Die unsichere Zukunft und die Schadenfreude ihrer Mitmenschen belastet viele Banker
Am Anfang stand die Hoffnung, dass der Sturm an ihm vorüberzieht. Aber dann packte den New Yorker Banker immer mehr die Angst, dass sein Job in Gefahr sein könnte - und damit die ganze Bilderbuchexistenz seiner Familie: das stattliche Einkommen, die schicke Eigentumswohnung, die Privatschule für die Tochter, das sorgenfreie Geldausgeben. Bald konnte er nachts nicht mehr schlafen. Angstzustände beherrschten sein Leben, und er kam zu dem Schluss, dass er Hilfe braucht.
Das war vor sechs Wochen, und seither ist er Patient bei Clay Cockrell, einem Psychotherapeuten in der Stadt. Cockrell versucht, den Banker aufzurichten, und seine Aufgabe ist nicht leicht. Denn in der Zwischenzeit hat der Mann seinen Arbeitsplatz tatsächlich verloren. Er war bei einer der Banken, die es mittlerweile nicht mehr gibt, sagt Cockrell vage, um nicht zu viel über die Identität seines Patienten preiszugeben.
Die Angst um den Job ist allgegenwärtig
An Fälle wie diesen hat sich der Therapeut mittlerweile gewöhnt: Mehr als 15 seiner Patienten sind aus der Finanzbranche. Vier von ihnen sind gerade arbeitslos geworden, und einigen anderen droht das gleiche Schicksal, sagt er.
Cockrell kann sich allgemein nicht über mangelnde Arbeit beklagen: Im Moment kommen 35 bis 40 Patienten in der Woche zu ihm. Vor der Finanzkrise waren es oft nur 25. Cockrell ist selbst ein wenig überrascht, dass seine Dienste so gefragt sind: Vor ein paar Monaten habe ich noch mit Kollegen gejammert, dass schwere Zeiten auf uns zukommen würden, wenn sich die Wirtschaftslage verschlechtert. Aber jetzt passiert genau das Gegenteil.
New York ist traditionell eine Goldgrube für Cockrells Branche. Ein gerne zitiertes Klischee lautet, dass jeder New Yorker einen Therapeuten hat. Das mag etwas übertrieben sein, aber der Gang zur Therapie ist für New Yorker ganz normal und mit keinerlei Stigma verbunden. Es ist ein völlig akzeptables Partythema, über die Ratschläge seines Psychotherapeuten zu sprechen. Nun zeigt sich: Das Geschäft ist nicht nur krisensicher, sondern erlebt in der Krise sogar einen wahren Boom.
Clay Cockrell ist kein Einzelfall: Auch viele seiner Kollegen in der Stadt berichten von einem wahren Ansturm auf ihre Praxis in den vergangenen Wochen. Therapeutin Nancy Newhouse erzählt, dass sie im Moment 55 Patienten in der Woche hat, zehn mehr als üblich. Ein Viertel ihrer Patienten kommt aus der Finanzbranche. Das seelische Wohlbefinden gehört offenbar nicht zu den Dingen, an denen die New Yorker sparen, obwohl Psychotherapie ins Geld gehen kann: Clay Cockrell verlangt 150 Dollar in der Stunde, bei Nancy Newhouse sind 140 Dollar fällig.
Angst vor der Zukunft treibt die Menschen in New York dazu, Beistand zu suchen. Das Bild ist düster, denn kaum eine andere Stadt dürfte so stark von der Finanzindustrie abhängen wie New York. Fast ein Viertel des Einkommens aller Bewohner entfällt auf Mitarbeiter in der Finanzbranche. Mit ihren gigantischen Gehältern und Boni waren die Banker immer der Motor der Stadt. Ob Immobilienmakler, Restaurantbesitzer oder Autohändler: Viele Branchen haben davon profitiert, dass Banker ihr Geld mit vollen Händen ausgegeben haben.
Kurstürze belasten das Seelenleben der New Yorker Börsenhändler
Die Schieflage an der Wall Street lässt nun aber harte Zeiten anbrechen: Die Stadtverwaltung rechnet damit, dass in den nächsten zwei Jahren 35.000 Arbeitsplätze in der Finanzindustrie verloren gehen - und obendrauf noch einmal 130.000 Jobs in anderen Bereichen.
Die Probleme der Wall Street stecken also die ganze Stadt an, und das zeigt sich in den Praxen der Psychotherapeuten: Es kommen mehr Banker, aber auch Menschen aus anderen Branchen. Clay Cockrell betreut seit kurzem einen Restaurantinhaber, dessen Geschäfte zuletzt immer schlechter gelaufen sind.
Das Symbol für den Anfang vom Ende: Die New Yorker Börse
Der entlassene Banker aus Cockrells Patientenkreis hat schwer mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes zu kämpfen: Er macht eine Achterbahnfahrt der Gefühle durch: In einem Moment kocht er vor Wut, im nächsten ist er deprimiert, und dann keimt auf einmal wieder ein bisschen Hoffnung auf, erzählt der Therapeut, der seine Gespräche mit Patienten bei Spaziergängen an der frischen Luft führt und dies unter dem Namen Walkandtalk anbietet. Die Frustration des Bankers sei umso größer, weil er nun seinen ganzen Karriereweg anzweifele: Er war nie mit vollem Herzen in der Branche. Er wollte eigentlich etwas Kreatives machen, aber auf Druck der Eltern und aus Sicherheitsdenken heraus ist er Finanzmann geworden. Diese vermeintliche Sicherheit habe sich nun als trügerisch erwiesen.
Cockrell sieht seine Aufgabe nicht darin, die Dinge schönzureden: Man kann es nicht anders sagen: Seine Lage ist im Moment schlicht und einfach beschissen. Und es ist wichtig für ihn, diesen Verlust auch bewusst zu erleben. Er soll seine Wut und seine Trauer rauslassen. Die Entlassung ist noch frisch, deswegen sieht es der 38 Jahre alte Therapeut im Moment als seine wichtigste Funktion, zuzuhören. Im Laufe der Therapie werde es verstärkt um zukunftsgerichtete Schritte gehen. Dann müssen wir fragen: Was soll der Patient an seinem Leben ändern? Sollte er vielleicht doch einen anderen Weg einschlagen?
Zukunftssorgen machen sich nicht nur diejenigen, die arbeitslos geworden sind: Es gibt ein allgemeines Gefühl, dass die Party vorbei ist, sagt Therapeutin Aimee Hartstein. Von ihren Patienten aus der Finanzindustrie ist bislang niemand entlassen worden, aber sie stellen sich auf weniger üppige Zeiten mit niedrigeren Gehältern und Boni ein und fragen sich, ob sie sich geplante Reisen oder Anschaffungen noch leisten sollten.
Die Menschen sind gestresst von der Unsicherheit, auch wenn ihr Job gar nicht gefährdet ist, sagt die 60 Jahre alte Nancy Newhouse. Manche Patienten fühlen sich von den Ereignissen in der Finanzbranche erschüttert, auch wenn sie nicht direkt betroffen sind: Eine Patientin war völlig traumatisiert, als sie am Tag der Insolvenz von Lehman Brothers an der Zentrale vorbeiging und die Mitarbeiter sah, die ihre persönlichen Sachen in Kartons rausgetragen haben. Sie meinte, der Anblick sei ihr so schlimm vorgekommen wie die Terroranschläge am 11. September.
Die Geld- und Karrieresorgen der Patienten aus der Finanzbranche hinterlassen auch in deren Privatleben Spuren, wie die Therapeuten feststellen: Geld ist der wichtigste Grund, warum Beziehungen in die Brüche gehen, sagt Nada Stotland, Präsidentin des Verbands American Psychological Association (APA).
Manchmal kann das aus blanken materialistischen Motiven geschehen, wie Clay Cockrell erzählt. Also zum Beispiel verlässt jemand seinen Partner, weil der als Einkommensquelle versiegt. Der Regelfall sei aber, dass ein Jobverlust oder finanzielle Sorgen eine Barriere in der Beziehung schaffen: Viele Menschen können es nicht ertragen, wenn sie ihren Partner leiden sehen, und sie wissen nicht, wie sie helfen können. Oft holt Cockrell daher die Partner seiner Patienten bei den Therapiegesprächen mit dazu.
Noch etwas anderes macht den Bankern nach Meinung von Verbandspräsidentin Stotland zu schaffen: Sie fühlen sich gedemütigt, und ihr altes Selbstbild als Masters of the Universe wie in Tom Wolfes Roman Fegefeuer der Eitelkeiten ist beschädigt. Die Banker haben sich daran gewöhnt, zu den Schlauen und Erfolgreichen zu gehören. Jetzt sind sie abgestürzt, und sie werden auch noch als die Schuldigen in dem ganzen Schlamassel geächtet. Auf einmal heißt es: Geschieht dir ganz recht, du Großmaul!
Entsprechend hört Aimee Hartstein im Moment bei vielen Patienten, die nicht aus der Finanzindustrie kommen, ein bisschen Schadenfreude heraus. Es ist ein Gefühl der Genugtuung, dass die da oben auf den Boden zurückgeholt worden sind. Die 38 Jahre alte Therapeutin meint, bei den New Yorkern habe sich viel Eifersucht und gar Wut auf die Banker angestaut: Die riesigen Gehälter an der Wall Street haben New York zu einer Stadt der reichen Banker gemacht, die mit Geld um sich werfen und die Preise ins Astronomische treiben. Der Rest der Stadt muss sich da zwangsläufig außen vor fühlen, selbst Leute, die eigentlich gute Jobs haben.
Auch Byram Karasu konnte sich in seiner Praxis vor Anrufen von Bankern zuletzt kaum retten. Mehrere Dutzend New Yorker aus der Finanzindustrie wollten einen Termin bei dem 73 Jahre alten Therapeuten haben, und er hat fast alle abgewiesen, weil er ausgebucht ist. Karasu ist ein Sonderfall in der Branche, denn seine Klientel ist hochelitär: Er berechnet 1000 Dollar für eine 45-Minuten-Sitzung und hat sich auf die Reichsten und Mächtigsten aus Wirtschaft und Politik spezialisiert. Vier von fünf seiner Patienten stammen aus der Finanzbranche, aber in einer derart hohen Liga, dass die jüngsten Turbulenzen sie nicht aus der Bahn werfen: Bei denen kommt es auf ein paar hundert Millionen Dollar hin oder her nicht an.
Entsprechend wird in den Therapiesitzungen über die Finanzkrise höchstens am Rande gesprochen. Meine Patienten haben mit ihrem Reichtum eine Schwelle erreicht, bei der Geld seine Bedeutung verliert. Sie kommen zu mir, weil sie nach Gelassenheit und einem Lebenssinn jenseits von Geld suchen. Entsprechend unaufgeregt zeigen sich Karasus Patienten bei den Gesprächen, wenn es um die Folgen der Finanzkrise für ihr Vermögen geht: Heute morgen hatte ich jemanden von einem Hedge-Fonds, der innerhalb von ein paar Tagen eine Milliarde Dollar verloren hat. Das hat er nur ganz nebenbei erzählt und dabei gelächelt. Dann sind wir zu unseren normalen Gesprächsthemen übergegangen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, dpa, picture-alliance/ dpa