Hebammen

Kraftspendende Frauen

Von Josefine Janert

Starker Halt ist gefragt

Starker Halt ist gefragt

15. November 2008 Auf deutschen Geburtenstationen hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert. Brachten die Frauen vor zwanzig Jahren ihre Kinder zumeist in Rückenlage zur Welt, können sie sich nun aussuchen, wie sie gebären - sofern keine medizinischen Komplikationen drohen. Die Schwangere kann in eine Wanne steigen, sich an ein Seil klammern, ihre Familie um sich versammeln. Aromaöl, Kräutertee oder eine CD mit der Lieblingsmusik - alles ist möglich, was das Personal nicht in seiner Arbeit behindert. Auch der Berufsalltag der Hebamme sieht anders aus als früher. Sofern ihr Arbeitgeber nicht drastisch Geld spart und Stellen streicht, kann sie mehr auf die Wünsche der Schwangeren eingehen. Allerdings muss sie - auch wegen der Krankenkassen - „den Verlauf der Geburt und den Zustand der Frau viel intensiver dokumentieren als früher“, sagt die Hebamme Marion Ebeling. Der Papierkram hat also zugenommen. „Außerdem gibt es mehr Kaiserschnitte“, sagt Ebeling, die als Selbständige in Berlin tätig ist.

In Deutschland werden bekanntlich weniger Kinder geboren als vor zwanzig Jahren. Deshalb buhlen die Kliniken in großen Städten mit Infoabenden und allerlei Komfort um die Gunst der werdenden Eltern. Das Evangelische Waldkrankenhaus in Berlin-Spandau zählte im vergangenen Jahr rund 2000 Geburten, das waren 400 mehr als ein Jahr zuvor. Das liegt wohl auch daran, dass ein gemütliches Familienzimmer eingerichtet wurde, in dem der Mann und ältere Kinder gegen einen Obolus auf die Geburt des Babys warten können. Wenig erinnert in dem Zimmer an eine Klinik, vieles an ein Hotel. Auch die Kreißsäle wurden mit freundlichen Farben gestrichen. Die Persönlichkeit der Hebamme ist besonders wichtig, denn vor allem sie begleitet die Frau während der Geburt. „Die Ärzte sind immer da“, berichtet Corinna Heinrich vom Verein zur Errichtung evangelischer Krankenhäuser, dem Träger des Waldkrankenhauses. „Wir wissen aber, dass die Frauen nicht ständig eine Visite wünschen.“ Daher gebe es nur so viel Medizin wie unbedingt nötig.

Entbindungspfleger sind die Ausnahme

Ein großer Teil der rund 17.000 Hebammen wohnt in Ballungszentren. Ländliche Regionen sind dagegen oft eher unterversorgt. Dorthin möchten viele Hebammen nicht ziehen. „Das liegt auch daran, dass ihre Partner dort keinen Job finden“, sagt Edith Wolber vom Bund Deutscher Hebammen. Die Medizinethnologin berichtet, dass nach wie vor fast nur Frauen den Beruf ausüben, der eine dreijährige Ausbildung erfordert. Für Männer haben sich Arbeitsmarktexperten zwar die Bezeichnung Entbindungspfleger ausgedacht. Allerdings kennt Wolber nur einen einzigen. In den Niederlanden und in Dänemark seien traditionell mehr Kollegen tätig.

Marion Ebeling entschied sich für den Beruf, weil ihre Mutter ihr von ihren angenehmen Erfahrungen mit ihrer Hebamme erzählte. Ebeling ist das älteste Kind und die Hebamme hatte während der Geburt viel zu tun. „Meine Mutter beschrieb sie als kraftspendende Frau“, sagt sie. In Berlin betreut Ebeling Frauen vor und nach der Geburt. Beim eigentlichen Vorgang ist sie nicht mehr dabei, da sie diese kräftezehrende und zeitaufwendige Arbeit nicht mit ihrem Familienleben vereinbaren kann. Marion Ebeling hat sich darauf spezialisiert, Frauen in Krisen zu begleiten, etwa, wenn sie unter Schwangerschaftsbeschwerden leiden oder wenn nach der Geburt eine Depression droht. Sie hilft den Müttern auch, einen geeigneten Rhythmus fürs Stillen zu finden. Vielen Frauen, die jetzt Kinder gebären, fällt das schwer, erzählt Ebeling. Sie gehören zu der Generation, die in den späten sechziger und den siebziger Jahren in der Bundesrepublik nicht mehr selbstverständlich von ihren Müttern gestillt wurden. In der DDR war das anders.

Feinfühlig auf Besonderheiten achten

In Großstädten besuchen Hebammen an einem Tag oft drei, vier Nationalitäten. Hier ist Feingefühl gefragt. „Das bedeutet nicht, dass ich Türkisch oder Jemenitisch können muss“, sagt Edith Wolber. Vielmehr geht es darum, Menschen in ihrem kulturellen Kontext zu verstehen und behutsam einzugreifen. In kurdischen Familien etwa ist es üblich, dass nach der Geburt eines Kindes viele Gäste den Eltern ihre Aufwartung machen. Die Familie gibt Rückhalt. Jedoch ist es laut. Das Kind kommt nicht zur Ruhe, womöglich schreit es unentwegt. Die Hebamme kann vermitteln, kann darum bitten, dass der Fernseher ausgeschaltet, die Zigaretten ausgemacht werden und nur ein oder zwei Menschen gleichzeitig das Zimmer betreten, in dem das Baby liegt.

Trotz ihrer hohen Qualifikationen werden Hebammen ähnlich wie andere Angestellte in sozialen Berufen schlecht bezahlt. Eine Berufsanfängerin erhält rund 1500 Euro netto, in Ostdeutschland oft weniger. Edith Wolber rechnet aber damit, dass in den nächsten fünf Jahren Studiengänge für Hebammen eingerichtet werden. Mit einem Hochschulexamen können sich die Absolventinnen dann stärker in wissenschaftliche Debatten einbringen. Auch die Bezahlung sollte sich verbessern. Hebammen werden an Berufsfachschulen ausgebildet, die in der Regel Frauenkliniken und Krankenhäusern angegliedert sind. Immer mehr Kolleginnen arbeiten selbständig oder in den Geburtshäusern der großen Städte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Michael Kempf

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche