18. November 2008 Die Deutschen werden immer älter. Und sie haben weniger Kinder. Das verändert die Gesellschaft schon heute, aber künftig noch viel stärker. Nie zuvor gab es so viele Singlehaushalte. Wer keine Kinder großzieht, kann im Alter nicht auf deren Unterstützung rechnen. Aber: Nie zuvor war die Rentnergeneration so wohlhabend wie heute. Deshalb können die Alten für ihre Gesundheit mehr Geld ausgeben. Sie werden sich auch Leistungen einkaufen (müssen), die früher ganz selbstverständlich im familiären Verbund erbracht wurden. 2,1 Millionen gelten schon heute als Pflegefall.
Die Alterung der Gesellschaft, der steigende Bedarf nach medizinischer Betreuung, nach Prävention, Gesunderhaltung (Wellness) und Pflege bis hin zur Begleitung Sterbender lassen die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen steigen. Neue Beschäftigungschancen in Gesundheitsberufen sind die andere Seite der Demographiemedaille. Die Jobs dürften auch entstehen, wenn die Budgets der Alten nicht ausreichen, die Zusatzleistungen zu bezahlen: Ihre Majorität wird an der Wahlurne Staatszuschüsse einfordern.
Veränderungsdruck wird weiter wachsen
Für die unter Budgetierung und Kostensparen ächzenden Gesundheitsberufe wird der Veränderungsdruck damit weiter wachsen. "Die Frage nach dem effizienten und effektiven Einsatz unterschiedlicher Berufsgruppen im Gesundheitssystem wird forciert", pro-
gnostiziert der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Die Regierungsberater präsentieren dafür eine lange Liste mit Gründen: Die Zahl der Patienten mit chronischen Leiden und Mehr-
facherkrankungen steige, die Bedürfnisse der Patienten, aber auch Versorgungsstrukturen änderten sich, die fortschreitende Spezialisierung sowie neue technische Möglichkeiten in Diagnostik und Therapie stellten neue Anforderungen an Therapeuten, und die Finanzierung, die Akademisierung in unterschiedlichen Gesundheitsberufen nehme zu, nicht zuletzt komme es zu regionalen Versorgungsengpässen. Auf den Punkt gebracht lautet die Botschaft: Es entstehen neue Jobs, aber die 4,3 Millionen Beschäftigten im Gesundheitswesen werden künftig auch mehr und besser miteinander kooperieren müssen. Da liege einiges im Argen, sagt Chefberater Eberhard Wille.
Die Schlacht um Zuständigkeiten und Einflussmöglichkeiten hat schon begonnen. Wer darf künftig was am und mit dem Patienten tun? Wer trägt die Verantwortung? Vor allem: Wer darf was bei der Kasse abrechnen? Die Augenoptiker machen es vor: Seit die Kasse die neue Brille in der Regel nicht mehr bezuschusst, unternehmen sie die Augenuntersuchung gleich mit - nicht eben zur Freude der Augenärzte. Und manchmal auch nicht zu der der Patienten, wenn der Optiker eine Diagnose nicht stellt, die der Facharzt womöglich gestellt hätte.
In der ambulanten medizinischen Versorgung laufen erste Modellprojekte wie "Verah" (Versorgungsassistentin in der hausärztlichen Praxis) oder "Agnes" (arztentlastende, gemeindenahe, E-Health-gestützte, systemische Intervention). Vor allem im dünnbesiedelten Osten sind geschulte Arzthelferinnen mit Laptop und Videokamera in Regionen im Einsatz, in denen Ärzte Mangelware geworden sind. Sie messen den Blutdruck, setzen Spritzen und halten Kontakt zu Patienten, die zu alt und schwach sind, um in die Praxis zu kommen. Von Januar an soll das Modell bundesweit laufen.
Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung haben deshalb unlängst noch einmal gemeinsam "Möglichkeiten und Grenzen der Delegation ärztlicher Leistungen" aufgezeigt. Sie sehen sich nicht nur rechtlich, sondern auch ethisch gegenüber dem Patienten in der Verantwortung. Deshalb könnten allenfalls eng umrissene Leistungen wie Blutabnehmen, Spritzen setzen oder Röntgen delegiert werden. "Helfen ja, ersetzen nein", sagt Kassenärztechef Andreas Köhler. So gut andere Fachberufe auch ausgebildet seien: "Es gibt mit gutem Grund den Arztvorbehalt bei Leistungen, die aufgrund ihres Gefährdungspotentials ärztliche Fachkenntnisse erfordern."
Man müsse künftig "mehr als eine organbezogene Medizin anbieten", antwortet resolut Marie-Luise Müller, die Präsidentin des Deutschen Pflegerates, der ein Dutzend Pflegeverbände mit mehr als einer Million Beschäftigten vertritt. "Es geht um das Teilen von Wissen, von Macht und auch von Geld." Müller, Pflegedirektorin an zwei Kliniken, will die Pflegeberufe in einer eigenen Kammer organisieren, so wie die Ärzte, die sich als freier Beruf selbst verwalten dürfen. Warum, fragt sie, sollten Pflegekräfte nicht neue Windeln verordnen dürfen?
Es geht nicht zuletzt um Zugang zu neuen Märkten. Sollen Pflegedienste, die ihre Patienten einmal am Tag zu Hause besuchen, auch Hilfsarbeiten für den Arzt übernehmen, wie es Müller vorschwebt? Oder bleibt das allein der vom Arzt delegierten Fachkraft überlassen, mit der er in einem engen Kontakt steht? Wenn nicht: Wer zahlt für die Dienstleistung? Und: Welche Zusatzqualifikationen braucht medizinisches Hilfspersonal? Ironisch formulierte es kürzlich die Kassenärztliche Bundesvereinigung: "Wird die Schwester bald zum Doktor?"
Peter Bechtel hält von Zuspitzung wenig. Der Chef der Bundesarbeitsgemeinschaft leitender Pflegepersonen mahnt, die Aufgaben seien "prozessorientiert, ausgehend vom Patienten", zu organisieren. "Die alltägliche Praxis in den Kliniken zeigt, dass die Kooperation zwischen Arzt und Pflege überlegend funktioniert." Bechtel ist Pflegedirektor an einem Herz-Zentrum.
Schon heute erfasst die Statistik 41 Gesundheitsberufe, die ausdrücklich als nichtärztlich gekennzeichnet sind. Das reicht von der Arzthelferin bis zur Zytologieassistentin. Dazwischen sind Hebammen, Masseure, Krankengymnasten, Logopäden und medizinisch-technische Laborassistenten. Auch die Akademisierung der Pflege ist nicht mehr nur ein akademisches Thema. Immer mehr Hochschulen bieten (auch begleitende) Ausbildungsgänge an. In den Kliniken übernehmen Pfleger mehr Aufgaben und damit auch Verantwortung. An der Universitätsklinik Köln liegt die Verantwortung für das "Fall-Management" der Patienten komplett bei der Pflegeleitung - von der Einweisung über das hauseigene Call-Center bis zur Entlassung. Der Pflegedirektor gehört dem Vorstand an.
Die teuren und knappen Ärzte - bundesweit werden aktuell rund 4000 gesucht - sollten sich möglichst ganz auf das konzentrieren, was sie am besten können: Diagnosen stellen, therapieren, operieren. Den Rest übernehmen Pflegekräfte. In manchen Kliniken gibt es schon Assistenten, die den Ärzten das leidige Dokumentieren abnehmen.
Wie schnell sich die Welt ändern kann, ist gerade auch bei den niedergelassenen Ärzten zu besichtigen. Seit 2004 können niedergelassene Ärzte auch in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) als Angestellte arbeiten. Seither entstand ein regelrechter Boom, vielfach angeheizt auch durch private Klinikbetreiber. Zur Jahresmitte gab es in Deutschland bereits knapp 1100 MVZ, von denen einige bis zu 70 Ärzte beschäftigen. Mehr als 4800 Ärzte arbeiten in MVZ. Der Wandel hat die Medizinberufe voll erfasst.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak