Die beliebtesten Ziele (2)

Brutto-Paradies Schweiz

Von Konrad Mrusek

EU-Europäer sind willkommen

EU-Europäer sind willkommen

18. Dezember 2006 

Deutsche Auto-Kennzeichen lernten Schweizer früher meist nur dann kennen, wenn die Urlauber kamen. Nun können sie die Schilder zu jeder Jahreszeit sehen, denn der Zustrom deutscher Arbeitskräfte ist groß. Das kleine Land ist inzwischen vor den Vereinigten Staaten zum beliebtesten Ziel deutscher Arbeitnehmer und Auswanderer geworden. Die Immigranten fallen auch auf, weil im schwyzerdütschen Umfeld Hochdeutsch sofort herauszuhören ist. Diese Klänge sind nicht nur häufiger in der Wirtschaftsmetropole Zürich, sondern auch in der Schweizer Provinz zu vernehmen. Hier sichtet man besonders viele ostdeutsche Autokennzeichen, denn auf dem Lande gibt es zahlreiche Jobs in der Gastronomie und auf dem Bau.

Es ist vor allem der gut und oft akademisch ausgebildete Nachwuchs, der in die Schweiz strömt, also Ärzte, Banker und Informatiker. Eine Analyse zeigt, daß allein zwischen 2003 und 2005 die Zahl der Deutschen in akademischen Berufen um 6000 und bei technischen Berufen um fast 5000 zunahm. Die höher qualifizierten Deutschen bekommen meist eine längere Aufenthaltserlaubnis (Niederlassung), während Kellner und Handwerker oft sogenannte Kurzaufenthalter sind, also nach ein paar Wochen oder Monaten wieder ausreisen.

Immer mehr Deutsche erwartet

Die beliebtesten Ziele (2): Brutto-Paradies Schweiz

Zählt man beide Kategorien zusammen und blickt in die Ausländerstatistik des Bundesamtes für Migration in Bern, so dürften im Vorjahr mehr als 20.000 Deutsche in die Schweiz gekommen sein. Seit 2002 sind etwa 50.000 Personen eingewandert, die nicht eine befristete, sondern eine mehrjährige Aufenthaltserlaubnis haben. Wenn im Mai 2007 die letzten Ausländerkontingente bei Kurzaufenthaltern abgeschafft werden, dürfte der Strom der Deutschen noch größer werden.

Es gibt zwei Gründe für die massive Zuwanderung: Die Schweiz hat ihre Ausländerpolitik geändert und dabei ein duales System geschaffen: EU-Europäer sind willkommen, seitdem man mit Brüssel in einem bilateralen Vertrag gegenseitige Personen-Freizügigkeit einführte. Ausländer aus Drittstaaten dürfen dagegen nur kommen, wenn sie qualifiziert sind. Der andere, ebenso wichtige Grund für den Zustrom der Deutschen: Die Schweizer Wirtschaft wächst so stark wie seit Jahren nicht mehr, und der inländische Fachkräftemarkt ist leer gefegt. Wenn man aber schon Ausländer einstellt, dann am liebsten die aus dem sprach- und kulturverwandten Nachbarland. Satte 56 Prozent der Nettozuwanderung entfielen daher in letzter Zeit auf Deutsche.

E in Job-Paradies?

Ist die Schweiz ein Job-Paradies? Zürich bietet zur Zeit hervorragende Stellen auf dem stark wachsenden Finanzplatz, und die zwei beneidenswert erfolgreichen Pharma-Konzerne Roche und Novartis locken ebenfalls viele Hochschulabsolventen, die oft auch als Grenzgänger tätig sind, also in Basel arbeiten und in Deutschland leben. Das Lohnniveau in beiden Branchen ist höher als in Deutschland, der durchschnittliche Bruttolohn eines 40 Jahre alten Mitarbeiters mit Uni-Abschluß liegt bei knapp 10.000 Franken.

In letzter Zeit mehren sich jedoch Hinweise, daß wegen der hohen Zuwanderung Löhne stellenweise unter Druck geraten. So behaupten die Gewerkschaften, bei Informatikern seien die Gehälter in den vergangenen beiden Jahren bereits um elf Prozent gesunken. Allzu stark dürften die Gehälter jedoch nicht schrumpfen, weil nicht zuletzt auf Druck der Gewerkschaften vor der Liberalisierung der Ausländerpolitik flankierende Maßnahmen eingeführt wurden, um Lohndumping zu verhindern. Der tarifliche Schutz von Arbeitnehmern, etwa bei Kündigungen, ist jedoch geringer als in Deutschland. Gehälter werden in der Regel betrieblich und nur selten branchenweit ausgehandelt. Ist die Schweiz auch in der Nettorechnung ein Paradies, bleibt mehr in der Tasche, weil Steuern und Sozialabgaben niedriger sind? Der Staat greift tatsächlich nicht so hart zu, der Fiskus kassiert erheblich weniger als in Deutschland.

Es kommt auf den Wohnort an

Es kommt dabei jedoch sehr auf den Wohnort an. Nur die direkte Bundessteuer ist überall gleich, Kantons- und Gemeindesteuern differieren dagegen stark. In Steueroasen wie Zug oder den Kantonen Schwyz, Nid- und Obwalden zahlt man nur 50 Prozent dessen, was Hochsteuer-Kantone wie Zürich berechnen. Doch der Staat kassiert selten mehr als 20 Prozent vom Bruttoeinkommen. Nimmt man jedoch die Sozialabgaben hinzu (Rentenversicherung AHV, Arbeitslosenversicherung, Beiträge zur Pensionskasse der Unternehmen) sowie die Beiträge zur Krankenkasse, dann summiert sich das auch auf rund 40 Prozent des Bruttolohns. Im Gegensatz zu Deutschland zahlen die Arbeitgeber keinen Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung, die auch für Ausländer eine Pflichtmitgliedschaft kennt.

Das Nettoeinkommen ist für Arbeitnehmer, die jährlich etwa 100 000 Franken (63 000 Euro) verdienen, zweifellos höher, doch da die Lebenshaltung teurer ist, schrumpft die Differenz beim frei verfügbaren Einkommen. In Zürich sind die Mieten horrend, unter 3000 Franken ist eine angenehme Wohnung in guter Lage kaum zu finden. Etliche Lebensmittel (Milch, Butter, Fleisch) sind wegen des Schweizer Agrarprotektionismus doppelt so teuer wie in Deutschland. Eine Tasse Kaffee kostet in Zürich 5 Franken. Am teuersten sind Dienstleistungen, weil es da Kartelle und Preisabsprachen gibt.

Viele Deutsche schwärmen vom neuen Job und loben die hohe Lebensqualität in der Schweiz, doch sie geben zu, sich in zwei Dingen getäuscht zu haben: Die Lebenshaltungskosten hat man unter- und die Freundlichkeit der Eidgenossen überschätzt. Die Deutschen sind zwar jene Ausländer, die den Schweizern in puncto Fleiß und Verläßlichkeit am nächsten kommen, doch sie sind nicht die Ausländer, die man am liebsten hat. Das kollektive Bild der Deutschen (arrogant, laut und etwas rücksichtslos) ist jedoch schlechter als die persönliche Wahrnehmung, das heißt, bei privaten Kontakten spürt man weniger die Klischees. Man kann jedoch nicht ausschließen, daß der Ansturm der Deutschen irgendwann stärkere Abwehrreflexe weckt, an Stammtischen dann häufiger über die Teutonen geschimpft wird - vor allem dann, wenn Konjunktur und Arbeitsmarkt nicht mehr so paradiesisch sind.

Text: F.A.Z., 16.12.2006, Nr. 293 / Seite C4
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Neuer Job, neues Zuhause! Unter immobilien.faz.net finden sicher eine Immobilie, die Ihren Wünschen entspricht! Wählen Sie aus über 960.000 Angeboten.Verlagsinformation

Neuer Job, neues Zuhause! Unter immobilien.faz.net finden sicher eine Immobilie, die Ihren Wünschen entspricht! Wählen Sie aus über 960.000 Angeboten.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche