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Arbeitsplatz Schule

Lange Lehren ohne Schäden

Von Yvonne Wagner



Schule ist Stress pur
08. Januar 2008 
Eigentlich haben Lehrer dasselbe Recht, ihr Berufsleben gesund zu überstehen, wie jeder andere Arbeitnehmer auch. So bestimmt es zumindest das Arbeitsschutzgesetz von 1996: Es sieht vor, dass die Gesundheit aller Beschäftigten durch Maßnahmen des Arbeitsschutzes zu sichern und zu verbessern ist. Fakt ist jedoch, dass bisher kein Modell bestand, das eine gezielte und nachhaltige Gesundheitsförderung für Lehrer vorsah.

Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales haben nun Mediziner und Psychologen spezielle Programme ausgewertet, die Lehrern eine bedarfsorientierte Gesundheitsprävention ermöglichen. In dem Projekt "Lange Lehren - Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Lehrerberuf erhalten und fördern" wurden von Dezember 2004 bis November 2007 insgesamt mehr als 3000 Pädagogen untersucht, befragt und beraten.

Dabei erhielten interessierte Lehrer aus weiterführenden Schulen in Berlin ein Kompetenztraining zum Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern. Grundschullehrer konnten ein Training zur Lärmminderung im Unterricht wahrnehmen. Ein weiteres Teilprojekt, an der Technischen Universität (TU) Dresden, enthielt eine individuelle Gesundheitsdiagnostik. Und das Universitätsklinikum Freiburg bot ein spezielles Coachingprogramm für Pädagogen an. Mit diesen vier Bausteinen liegt erstmals ein Gesamtkonzept zur Förderung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Lehrerberuf vor.

Häufig Depressionen und Kompfschmerzen

Für manchen Pädagogen kommt es jedoch zu spät. Rund 740.000 Menschen arbeiten in Deutschland hauptberuflich als Lehrer. Im Verhältnis zu anderen Berufsgruppen sind sie zwar nicht öfter krank, sie leiden jedoch deutlich häufiger an psychosomatischen Erkrankungen wie Depressionen, Schwindel oder Kopfschmerzen. Im Vergleich zu anderen Arbeitnehmern gehen sie eher in Frührente - insgesamt ein Drittel aller Lehrer ist vom Vorruhestand betroffen. Ebenso zeigen ein Drittel der Lehrer Symptome eines Burnout-Syndroms. Körperliche, geistige und emotionale Erschöpfung treten als Folge emotional belastender zwischenmenschlicher Beziehungen auf.

Klaus Scheuch vom Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der TU Dresden kennt den Hauptgrund für die Defizite in der Gesundheitsvorsorge von Lehrern: "Im Kultusbereich war man bis 2001 der Meinung, dass es keine psychische Gefährdung für Lehrer durch ihren Beruf gebe. Und wenn, dann sei der Lehrer selber schuld. Schließlich seien psychische Gefährdungen nicht messbar, und man könne nicht wissen, ob er die Probleme bereits von zu Hause mitbringe", sagt der Arbeitsmediziner. Daher wurden die Kosten gescheut, die ein Präventionsangebot mit sich gebracht hätte.

Damit sieht der Alltag vieler Pädagogen so aus, wie es Birgit Lenze, Grundschullehrerin in Frankfurt, schildert: "Die Gesundheitsprävention dreht sich bei uns immer um die Schüler. Für uns Lehrkräfte ist das Thema Gesundheit reine Privatsache." Die eigenen Krankheitszeichen werden dabei oft übergangen, weil man "funktionieren" muss, um mit seinem Unterrichtsstoff durchzukommen und Kollegen nicht zusätzlich zu belasten, wenn im Krankheitsfall die Schüler auf andere Klassen aufgeteilt werden müssen.

Auf Konflikte vorbereiten

"Unsere gesellschaftliche Entwicklung läuft auf Produktivität und Gesundheit des Einzelnen hinaus. Lehrer stellen hierbei die Weichen. Deshalb brauchen sie unsere Unterstützung", erklärt Scheuch, der auch die Leitung des Gesamtprojektes "Lange Lehren" übernommen hatte. Er hat inzwischen in Dresden ein Kompetenzzentrum für Lehrergesundheit aufgebaut. Hier können sich Betriebsärzte, die Pädagogen betreuen, mit einer speziellen Gesundheitsdiagnostik für Lehrer vertraut machen. Dabei werden nicht nur Laborwerte ermittelt oder Hörtests gemacht. Allen voran prüft ein Betriebsarzt die konkret bestehenden Belastungen am Arbeitsplatz Schule.

Will man sich als Lehrer untersuchen und beraten lassen, erfordert es den Mut, das Thema im Kollegium anzusprechen. Da sich in der schulischen Gemeinschaft viele Faktoren auf das Wohlbefinden des Einzelnen auswirken, ist es nötig, auch die Verhältnisse wie Raumklima, Lärmpegel oder Beleuchtung am Arbeitsplatz unter die Lupe zu nehmen. Im Anschluss ist es möglich, ein angemessenes Konzept zu erstellen.

Darüber hinaus werden Lehrer mit Konfliktsituationen konfrontiert, die zwar typisch für ihren Beruf sind, auf die sie in ihrer Ausbildung aber nicht speziell vorbereitet werden. Deshalb wollen die Wissenschaftler ein gezieltes Coachingprogramm, wie es im Modellprojekt getestet wurde, bereits im Referendariat anbieten. Das Konzept setzt am Beziehungsverhalten der Lehrer an. Persönliches Geschick reicht bei der Arbeit mit Menschen oft nicht aus. Vielmehr ist Handwerkszeug erforderlich.

In den Coachinggruppen lässt sich lernen, wie man sich in seinem "Beziehungsberuf" verhält, ohne die persönliche Ebene zu seinem Gegenüber zu verlieren. Dafür ist es nötig, das eigene Verhalten zu reflektieren und zu steuern. Auf diese Weise lassen sich zwischenmenschliche Beziehungen meist günstig beeinflussen. "Viele Lehrer haben im Laufe des Berufes eine Schonhaltung entwickeln müssen, um sich zu schützen", sagt Thomas Unterbrink, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uni-Klinik Freiburg. "Aber auch Engagement im Übermaß ist unter Lehrern weit verbreitet. Nur etwa jeder Sechste schafft es, mit dem richtigen Maß an Engagement gesund zu bleiben", sagt Unterbrink. In den Gruppen entdecken Lehrer indes manch verloren geglaubten Wesenszug neu und lernen ihn einzusetzen. Solche Fortbildungsangebote sind etwa für Ärzte oder in Pflegeberufen weit verbreitet. In Freiburg bietet Unterbrink bereits Seminare für Referendare, Lehrer und Schulleiter an. Bundesweit ist es möglich, pädagogische Tage für Kollegien anzufordern.

Die Lärmampel soll das Lernen erleichtern

Ein ganz anderer Aspekt, der vielen Lehrern zu schaffen macht, ist der Lärm im Klassenzimmer. Eine "Lärmampel", die wie eine Verkehrsampel aussieht, kann hier helfen: Wenn eine bestimmte Lautstärke überschritten wird, springt die Ampel auf Rot. Das Signal zeigt den Kindern, wann sie akustische Grenzen überschreiten, zumal der Hinweis nicht vom Lehrer kommt, sondern von einer unbestechlichen Maschine. Außerdem sieht das Konzept vor, dass sich Lehrer und Kinder lärmarm verhalten sollten, indem sie Handzeichen vereinbaren und Rituale entwickeln, die manches Wort ersparen. Mit der Lärmampel erleben Kinder, dass Lernen in einer ruhigen Atmosphäre angenehm ist.

Auch in diesem Fall funktioniert das Konzept am besten, wenn sich die ganze Schule an dem Projekt beteiligt. Das heißt: Ein oder zwei Lärmampeln werden in den ersten Klassen abwechselnd eingesetzt und durchlaufen nacheinander alle Klassen. "Die Studien haben klar gezeigt, dass sich der Lärmanteil im Unterricht vermindert und sich das Sozialverhalten bessert", erklärt Marianne Zühr-Gäbelein vom Arbeitsmedizinischen Vorsorgezentrum Berlin. Gedacht ist das Projekt für Grundschulen, es bestehen aber auch Konzepte für weiterführende Schulen.

Um die entstehenden Kosten der verschiedenen Projekte zu decken, ist es möglich, Präventionsgelder von den Krankenkassen zu beantragen oder aus dem Fortbildungsfonds der Schule zu schöpfen. Betriebsärztliche Untersuchungen und die betriebliche Gefährdungsbeurteilung hingegen gehören zu der gesetzlich festgelegten arbeitsmedizinischen Betreuung und müssen von den Kultusministerien finanziert werden.

Der Arbeitsalltag von Lehrern:

Lehrer mit einer Vollzeitstelle arbeiten mehr als 50 Stunden pro Woche. Dazu zählen Unterricht, Vor- und Nachbereitungen, Konferenzen, Fachbereichsleitungen, Schüler- und Elterngespräche, Aufsicht, Vertretung und Korrekturen. Zwischen 63 und 85 Dezibel (dB) müssen Lehrer- und Schülerohren aushalten. Zum Vergleich: Ein normales Gespräch kommt auf 60 dB. 85 dB entsprechen dem Lärm einer Hauptverkehrsstraße. Will ein Lehrer seine Schüler erreichen, muss er die Störgeräusche um mindestens 15 bis 18 dB übertrumpfen, was zu einer starken Belastung der Stimmbänder führt. Weitere Informationen: www.langelehren-projekt.de.

Text: F.A.Z., 05.01.2008, Nr. 4 / Seite C4
Bildmaterial: Fotolia
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [2]
Lehrer 2 08.01.2008, 13:51
Arme Lehrer 08.01.2008, 13:43
 
   
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