Palomar 5

Die Hippies aus dem Ideenhaus

Von Anna Loll

Sie sind kreativ...

Sie sind kreativ...

27. November 2009 Rund 76.000 Lichtjahre ist der Kugelsternhaufen Palomar 5 von der Erde entfernt. Ungefähr genauso weit weg scheint auf den ersten Blick das Camp Palomar 5 in Berlin-Tempelhof von der Arbeitswelt: „Wie könnte ein Arbeitgeber besser den Bedürfnissen seiner Angestellten gerecht werden?“, fragt ein Poster an einem riesigen Raumteiler in der alten Fabrik, wo sich das Projekt seit dem 9. Oktober eingemietet hat. „Leidenschaft“, „Umarmung“, „Verliebtsein“ sind als Antworten eingekreist.

Dem Brainstorming lag der Begriff der Liebe als Metapher zugrunde; die Idee, eine Festanstellung als feste Beziehung zu denken und das Freiberuflerleben als Singletum. „Wir müssen ungewöhnliche Wege gehen, wenn wir mit alten Paradigmen brechen wollen“, sagt Jonathan Imme auf einem roten Mini-Liegestuhl in einem der Arbeitsräume, die mit bekritzelten Wänden und bunten Skulpturen in den Ecken an eine Mischung aus Künstleratelier und Kindergarten erinnern. Dass ein Bruch in der Arbeitswelt notwendig ist, steht für den Organisator von Palomar 5 außer Frage. „Die klassische Festanstellung mit klar geregelten Aufgaben und Arbeitszeiten ist für viele Menschen nicht mehr attraktiv. Geld und Sicherheit sind als Motivationsfaktoren nicht mehr genug.“

...dynamisch...

...dynamisch...

Um herauszufinden, was genau verändert werden sollte, hat der 25-Jährige mit fünf Mitstreitern Palomar 5 gegründet. In einer Diskussionsrunde auf einer Veranstaltung in Berlin kam der Musikbusiness-Student auf die Idee, ein „Ideenhaus“ zu bauen. Der Vorstand Produkt und Innovation der Deutschen Telekom, Christopher Schläffer, war dabei: „Ich spüre hier eine gute Idee. Macht doch mal ein Konzept dazu“, schlug er Imme und dessen Freunden vor. Fünf Tage später saßen sie in einem von der Telekom gemieteten Büro, um ein sechswöchiges Camp mit 30 Kreativen aus der ganzen Welt zu organisieren.

600 Bewerbungen aus der ganzen Welt

Für das Camp haben Imme und sein Team 600 Bewerbungen aus der ganzen Welt erhalten, 28 Teilnehmer aus 13 Ländern haben sie herausgesucht. Alle sind unter 30 Jahren. Das war die Vorraussetzung. Ansonsten ist die Mischung bunt. Vom Künstler über den Ingenieur bis zum Wissenschaftler sind verschiedene Kreativrichtungen vertreten. Viele sind Freiberufler, manche kommen aber auch aus Festanstellungen oder sind bereits Unternehmer.

... und konzentriert.

... und konzentriert.

„Ich bin eine Art Megamaniac“, sagt Kosta Grammatis, ein 24 Jahre alter Amerikaner. Er will ein satellitenbasiertes, kostenloses Internet anbieten. Eine Gruppe von fünf Palomar-5-Teilnehmern hat sich jetzt um Grammatis geschart, um die Idee weiterzuentwickeln. „Mit nur einem Satelliten kann man einen ganzen Kontinent abdecken“, schwärmt er. Am besten fände Grammatis es, wenn die Vereinten Nationen sich des Themas annehmen würden. Freier Zugang zu Informationen sei ein Menschenrecht, den er und sein Team nicht nur von Unternehmen kontrolliert sehen möchten. „Wir sind hier bei Palomar 5 schon zu einem ziemlich hohen Maß echte Hippies.“

Hippies mit Expertenwissen

Hippies mit Expertenwissen - Grammatis weiß, wovon er spricht. Für das Unternehmen Space X hat er eine Rakete mitkonstruiert, die einen kommerziellen Satelliten ins All geschossen hat. Medienaufmerksamkeit bekam er durch die künstliche Augenprothese Eyeborg, die er für den Filmemacher Rob Spence konstruiert hat. Grammatis hat Abschlüsse in Kreativem Schreiben und Ingenieurwissenschaft. Eine Festanstellung kann er sich momentan schwer vorstellen.

Die Macher von Palomar 5 bei der Arbeit

Die Macher von Palomar 5 bei der Arbeit

Einen ähnlich selbstbewussten Weg hat Jyoti Guptara gewählt. Mit 15 Jahren entschied Guptara, indisch-britischer Herkunft und in der Schweiz wohnhaft, dass er sich besser zu Hause selbst unterrichten könnte, und brach die Schule ab. Zur gleichen Zeit publizierte Guptara das erste Mal im „Wall Street Journal“. Davor hatte er bereits mit seinem Zwillingsbruder begonnen, eine Fantasy-Trilogie zu schreiben. „Calaspia“ machte die beiden zu Bestsellerautoren.

Bei Palomar 5 arbeitet Guptara an einem Businessplan für die Förderung von sozialem Unternehmertum mit. Glaubt er wirklich, dass eine Gruppe von tendenziell exzentrischen Hochbegabten, Anfang 20, der Wirtschaftswelt neue Wege aufzeigen kann? Guptara wägt ab. „Das Modell der Festanstellung stimmt für viele einfach nicht mehr. Für sie gibt es bisher zu wenig Raum in der Arbeitswelt. Dabei steigt die Produktivität, wenn man den Leuten erlaubt, sich selbst zu überlegen, wie sie am besten arbeiten.“

Vom „Meditationsei“ bis zum Projekt „Show Me Love“

Sieht so das Büro der Zukunft aus?

Sieht so das Büro der Zukunft aus?

15 Projekte haben die Teilnehmer von Palomar 5 insgesamt erarbeitet. Es geht zum Beispiel um neu entwickelte Onlinewerkzeuge und Technik, die digitale Lösungen in die analoge Welt bringt. Ein technisch hochentwickeltes „Meditationsei“ soll es Mitarbeitern ermöglichen, sich vom Unternehmensstress zurückzuziehen. Das Projekt „Show Me Love“ hingegen will mit seinen Produkten Emotionen an den Arbeitsplatz bringen.

Ob die Ideen tatsächlich umgesetzt werden, ist noch nicht klar. Jonathan Imme tut auf seinem roten Liegestuhl so, als ob ihm das keine Sorgen macht. „Das Camp ist ein Experiment mit offenem Ausgang. So war es von Anfang an angelegt.“ Klar ist allerdings, dass keiner der Teilnehmer begeistert vom Arbeitsmodell „9 to 5“ ist. „Es ist schwierig, große Ideen zu entwickeln, wenn man in einen Zeitrahmen gepresst ist und ständig evaluiert wird“, sagt Imme. Er selbst kennt die Unternehmenswelt nach einer Anstellung bei Universal. Nebenbei betreut er eine Musikband. Zu viele Regeln würden Motivation und Kreativität ersticken.

„Der Einzelne muss sehen können, wie produktiv er ist“

„Die Schwierigkeit ist, die Leidenschaft am Leben zu halten“, meint Maryanna Rogers aus San Francisco. Sie analysiert für ihre Doktorarbeit in Psychologie an der Stanford University die kreativen Prozesse bei Palomar 5. „Der Einzelne muss sehen können, wie produktiv er ist. Dann kann er sich für eine Aufgabe begeistern“, sagt die Amerikanerin. In großen Unternehmen sei das bisher nur selten möglich. Eine Idee werde schnell erdrückt vom Gewicht ausgeprägter Hierarchien und Prozessvorgaben. Auch fehle oft ganz einfach freie Zeit.

Ist das Zukunftsmodell das Freiberuflertum, vielleicht noch ein projektbezogenes Arbeiten als Angestellter? Jonathan Imme schüttelt den Kopf. „Wir wollen die klassischen Strukturen inspirieren, aber nicht aushebeln. Viele bestehende Regeln der Zusammenarbeit machen durchaus Sinn“, sagt er. Ein Topmanager könne man nicht als Freiberufler sein. Selbst eine so hochmotivierte Truppe wie die von Palomar 5 brauche eine klare Meilensteinplanung und Synchronisationspunkte wie regelmäßige Feedbackrunden und „Realitychecks“. Nur nicht zu viele.

Für die Unternehmen sind diese Überlegungen interessant. „Die Kraft und die Ideen, die wir bei Palomar 5 für die Arbeitswelt der Zukunft mitbekommen, sind beeindruckend“, sagt Sven Hischke, Leiter Innovationsmanagement bei der Deutschen Telekom, dem Hauptsponsor des Projekts. Dass die Teilnehmer von Palomar 5 eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung widerspiegeln, sieht man bei der Telekom jedoch nicht. Die Nachfrage nach flexibleren Arbeitsmodellen sei nicht auffällig gestiegen. Anders ist es bei BMW. „Der Trend geht eindeutig in die Richtung des freieren und projektbezogenen Arbeitens“, sagt Joachim Kolling, Leiter der Gestaltung und des Kreativprozesses des „Project i“ bei BMW, einem Projekt, das sich dem Auto der Zukunft widmet. „Bei Palomar 5 wird sehr plastisch eine wahrscheinliche Arbeitswelt der Zukunft skizziert, auch wenn wir diese noch für unterschiedliche Sektoren und Unternehmensgrößen interpretieren müssen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Norbert Ittermann

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