
"Jetzt verwende ich die Zeit dazu, Drehbücher zu schreiben und Filme zu drehen über gescheiterte Menschen"
Morgens kam ich ins Büro und wusste von nichts. Abends konnte ich gehen - und durfte nicht wiederkommen. So sieht der Architekt seine persönliche Bilanz der Finanzkrise. Das Architekturbüro, das ihn gerade erst eingestellt hatte, hat ihn entlassen. Natürlich galt die gesetzliche Kündigungsfrist von zwei Wochen in der Probezeit. Aber er hatte schon in den ersten Monaten so viele Überstunden angesammelt, dass ihm weit mehr als 14 Tage Urlaub zustanden. Und so war der Tag der Entlassung zugleich sein letzter Arbeitstag.
Erst Anfang Juni hatte der 31-Jährige in dem Büro angefangen. Es war sein erster Job nach dem Studium. Ein kurzes Intermezzo. Ende Oktober musste der Berufseinsteiger schon wieder aussteigen. Eigentlich sah es in der Architekturbranche ganz gut aus, vor allem im Rhein-Main-Gebiet, erzählt er.
Noch Anfang September hatte das mittelständische Architekturbüro in Frankfurt, bei dem er beschäftigt war, nach neuen Mitarbeitern Ausschau gehalten, wollte weiter wachsen. Mit der Verschärfung der Finanzkrise hat sich das schlagartig geändert. Der Umschwung kam für uns plötzlich, erzählt der Jung-Architekt. Die meisten unserer Kunden sind Großbanken, die ihre Bauprojekte jetzt auf Eis legen und erst mal abwarten. Die Aufträge blieben aus, es gab nichts mehr zu tun, der ambitionierte Absolvent wurde in das Büro seines Chefs gebeten: Ich hatte keine Ahnung, worum es geht. Es folgte die Kündigung. Für ihn wie auch für einen weiteren Kollegen.
Doch der Architekt baut schon wieder an seiner eigenen Zukunft. Er weiß die Zeit, die er jetzt hat, zu nutzen. Die verlorene Stelle hatte er bekommen, um für das Büro an Architektur-Wettbewerben teilzunehmen und innovative Baukonzepte zu ersinnen. Nun fließt seine Kreativität in eigene Projekte: Jetzt verwende ich die Zeit dazu, Drehbücher zu schreiben und Filme zu drehen über gescheiterte Menschen, die eine Läuterung erfahren. Im Moment sehe es zwar nicht so rosig aus, aber es werde schon wieder besser werden: Ich glaube nicht, dass die Finanzkrise einem Weltuntergangsszenario gleichkommt. Sie bietet eine Chance zur Veränderung.
Der Architekt klagt nicht über sein Unglück. Lieber erzählt er eine chinesische Parabel: Eines Tages lief einem Bauern sein Pferd davon. Alle Nachbarn riefen: ,Was für ein Unglück!' Der Bauer antwortete: ,Wer kann das wissen?' Das Pferd kehrte zurück mit zwei Wildpferden. Die Nachbarn riefen: ,Was für ein Glück!' Der Bauer antwortete: ,Wer kann das wissen?'
Zur nächsten Geschichte: Kurzarbeit und Zwangsurlaub
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Julia Zimmermann / F.A.Z.