Angebot und Nachfrage

Praktikum? Da war doch was!

Von Sven Astheimer

28. Februar 2008 Das Telefon von Kolja Briedis klingelt heute deutlich seltener als noch vor einem Jahr. Zumindest sind die Anrufe "sehr selten" geworden, in denen es um das Thema Praktikum geht. Genauer gesagt, um die "Generation Praktikum". Briedis ist Mitarbeiter des Hochschulinformationssystems, kurz HIS. Dieser private Dienstleister liefert unter anderem umfangreiche Datensätze aus der deutschen Hochschullandschaft. Damals, erinnert sich Briedis, bestand ein ungeheures Interesse an Informationen darüber, ob deutsche Hochschulabsolventen gleich reihenweise in Praktika ausgebeutet werden. Ob gierige Unternehmen deren Lage ausnutzten und Stammarbeitsplätze in billige Praktikantenstellen umwandelten.

Ihren Ausgangspunkt hatte die Debatte in Medienbeiträgen des Jahres 2005 gehabt, die über entsprechende Einzelfälle berichteten und daraus flugs ein ganzes Generationenproblem konstruierten. Es entstanden Internetforen zum Thema, auf denen sich Betroffene austauschten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) machte sich zum Sprachrohr der sonst innerhalb der Gewerkschaftsszene gerne vernachlässigten Akademiker und forderte die Bundesregierung auf, eine Art Mindestlohn für Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss von 7,50 Euro einzuführen. Abgeordnete von SPD, Grünen und der Linkspartei stimmten in das Klagelied ein (Der Mythos „Generation Praktikum“).

Den Höhepunkt bildete eine entsprechende Petition im Deutschen Bundestag. Die Berlinerin Desiree Grebel hatte, begleitet vom DGB, fast 50.000 Unterzeichner gefunden für ihre Forderung, dass Praktika nach drei Monaten in Festanstellungen umgewandelt werden müssen. Dann kam Kolja Briedis.

„Zum ersten Mal wirklich repräsentative Daten“

"Wir haben zum ersten Mal wirklich repräsentative Daten zu dem Thema vorgelegt", sagt Briedis. Im Rahmen einer regelmäßigen Befragung von rund 10.000 Absolventen des Jahrgangs 2005 hatte das HIS erstmals auch gezielt die Erfahrungen mit Praktika abgefragt. Das Ergebnis stellte die bisherigen Annahmen quasi auf den Kopf. Die erste Erkenntnis lautete: Praktika sind kein Massenphänomen und Kettenpraktika nur Ausnahmeerscheinungen. Zweitens: Das Auftreten von Praktika ist stark abhängig vom Studiengang des Absolventen beziehungsweise der Branche des anbietenden Unternehmens. In der Pharmazie hatten gerade mal 2 Prozent, im Maschinenbau 4 Prozent Erfahrungen mit Praktika gesammelt. In den Geisteswissenschaften waren es dagegen über 20 Prozent. Und drittens: Die meisten Praktikanten (90 Prozent) waren mit ihren Aufgaben während dieser Zeit zufrieden, beurteilten sie für die Jobsuche als durchaus hilfreich.

Die Veröffentlichung der HIS-Studie im April 2007 nahm den Praktika-Gegnern gehörig Wind aus den Segeln, und die öffentliche Debatte brach schlagartig ab. Dazu trug eine weitere Entwicklung bei: Der dynamische Aufschwung am Arbeitsmarkt, welcher im Jahr 2006 einsetzte, sorgte dafür, dass die Nachfrage nach qualifiziertem Personal im Allgemeinen und nach Akademikern im Besonderen in die Höhe schnellte. Im vergangenen Jahr setzte sich die Entwicklung dann verstärkt fort, wie aus aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht. Demnach waren von Januar bis Dezember mehr als 180 000 Stellen speziell für Akademiker in den Arbeitsagenturen ausgeschrieben, dies waren rund 7,9 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Gesucht werden jedoch nicht nur Ingenieure und Naturwissenschaftler, sondern Absolventen fast jeder Fachrichtung. Selbst für Geisteswissenschaftler wuchs die Zahl der Offerten um 11 Prozent.

Viele Stellen für Akademiker werden jedoch auf anderen Wegen ausgeschrieben, etwa gezielt in Printmedien. Hier fällt der Anstieg noch deutlicher aus: Im Vorjahresvergleich stieg die Zahl der offenen Stellen um mehr als 13 Prozent auf 177 000, wie aus dem Adecco-Index hervorgeht, der die Entwicklung der Stellenanzeigen von mehr als 40 Printmedien abbildet.

„Es gibt nach wie vor viel Missbrauch“

In Zeiten des Fachkräftemangels und eines allgemein sinkenden Arbeitskräfteangebots können es sich Unternehmen zusehends weniger leisten, potentiellen Mitarbeitern vor der Festanstellung noch ein Pflichtpraktikum zu verordnen, möchte man meinen. Für René Rudolf ist das Thema allerdings noch nicht vom Tisch. Als Bundesjugendsekretär des DGB verfolgt er die Entwicklung aufmerksam weiter. "Die Eingaben von Betroffenen auf unserer Internet-Seite reißen nicht ab", sagt er und dass er überzeugt sei, dass sich an der Problematik nichts geändert hat. "Es gibt nach wie vor viel Missbrauch mit Praktika."

Deshalb setzt der Gewerkschaftsnachwuchs jetzt auf die Politik, fühlt sich allerdings ein wenig hingehalten. Immer wieder habe das Bundesministerium für Arbeit und Soziales eine eigene Untersuchung in Aussicht gestellt, auf deren Grundlage man dann mögliche gesetzliche Schritte abwägen wolle. Bislang sei aber noch nichts bekanntgeworden.

Zuletzt preschte nun die stellvertretende SPD-Vorsitzende Andrea Nahles mit der Behauptung vor, das Ergebnis des Gutachtens bereits zu kennen. Demnach bestehe das Praktikumsproblem weniger für Akademiker als für schlechter ausgebildetes Personal. Neue Bezeichnungen wie "Arbeitserprobung" oder "Einarbeitungsverhältnis" stünden für ausbeuterische Arbeitsverhältnisse. Die SPD-Fraktion wolle deshalb einen Gesetzesvorstoß starten, um klarzustellen, welche Beschäftigungsverhältnisse sittenwidrig und zu ahnden sind.

Arbeitsministerium wiegelt ab

Das Arbeitsministerium wiegelt jedoch ab. Noch lägen gar keine endgültigen Ergebnisse der Untersuchung vor. Mit einer Veröffentlichung sei jedoch bald zu rechnen. Dann werde sich Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) zu möglichen Konsequenzen äußern.

Auch Kolja Briedis behält die Entwicklung weiter im Auge. Allerdings mit der aus seiner Sicht gebotenen Gelassenheit. Vor kurzem wurde die routinemäßige zweite Befragung des Absolventenjahrgangs 2001 abgeschlossen. Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen, doch Briedis glaubt, dass Praktika fünf Jahre nach Eintritt dieser Generation ins Berufsleben "so gut wie keine Rolle mehr spielen". Die nächsten Interviews mit frischgebackenen Akademikern stehen erst in vier Jahren wieder ins Haus, für ein Vorziehen gebe es keinen aktuellen Anlass.

Eine Entwicklung beobachtet Briedis allerdings mit großer Erleichterung. Nachdem die Missbrauchsdebatte zunächst alle Praktika unter Generalverdacht gestellt und deren Ansehen in der Bevölkerung argen Schaden erlitten habe, werde die Debatte nun wesentlich differenzierter geführt. Selbst die größten Kritiker unterscheiden mittlerweile zwischen dem Reinschnuppern in Unternehmen während des Studiums und der Alternative beziehungsweise Vorstufe zur Festanstellung von fertig ausgebildeten Akademikern. Gerade Praktika zur beruflichen Orientierung seien immens wichtig, wie die Befragung ergeben habe. Viele Berufstätige gaben an, durch das Knüpfen von Kontakten in dieser Phase an ihren späteren Job gekommen zu sein. "Deshalb rate ich den Studenten immer: Macht Praktika", sagt Briedis. "Aber nicht nach dem, sondern während des Studiums."

Text: F.A.Z., 23.02.2008, Nr. 46 / Seite C1
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

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