ist allerdings mit einer Reihe von Auflagen und Einschränkungen verbunden: Zum einen ist es auf 18 Monate befristet. Zum anderen muß das amerikanische Unternehmen, das zum Beispiel einen jungen Ingenieur aus Deutschland beschäftigen möchte, einen Ausbildungsplan erstellen und ihm einen Betreuer zur Verfügung stellen. "Der Ausbildungscharakter steht hier eindeutig im Vordergrund", erläutert Schomann. Die ZAV vermittle auf diese Weise jährlich "höchstens 50 Bewerber" in die Vereinigten Staaten. Natürlich sei es durchaus möglich, während dieser eineinhalb Jahre nach Möglichkeiten zu suchen, wie die Beschäftigung später fortgesetzt werden kann. Das Fortbildungsvisum unterscheidet sich vom Fachkräftevisum auch noch dadurch, daß der Bewerber es nicht selbst bei der amerikanischen Botschaft oder einem Konsulat beantragen kann, sondern dies durch eine von zahlreichen zugelassenen Sponsororganisationen geschehen muß. Eine von ihnen ist die deutsch-amerikanische Handelskammer in New York. "Wir vermitteln junge Berufstätige aus Deutschland vor allem an unsere Mitgliedsfirmen", sagt Thomas Dzimian, der in der Kammer die "Career Services" leitet. Gefragt sind dort seiner Erfahrung nach vor allem Betriebswirte und Spezialisten in der Informations- und Kommunikationstechnologie.
Weitaus unkomplizierter für junge deutsche Fachkräfte als nach Amerika ist der Weg zum nördlichen Nachbarn Kanada. "Dort hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Es geht um einen globalen Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte", sagt Schomann von der ZAV. Seiner Erfahrung nach werden in den wirtschaftlich besonders schnell wachsenden Provinzen wie Alberta und British Columbia besonders Fachleute in der Holz- und Metallverarbeitung gesucht. "Es handelt sich nicht so sehr um Manager, sondern vielmehr um gut ausgebildete Dachdecker, Schweißer und Schlosser." In anderen Teilen des Landes gebe es Bedarf an Landmaschinen-, Baugeräte-, Nutzfahrzeug- und allgemeinen Kfz-Mechanikern.
Eine Möglichkeit zum Leben und Arbeiten in Kanada bietet ein von der Regierung aufgelegtes Austauschprogramm für junge Arbeitnehmer. Es richtet sich an junge Berufstätige, die jünger als 35 Jahre sind. Sie können zunächst für ein Jahr in Kanada arbeiten. Es sei allerdings völlig unproblematisch, danach eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, sagt Schomann. Einziger Nachteil: Die Familien müssen während des ersten Jahres in der Heimat bleiben. Und das Interesse kanadischer Unternehmen an deutschen Arbeitskräften ist groß. Rund 60 von ihnen werden sich im Februar kommenden Jahres in Deutschland vorstellen und Kontakte zu potentiellen neuen Mitarbeitern knüpfen wollen. Die Termine für die zwei Job-Messen: Am 26. 2. in Essen und zwei Tage später, am 28. 2., in Berlin.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.