Die Wettermacher

Zwischen Superrechner und Schauerwolke

Von Julia Löhr

Hier wohnt das Wetter: Hauptspeicher des Wetterdienstes

Hier wohnt das Wetter: Hauptspeicher des Wetterdienstes

01. Juli 2009 Es gibt zwei Welten beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach, eine neue und eine alte. Die neue Welt verkörpert Henning Weber, 38 Jahre alt, promovierter Physiker, Spezialgebiet Teilchenphysik, Leiter Systembetreuung des Wetterdienstes. Weber ist einer der Köpfe hinter SX-9, dem Supercomputer, der die Daten der vielen Messstationen sammelt, die im ganzen Land verstreut sind. Auch Bojen im Wasser senden Informationen nach Offenbach, ebenso wie Sensoren an Verkehrsflugzeugen. Hinzu kommen jene Informationen, die von den Kollegen der ausländischen Wetterdienste eingehen. All das wird in dem modernen Bürogebäude im Rhein-Main-Gebiet mit Rechenmodellen zu Wettervorhersagen verarbeitet - undenkbar ohne Computer.

Im Rechenzentrum ist der Lärmpegel so hoch, dass sich Weber nur schreiend verständigen kann. „Was so laut ist, das ist die Kühlung“, ruft er durch das Getöse, während er durch die schmalen Gänge mit den mannshohen Rechnern läuft. Rund drei Jahre hat es gedauert, bis das Unternehmen NEC in Japan den Supercomputer für den Deutschen Wetterdienst entwickelt hatte, drei Monate nahm der Aufbau in Anspruch. Kostenpunkt: 40 Millionen Euro. Und schon jetzt steht fest: In einigen Jahren wird ein neuer Rechner noch mehr Daten in noch schnellerer Zeit verarbeiten können.

Nichts anderes als Simulationen

Physiker Henning Weber ist einer der Köpfe hinter dem Superrechner des Deutschen Wetterdienstes

Physiker Henning Weber ist einer der Köpfe hinter dem Superrechner des Deutschen Wetterdienstes

Henning Weber ist ganz der Typ Techniker. Schon im Studium entwickelte er Computermodelle, mit deren Hilfe sich Experimente simulieren ließen. Eine Fähigkeit, die er heute gut gebrauchen kann, schließlich sind Wettervorhersagen nichts anderes als Simulationen, wie sich Wind, Wolken und Sonne in den nächsten Stunden wahrscheinlich verhalten werden. Seinen jetzigen Arbeitgeber kennt Weber schon seit der Jugend: Als Schüler absolvierte er ein Praktikum beim Wetterdienst. Außerdem hat er schon früh seinen Segelflugschein gemacht. „Eine gewisse Verbindung zum Wetter hatte ich also schon länger“, sagt er.

Seit 2003 arbeitet Weber nun beim Deutschen Wetterdienst, einer Behörde, die an das Bundesverkehrsministerium angegliedert ist. Ein typischer Arbeitstag beginnt um 9 Uhr. Um 9.30 Uhr ist Besprechung im „Leitstand“. Die Mitarbeiter analysieren die Störungen der Nacht, wann welcher der sensiblen Großrechner, die dicht an dicht in zwei weitläufigen Maschinensälen aufgestellt sind, nicht so funktionierte, wie er das eigentlich sollte. „Irgendein Gerät spinnt immer“, sagt Weber.

Reichlich Projektarbeit

Meteorologe und Tornado-Fachmann Andreas Friedrich traut den Prognosen der Computer nur bedingt

Meteorologe und Tornado-Fachmann Andreas Friedrich traut den Prognosen der Computer nur bedingt

Grundsätzlich sei es kein Problem, sich als Nicht-Wetterfachmann in die Welt aus Windgeschwindigkeit, Sichtweite und Luftdruck einzufinden. „Aber es dauert schon Jahre, bis man im Störfall das richtige Bauchgefühl hat, woran es gelegen hat.“ Für Notfälle stehen in einem Nachbarraum zwei große Dieselgeneratoren, die in Sekundenschnelle anspringen und zwei Tage lang Strom liefern können.

Neben der täglichen Computerpflege verbringen Weber und seine insgesamt 21 Mitarbeiter - darunter Physiker, Mathematiker und Informatiker - ihre Zeit mit reichlich Projektarbeit, Konzepten, Anträgen, Ausschreibungen, Stellungnahmen und allen formalen Genehmigungsprozessen, die zu einer Behörde gehören. Aktuell etwa läuft ein Projekt, mit dem das Archivsystem des Wetterdienstes ersetzt werden soll. Allein die nötigen Ausschreibungen dauerten Monate, erzählt Weber.

Dass er weder Meteorologe noch Informatiker ist, sei für seinen beruflichen Werdegang nie ein Hindernis gewesen, ganz im Gegenteil: „Als Physiker war ich immer Benutzer von Computersystemen“, erklärt Weber. „Diese Sichtweise hilft mir heute.“ Er sieht sich in erster Linie als internen Dienstleister. Erst die Meteorologen mit ihrer Erfahrung würden aus den Daten und Berechnungen der Computer die Prognosen machen, die es später in die Öffentlichkeit schaffen.

„Wir verfeinern das, was die Rechner ausspucken“

Die alte Welt des Deutschen Wetterdienstes wird verkörpert von Menschen wie Andreas Friedrich, von Beruf Meteorologe und Tornado-Experte, ein Wettermann durch und durch. „Ich hab meinen Schülertraum zum Beruf gemacht“, erzählt der 51 Jahre alte Mann. „Schon in der Grundschule habe ich eine Wetterstation aufgebaut.“ Nach dem Abitur studierte Friedrich Meteorologie, kam anschließend zunächst mit einem Zeitvertrag zum Deutschen Wetterdienst. „Wir verfeinern das, was die Rechner ausspucken“, umreißt er die Arbeit von sich und seinen knapp 30 Kollegen, die ebenso wie die Mitarbeiter im Rechenzentrum im Dreischichtbetrieb arbeiten. „Ein Mensch bekommt das immer noch besser hin“, sagt er, und es klingt wie ein kleine Warnung in Richtung Rechenzentrum. So verlasse etwa keine Unwetterwarnung den Wetterdienst, ohne dass zuvor ein Mensch darauf geschaut und die Prognose des Computers als plausibel eingeschätzt habe.

Ein Dutzend Informationen sendet jede Messstation, von der Temperatur über Windrichtung, Bewölkung, Luftdruck bis hin zur Sichtweite. Auch Friedrich kommt in seiner Arbeit nicht ohne Computer aus, ein Satellitenbild von Deutschland ist auf seinem Monitor zu sehen, darauf leuchtende Punkte, die Wetterstationen, und einige rot leuchtende Gewitterzonen. „Schauen Sie mal raus“, sagt Friedrich, „ein Meteorologe kann genau sehen, um was für Wolken es sich handelt, ob das Schauerwolken sind oder nicht.“

Mal stellt Friedrich die Prognosen für Fernsehsender und Radiostationen zusammen, mal erstellt er im Auftrag von Unternehmen individuelle Prognosen - etwa, wenn ein Konzertveranstalter wissen will, ob eine Veranstaltung im Freien stattfinden kann oder doch lieber verlegt werden sollte. Jeder Tag sei anders, man merkt Friedrich die Freude an seinem Beruf an. Auch heute pflegt er eine kleine, private Wetterstation: „Ich hab nie Feierabend.“ Manchmal zum Leidwesen von Familie und Freunden, erzählt Friedrich, etwa, wenn er abends Regen prognostiziert und es am nächsten Morgen tatsächlich in Strömen gießt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth / F.A.Z., Unternehmen

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