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Aus der Praxis

Landärztin aus Überzeugung

Von Claus-Peter Müller

Die Frauenärztin Britta Kayser nimmt sich Zeit für ihre Patientinnen

Die Frauenärztin Britta Kayser nimmt sich Zeit für ihre Patientinnen

26. November 2008 Britta Kayser ist Gynäkologin in Gifhorn am Südrand der Lüneburger Heide. Ihre Praxis im Dachgeschoss eines Ärztehauses in einem abgelegenen Ortsteil der kleinen Kreisstadt eröffnete sie im April dieses Jahres. "Natürlich macht das Spaß. Das habe ich mir doch ausgesucht", sagt die Mutter zweier Kinder im Alter von neun und elf Jahren. Sie nimmt sich Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Die Ärztin stammt aus Siebenbürgen. Von Kindesbeinen an wollte sie Gynäkologin werden. Sie hatte 70 Puppen, untersuchte und behandelte sie. Schon als Mädchen fraß sie sich durch gynäkologische Fachliteratur, die der Bruder des Großvaters, ein Frauenarzt, zurückgelassen hatte, nachdem er nach Kriegsende vor dem Kommunismus nach Deutschland geflohen war. Im September 1991 legte Kayser ihr Diplom als Medizinerin ab.

Am 11. Dezember 1991 reiste sie nach Deutschland ein, in das Land, aus dem ihre Vorfahren einst ausgewandert waren. Schon wenige Monate später hatte sie eine Anstellung gefunden an einer Klinik in Wolfsburg. "Drei Jahre war ich Sklave, habe während Operationen Haken gehalten bis zum Umfallen. Damals waren wir 16 Assistenten. Später waren wir nur noch fünf für die doppelte Arbeit. Das war kein Job für eine Mutter." Ihre Aufgabe als Mutter nimmt Kayser sehr ernst. Sie spricht gern über ihre Kinder, berichtet von der Freude der Tochter am Reiten, aber auch von den Zwängen der Schule.

Viele Ärzte wählen Standorte nicht strategisch

Schließlich übernahm Kayser Vertretungen in Praxen, liebte das ambulante Operieren und hielt Ausschau nach einer eigenen Niederlassung. Doch die Zulassung ist beschränkt. Die Sperren wurden erlassen, als sich in der Vergangenheit die - schon niedergelassenen - Ärzte vor weiterer Konkurrenz schützen wollten und die Kassen festgestellt hatten, dass sich jeder neu niedergelassene Arzt seine Nachfrage schafft. Für regionale Zulassungsbezirke ist ein bestimmter Bedarf an Ärzten der jeweiligen Fachrichtung definiert. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die Genossenschaft der Kassenärzte, wacht über die Einhaltung der Zulassungssperren. Zwar bleiben Vertragsarztsitze im Harz, in Wolfenbüttel oder Harburg unbesetzt, obwohl die KV den Ärzten in den unterversorgten Gebieten sogar eine Umsatzgarantie gibt, für welche sie aber nie wird einstehen müssen, weil es dort garantiert genug zu tun geben wird. Doch die meisten Ärzte wählen ihren Standort offenbar nicht strategisch, sondern passend zu ihren persönlichen Bedürfnissen. Ein Fachmann der Kassenärztlichen Bundesvereinigung drückte die Situation folgendermaßen aus: "Allgemeinärzte wollen zurück in ihre Heimat, Fachärzte richten sich an ihrem Studienort ein. Dann sind beide wie festgeschraubt." Das trifft nicht auf Kayser zu. Sie war mobil und kam nach Deutschland. Aber wer wollte ihr nun verdenken, dass sie aus Rücksicht auf ihre Familie, den Ehemann und die Kinder, in ihrer näheren Umgebung nach einer Praxis suchte.

Der Erfolg stellte sich nicht so rasch ein, wie dies in Zeiten des vermeintlichen Ärztemangels zu erwarten gewesen wäre. Drei Jahre dauerte es, bis Kayser den Zuschlag für ihren Vertragsarztsitz als Gynäkologin erhalten hatte. Bis es so weit war, kamen ihr Zweifel, ob alles mit rechten Dingen zugehen sollte. Ihr schien es, als sollte ein privater Klinikkonzern, der ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) aufbaute, oder ein Kollege, "der schon eine große Praxis hat und sich noch an einem MVZ beteiligt", bevorzugt werden. Aber am 15. November vorigen Jahres war es endlich so weit. Kayser erhielt den Zuschlag, in Gifhorn eine gynäkologische Praxis errichten zu dürfen. Am 15. März war ihr letzter Tag in der Klinik, und am 1. April eröffnete sie ihre Praxis. Die 91 Quadratmeter große Praxis mietete sie in einem Ärztehaus. Dessen Eigentümer, ein Allgemeinarzt, riet ihr zu: "Frau Kayser, das wird was."

Kredit mit günstigem Zinssatz

Binnen weniger Wochen musste die Ärztin ihre Praxis planen und einrichten lassen, die Finanzierung klären und Mitarbeiterinnen finden. Die Investition hatte ihren Preis. Jeweils etwa 90.000 Euro kosteten der Umbau sowie die Investitionen in Mobiliar und Technik. Kayser möchte gerne einmal ambulant operieren. Zudem schafft ein Betriebsmittelkredit von 50.000 Euro finanziellen Spielraum. Das private Einfamilienhaus dient der Bank als Sicherheit. Der Mietvertrag für die Praxis läuft über sechs Jahre. Bis zu dessen Ende möchte die Ärztin die Investition in die Räume am liebsten tilgen. Der Kredit hat einen günstigen Zinssatz und ist im ersten Jahr tilgungsfrei gestellt. Ohnehin gilt offenbar eine Schonfrist für Praxisgründer. Im ersten Jahr hat Kayser noch keine Notdienste zu leisten, das Finanzamt hat sich noch nicht gemeldet, und Kayser hat noch keines jener Budgets überschritten, unter denen die niedergelassenen Ärzte meist leiden. Rechnen sie mehr Honorar ab als der Durchschnitt der Fachgruppe oder verordnen sie mehr Arzneimittel als dieser, müssen sie sich rechtfertigen, Honorarkürzungen und Regresse fürchten. Die Summen, um die es in den Arzneimittelregressforderungen der Kassen gehen kann, sind durchaus fünf- oder sechsstellig.

Auch über die Bürokratie, unter der die meisten Ärzte ächzen, klagt Kayser nicht. Sie habe eben ein perfektes Computersystem. Ihr Mann sei vom Fach. Sie erhielt eine Anschubhilfe vom Arbeitsamt. Das zahlt ihr als ehemals sozialversicherungspflichtig Beschäftigter ein dreiviertel Jahr lang eine Starthilfe von 1000 Euro im Monat.

Arbeitstag familienfreundlich eingerichtet

Den Arbeitstag hat sich die Mutter und Ehefrau familienfreundlich eingerichtet. Die Praxis ist offiziell 27,5 Stunden in der Woche geöffnet, während die tatsächliche Arbeitszeit der Ärztin zwischen 30 und 40 Stunden schwankt. Aber es bleibt ihr die Zeit für die Familie, die ihr so wichtig ist. Abends bereitet Kayser das Mittagessen des nächsten Tages für die Kinder vor, denn sie sollen sich gut aufgehoben fühlen, wenn sie von der Schule nach Hause kommen. Es gebe stets etwas Gesundes und niemals "Fastfood".

Auch für die Patientinnen nimmt sich Frau Kayser genug Zeit. Sie kennt Frauenarztpraxen mit einem Patiententakt von sieben Minuten. Sie will für jede Patientin zehn Minuten Zeit haben und plant deshalb im 15-Minuten-Takt. Das funktioniert und spricht sich herum. Helferinnen auch aus anderen Praxen machen Mundpropaganda. Frauen kommen aus einem Umkreis von 40 Kilometer.

Doch auch Kayser ist nicht frei von Sorge: "Ein bisschen ungeduldig bin ich schon. Ich arbeite und habe kein Geld. Du stehst als Arzt unter dem Druck der Zahlen." Die Berater der KV hatten ihr gesagt, in Gifhorn gebe es "Gynäkologen wie Sand am Meer", sie solle froh sein, wenn sie zunächst 80 Patientinnen im Monat haben werde. Schon bald waren es aber 150 Patientinnen und 40 Privatpatientinnen. Im Oktober stieg die Zahl auf 270 Patientinnen mit gesetzlichem Versicherungsschutz zuzüglich der Privaten. Je Kassenpatientin kalkuliert die Gynäkologin mit einem Umsatz von 30 Euro im Quartal. Umsatz ist natürlich nicht Überschuss, denn Kayser muss die Praxis finanzieren und ihre Mitarbeiter bezahlen. Der Überschuss ist wiederum nicht das verfügbare Einkommen, denn die Ärztin muss ihre eigene soziale Absicherung aus dem Überschuss finanzieren und ihre Steuern zahlen.

1000 Patientinnen, damit etwas übrig bleibt

Kayser muss 1000 Patientinnen im Quartal behandeln, "damit mir etwas übrig bleibt". Sie zielt auf 30.000 Euro Umsatz im Quartal. Die Kosten für Miete, Zinsen, Gehälter samt Lohnnebenkosten sowie die Beiträge zur eigenen Altersversorgung und Krankenversicherung belaufen sich auf 21.000 Euro im Quartal. Kommen aber 1000 Patienten im Quartal, muss Frau Kayser die Praxis länger öffnen.

Als sie halbtags in der Klinik gearbeitet hatte, wurden ihr bei Steuerklasse V monatlich gut 1700 Euro ausbezahlt. In der Praxis, sagt die Existenzgründerin, habe sie mit wenigstens 1000 Euro netto gerechnet. "Ich liebe meinen Beruf, aber ehrlich, wenn ich das gewusst hätte . . .", sagt Kayser. Sie wird noch einen langen Atem brauchen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Michael Löwa

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