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Von Thomas Reinhold




27. November 2006 
Es ist ein Kreuz mit den Ingenieuren: Ihre Ausbildung hält nicht Schritt mit dem Tempo der Globalisierung. Der introvertierte Tüftler war gestern, stellt nicht nur der Verein Deutscher Ingenieure fest. Längst suchen international arbeitende Konzerne ökonomisch geprägte Techniker, technisch versierte Managertypen, mit breiter Allgemeinbildung, innovativ und unternehmerisch denkend, kulturell aufgeschlossen, mit Verständnis für die globalen Märkte, mehrsprachig und - natürlich auch das - beruflich mobil. Doch allem Gerede über die Bedeutung internationaler Karrieren zum Trotz fehlt es an passenden Studiengängen oder gegenseitiger Anerkennung von Abschlüssen, gibt es zu viele staatliche Barrieren und zu wenige Kooperationen von Unternehmen mit Universitäten über die nationalen Grenzen hinweg. Das beklagen Professoren von acht technischen Universitäten aus Deutschland, Japan, China, Brasilien, Amerika und der Schweiz. Finanziert vom Autozulieferer Continental sind sie ein Jahr lang der Frage nachgegangen, was sich ändern muß an der Unterrichtung und Mentalität der Ingenieure.

Aller Anfang war schwer. "Es ist so leicht, internationale Ingenieurswissenschaften zu fordern", erzählt Professor Jack Lohmann vom Georgia Institute of Technology in Atlanta, "aber wir haben schnell gemerkt, daß wir nur einen Teil des großen Tieres beschreiben, daß wir nicht genau wissen, was es bedeutet." Für den Ist-Zustand ist eine differenzierte Analyse entstanden, ein Schlaglicht auf die Situation der Ingenieure in sechs höchst unterschiedlichen Ländern:

Der Brasilianer ist demnach flink im Technologietransfer, aber für seine Stellung in der Gesellschaft wie für die Infrastruktur des Landes gilt: Note mangelhaft.

Der Chinese besticht durch Arbeitsethos und allgemeine akademische Fertigkeiten, aber Innovationskraft und Kreativität lassen zu wünschen übrig.

Der Deutsche ist hoch angesehen, gilt als innovativ und präzise, aber eben auch als immobil und unflexibel.

Der Japaner geht effizient mit Ressourcen um wie kein anderer Ingenieur, aber die Sitten des Landes sorgen für geringe industrielle Durchlässigkeit.

Der Schweizer ist berühmt für seine wissenschaftlich-analytische Stärke, aber es mangelt an unternehmerischem Denken und Innovationskraft.

Der Amerikaner profitiert von einer entwickelten Volkswirtschaft, muß sich aber zunehmend auf ausländische Talente stützen.

Nur scheinbar widersprüchlich sei es, daß die Ingenieure immer mehr technische Details zu lernen hätten, gleichzeitig aber immer mehr "Soft Skills", sagt Charles M. Vest, emeritierter Präsident des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er betont, daß die Schlußfolgerung einer vergleichenden Studie nicht sein dürfe, daß alle Ingenieure künftig gleich sein sollten. Und doch gibt es gemeinsame Anforderungen. Zuerst müßten die Universitäten reagieren, fordern Bernhard Plattner von der ETH Zürich und Bernd Widdig vom MIT. Die internationale Ausrichtung ihrer Curricula müsse Vorrang bekommen und nicht nur als Extra verstanden werden. "Wir hatten eine große Debatte über die Lehrpläne", sagt Reiner Anderl, Vizepräsident der federführenden TU Darmstadt. "Wir alle glauben, daß es schon auf dem Undergraduate-Level beginnen muß." Und zwar gründlicher als bisher. Zwar böten Universitäten eine ganze Reihe von Programmen an, die Akademiker auf die internationale Arbeitswelt vorbereiten sollen, doch klagen die Professoren, daß nicht systematisch überprüft werde, wie erfolgreich diese Programme wirklich sind.

Einig sind sich die Wissenschaftler, daß Regierungen etwa ihre Visa-Politik lockern und schneller eine Arbeitserlaubnis für Ausländer erteilen müßten. "Es geht aber nicht nur um große Politik", sagt der Schweizer Plattner, "sondern um praktische Projekte." Sind Behörden in der Lage, Anfragen ausländischer Akademiker auf englisch zu beantworten? Warum dürfen diese finanzielle Sicherheiten für einen Aufenthalt in einem Gastland nur auf bestimmten Banken hinterlegen? Außerdem müßten Standesorganisationen der Ingenieure ihre grenzüberschreitende Zusammenarbeit intensivieren und - nicht zuletzt - Unternehmen Wissenschaftler und Studenten mit Austauschprogrammen unterstützen.

Beruf wird attraktiver für Frauen

Conti sieht sich hier auf einem guten Weg. Der Dax-Konzern gibt sich viel Mühe, sein Image als Kostenführer zu pflegen, doch einen "größeren sechsstelligen Betrag" für die "Global Engineering Excellence"-Studie hält Personalvorstand Thomas Sattelberger für ein lohnendes Investment - "aus altruistischen wie egoistischen Motiven". Unternehmen hätten eine Verantwortung für Bildung, für Perspektiven junger Menschen am Arbeitsmarkt, weltweites Wachstum müsse gefördert werden, aber vor allem eben das des Unternehmens: Schließlich beschäftige Conti 6600 Ingenieure, Talente sind immer gesucht, vor allem im Ausland.

Goldman Sachs hat ermittelt, daß in etwa zehn Jahren 80 Prozent der Konsumenten aus der sozialen Mittelschicht außerhalb der industriellen Welt leben werden, berichtet Vest. Wo diese Kunden sind, müssen auch kreative Köpfe rekrutiert werden. Deshalb bauen Unternehmen vor; der deutsche Autozulieferer etwa mit "Continental Universities" auf den Philippinen oder in Mexiko. Dort können sich Mitarbeiter weiterbilden und akademische Abschlüsse erlangen, die bei Conti nachgefragt werden. "Wenn wir das richtig machen, können wir uns auf dem Talentmarkt gut positionieren", sagt Sattelberger offen. Das erklärt die Idee zur Studie, habe sie aber inhaltlich nicht beeinflußt.

Die Professoren müssen nun für ihre Forderungen werben, auch Studenten sollen zu den Ergebnissen befragt werden. "Lücken sind erkannt, nun müssen sie geschlossen werden", sagt Sattelberger, der darauf hofft, daß sich weitere Unternehmen an dem Projekt beteiligen. Rußland, Indien oder Südafrika sind noch nicht untersucht, ein Studiengang mit dem Ziel "Master of Global Engineering" sei denkbar, vielleicht aber erst mal nur eine internationale Sommerschule, eine globale Praktikumsinitiative oder ein Treffen von Technikvorständen großer Unternehmen.

Bei allen Ambitionen, die das Projekt tragen, freut sich MIT-Professor Widdig über einen Aspekt besonders, der sich schon jetzt einfach vermitteln läßt: "Je wichtiger Soft Skills für die Ingenieure werden, desto attraktiver wird der Beruf auch für Frauen."

Die Studie

Was sind Stärken und Schwächen der heutigen Ingenieure in Deutschland, Brasilien, China, Japan, Amerika und der Schweiz?

Was muß der Ingenieur von morgen können, um als Fach- und Führungskraft in der globalen Arbeitswelt bestehen zu können?

Welche Ausbildungslücken müssen dringend geschlossen werden?

Wie können Hochschulen, Unternehmen und Politik sicherstellen, daß kulturell aufgeschlossener, technisch und ökonomisch versierter Nachwuchs ausgebildet wird?

Antworten und Empfehlungen will die Studie „Global Engineering Excellence“ geben.

www.global-engineering-excellence.org

Text: F.A.Z., 25.11.2006, Nr. 275 / Seite C4
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Was soll denn dass??? 27.11.2006, 06:52
 
   
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