Um neun Uhr wünscht man sich hier einen guten Morgen - um neun Uhr abends. Dann erst beginnt der Arbeitstag am DHL-Umschlagplatz bei Leipzig so richtig, am modernsten Luftfrachtdrehkreuz Europas und wichtigsten Logistikstandort in Ostdeutschland. Mit der Ansiedlung des weltgrößten Expresszustellers ist es wortwörtlich Tag geworden am Flughafen Leipzig/Halle. Der Tower des unausgelasteten Passagierflughafens ist zum Leuchtturm einer Boombranche mutiert, Scharen von Langzeitarbeitslosen haben neue Stellen gefunden, Akademiker sind aus den alten Ländern in ihre Heimat zurückgekehrt, eine gebeutelte Region schöpft wieder Hoffnung. Mit 2200 Mitarbeitern ist DHL jetzt schon einer der größten Arbeitgeber in dem Landstrich. In vier Jahren will das Unternehmen 10.000 Personen zu einer Arbeit verhelfen, davon 3500 direkt Beschäftigten.
Es ist kurz vor 21 Uhr. Innerhalb kürzester Zeit strömen Hunderte Beschäftigte an dem dottergelben DHL-Trabi vor dem Haupteingang vorbei, durchqueren die Sicherheitsschleuse aus Metalldetektoren und Gepäckdurchleuchtung, um sich dann auf dem Vorfeld, im Hangar oder in dem gigantischen Verteilzentrum zu zerstreuen. Tagsüber sind hier nur 60 Personen im Einsatz, nachts fast zwanzigmal so viele. Innerhalb weniger Stunden müssen sie 120 Flugbewegungen mit 1500 Tonnen Fracht abwickeln. 60 Landungen zwischen 23 und 2 Uhr, danach ebenso viele Starts bis etwa 5 Uhr früh. In einer klaren Sommernacht sind die Lichtpunkte der anfliegenden Flugzeuge, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, besonders gut zu erkennen. Rechnerisch setzt alle drei Minuten eine Maschine am Boden auf - ein Betrieb wie tagsüber in Frankfurt, aber das mitten in der Nacht und mitten in der Provinz auf der Landesgrenze zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt.
"Wir haben nur 20 bis 40 Minuten, um einen Flieger zu entladen", sagt der Technische Leiter der DHL Hub Leipzig GmbH, Stefan Breidung. "Da kann man nichts dem Zufall überlassen." Breidung, ein sportlicher Achtunddreißigjähriger, ist bei DHL Leipzig ein Mann der ersten Stunde. Geboren nahe Zwickau, studierte er Wirtschaftsinformatik und fand, wie viele seiner Generation und Ausbildungsstufe, qualifizierte Arbeit zunächst nur im Westen. In Frankfurt war er in der Steuerungstechnik der Deutschen Bahn beschäftigt. Nach fünf Jahren zog es ihn nach Sachsen zurück, wo er sich als selbständiger IT-Berater versuchte. Gleich im ersten DHL-Jahr in Leipzig, 2005, kam er zu dem gelb-roten Tochterunternehmen der Deutschen Post und baute hier die Prozessleittechnik auf. Sein Einsatz hat sich ausgezahlt: Im Januar 2008 stieg er zum Technikchef auf.
Etwa ein Fünftel der Mitarbeiter sind wie Breidung Akademiker. Darunter finden sich vor allem Betriebswirte, Ingenieure und Computerspezialisten. Obwohl DHL Leipzig einer der wichtigsten Luftfahrtlogistiker Deutschlands ist, beschäftigt man bisher noch keine eigenen Piloten. Die sind noch in Brüssel angestellt, von wo aus DHL sein europäisches Luftkreuz nach Leipzig/Halle verlegt hat, um die Nachtflugerlaubnis zu nutzen und die Wachstumsmärkte in Osteuropa zu bedienen. Noch in diesem Jahr will man aber auch die Crews nach Leipzig verlegen. Eigene Flugzeugmechaniker beschäftigt man schon, auch wenn sie sich schwer rekrutieren ließen. Bei der Anwerbung half, dass viele der Spezialisten in Toulouse, München oder Hamburg aus den neuen Ländern stammten und gern in die Heimat zurückwollten. Als rar erwiesen sich zudem Speditionskaufleute mit Zollerfahrungen, die für die transatlantischen Sendungen unentbehrlich sind. Da in Europa die meisten Grenzen offenstehen, fehlt es der Privatwirtschaft an diesem Knowhow.
Die größte logistische Herausforderung in Leipzig/Halle ist die Netzwerkplanung, die Verknüpfung von Schiene, Straße und Luftweg, damit die Sendungen auf dem effizientesten Weg ihre Empfänger erreichen. Gefragt sind dafür vor allem Betriebswirte mit dem Schwerpunkt Logistik. Um den eigenen Nachwuchs zu sichern, beteiligt sich DHL an den Logistikstudiengängen der Fachhochschulen Hamm und Bernburg, nimmt Praktikanten auf und vergibt Diplomarbeitsthemen. So ist zum Beispiel eine Untersuchung zur Prozessoptimierung am Standort Leipzig zustande gekommen.
Heute funktionieren alle Abläufe reibungslos. Über die schematische Prozessdarstellung auf einem riesigen Flachbildschirm kann Breidung das Herzstück des Verteilzentrums kontrollieren, die modernste und größte Sortieranlage in Deutschland. 70 Millionen Euro hat das 6,5 Kilometer lange Gewirr aus Förderbändern und Rutschen gekostet, fast ein Viertel der Gesamtinvestitionen von 300 Millionen Euro. In einer Stunde kann die Maschine bis zu 36 000 Dokumentensendungen und 60 000 Pakete erkennen und den richtigen Sammelstellen zuordnen. Um die Abläufe vor der Inbetriebnahme zu testen, ließ sich DHL aus Behindertenwerkstätten 70 000 Paketattrappen aller Größen liefern. "Uns geht es nicht darum, mit der Anlage Personal zu sparen. Es ist einfach so, dass Menschen so schnell und präzise nicht arbeiten können", stellt Breidung klar. "Das kommt dann wieder Menschen zugute, nämlich unseren Kunden."
In den gigantischen Dimensionen des Leipziger DHL-Geländes gehen die Mitarbeiter ziemlich unter. Die Gesamtfläche beträgt 200 Hektar, das sind 2 Millionen Quadratmeter. Es gibt eine Tankstation, eine eigene Feuerwehr mit 30 Beschäftigten, ein Blockheizkraftwerk, 1000 Quadratmeter Solarzellen zur Stromerzeugung, zwei unterirdische Regenwasser-Zisternen für die Flugzeugwäsche. Der Hangar ist 27 000 Quadratmeter groß, das Verteilzentrum sogar 48 000. In die mehr als 400 Meter lange Halle würden sieben Fußballfelder der Fifa-Norm passen.
Mit solcherlei Ausmaßen und Stückzahlen ist Leipzig das zweitgrößte DHL-Luftdrehkreuz der Welt hinter Wilmington in Ohio für das Amerika-Geschäft und vor Hongkong für den Asien-Pazifik-Raum. Hier landen Maschinen aus aller Welt, deren Expressfracht gelöscht, neu verteilt und weiterbefördert wird, zumeist per Flugzeug. Trotz des hohen Maschinisierungsgrads fällt, wie immer in der Logistik, viel manuelle Arbeit an. Die Flugzeugcontainer werden teilweise per Hand entladen und wieder gefüllt. Arbeiter öffnen die ankommenden Postsäcke aus Kunststoff, die wie bunte Beutel zur Mülltrennung aussehen, und entleeren die Briefsendungen auf Förderbänder. Ihre Kollegen vereinzeln die Umschläge und richten sie so aus, dass das Lesegerät die Beschriftung erfassen kann; bei Paketen übernimmt das ein vollautomatischer Sechs-Seiten-Scanner. Die Zuordnung nach Größe, Destination und Abflugzeit kann der Computer genauer und schneller leisten als das Personal, das Abnehmen und Zubinden der neugefüllten Postsäcke übernimmt dann wieder ein Mensch.
Die meisten Mitarbeiter am Leipziger Frachtknotenpunkt gehören zu den "Ramp Agents" und "Operation Agents". Erstere be- und entladen die Flugzeuge, Letztere kümmern sich um die Sendungen in der Halle. "Für diese Tätigkeiten gibt es bisher keine deutschen Bezeichnungen, geschweige denn Berufsausbildungen", sagt Personalleiter Sven Boëtius. "Unsere Agents sind zwar fast alle Facharbeiter, aber meist aus anderen Berufen, zum Beispiel Verkäuferinnen oder Bauarbeiter." Am ehesten entspricht der Lehrberuf des Fachlageristen den Anforderungen, weshalb DHL diese Ausbildung selbst anbietet. In diesem Jahr gibt man 64 Lehrlingen eine Chance, darunter Fachinformatikern, Luftverkehrs-, Speditions- und IT-Systemkaufleuten.
Fertig ausgebildete Quereinsteiger schult DHL selbst oder zusammen mit der örtlichen Arbeitsverwaltung. Schließlich waren zwei Drittel der Mitarbeiter, die zu 90 Prozent aus der Region stammen, vorher langzeitarbeitslos. "Wir haben über 50 000 Bewerbungen bekommen, da war die Auswahl nicht leicht", sagt Boëtius, früher DHL-Personalleiter in Düsseldorf und einer der wenigen Westdeutschen am Standort. "Aber das ist doch das Schönste für einen Personalchef: kräftig Leute einzustellen statt zu entlassen."
Davon profitierte auch Kay Eckel, heute 28 Jahre alt. Der Maler und Lackierer wollte in seinem gelernten Beruf nicht länger arbeiten und verpflichtete sich deshalb in der Bundeswehr. Doch Berufssoldat konnte er wegen eines Einstellungsstopps nicht werden und musste deshalb nach vier Jahren gehen. "Ich hatte mich schon darauf eingestellt, wie meine Freunde im Westen zu arbeiten, da fand ich zufällig im Internet den DHL-Link und hab mich beworben." Eckel hatte Erfolg und fing im August 2005 als einer der ersten "Operation Agents" an. In nur elf Monaten arbeitete er sich zum Vorarbeiter hoch, der hier "Junior Supervisor" heißt. Nach zwei Jahren war er sogar stellvertretender Schichtleiter, "Senior Supervisor". Als solcher hat er heute 360 Leute unter sich, trägt zur schwarzen Hose ein weißes Hemd unter der Warnweste und dirigiert seine Leute per Zuruf oder Handy. Sein Gehalt hat er in nur drei Jahren mehr als verdoppelt und bringt es heute, einschließlich Nachtzuschlag, auf gut 2000 Euro brutto im Monat. "Das geht voll in Ordnung für die Gegend hier", sagt er. Von seinen Freunden in Dieskau bei Halle habe nicht einmal ein Drittel in der Region Arbeit gefunden. "Mein Job ist klasse: Ich bin bei einem Weltkonzern, habe Verantwortung, kein Tag ist wie der andere", findet der junge Mann mit den kurzen Haaren und legt den Kopf etwas schief. "Und irgendwie bringt ja auch jede Maschine etwas große weite Welt zu uns."
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS