CO2-Ausstoß senken

Jenseits der DIN-Normen

Von Holger Schmidt

Wer versteht, wie Umweltmärkte funktionieren, hat gute Chancen

Wer versteht, wie Umweltmärkte funktionieren, hat gute Chancen

25. Juni 2009 „Die Zeit der Öko-Päpste ist definitiv vorbei.“ Für Sebastian Gallehr erfordert der Umbau der Industriegesellschaft in eine Ökonomie mit möglichst geringen Kohlendioxidemissionen vor allem Mitarbeiter mit technischem Sachverstand über Produktionsprozesse und Logistik. „Im Idealfall verstehen diese Menschen auch, wie Umweltmärkte funktionieren, zum Beispiel der Emissionshandel. Juristen stoßen dort schnell an ihre Grenzen“, sagt Gallehr, der Unternehmen im Klimaschutz berät. Trotzdem stellen die Juristen nach Ergebnissen des „Kohlenstoff Gehaltsreports 2009“ von Thomson Reuters, Acre Resources und Acona die bestverdienende Gruppe unter den Klimaschützern dar. Durchschnittlich 135.000 Dollar verdienen sie im Jahr und liegen damit sogar vor den Händlern mit 90.000 Dollar.

Mehr als die Hälfte der Kohlendioxid-Emissionen in der Europäischen Union unterliegen inzwischen dem Emissionshandel. Das kann für die Unternehmen teuer werden: Energieversorger müssen vom Jahr 2013 an einen Großteil ihrer Emissionsrechte kaufen. Von 2012 an müssen auch alle Fluggesellschaften in der EU erst genügend Rechte nachweisen, bevor ihre Flugzeuge abheben können. „Es fehlen definitiv gute Leute“, sagt Gallehr. Vor allem Energieingenieure seien zu wenige am Markt. Auch der klassische Umweltingenieur muss für den Klimaschutz umdenken. „Es geht nicht darum, DIN-Normen zu erfüllen, da es keine DIN-Normen für den Klimaschutz gibt. Oft lässt sich die Wirkung einer Änderung auch nicht exakt berechnen, da Ursache und Wirkung im Klimaschutz nicht direkt zusammenhängen“, sagt Gallehr. Vielmehr müssen sich die Klimaexperten mittel- und langfristig neue Produktionsprozesse ausdenken, die mit möglichst geringen Kohlendioxid-Emissionen auskommen.

Klimaschutz funktioniert auch ohne Zwang

Doch Klimaschutz funktioniert auch ohne den Zwang, den der Emissionshandel ausübt. Der Versandhändler Otto hat sich schon 2007 verpflichtet, seine Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2020 zu halbieren. Dafür müssen aber alle Abteilungen im Unternehmen mitziehen. „Die Senkung der Kohlendioxid-Emissionen ist eine Aufgabe, die bei Otto im Umwelt- als auch im Gebäude-Management sowie in der Logistik angesiedelt ist. Mitarbeiter sollten neben der spezifischen Fachqualifikation eine besondere Neigung für Fragen des Umweltschutzes haben, denn Energie- und Transportkosten spielen bei Otto traditionell eine große Rolle“, sagt Andreas Streubig, Leiter Umwelt- und Gesellschaftspolitik der Otto Gruppe. Neueinstellungen für den Klimaschutz sind zurzeit aber nicht vorgesehen.

Auch die Konsumgüterindustrie hat sich dem Thema Klimaschutz verschrieben. Zunächst geht es erst einmal um die Analyse: Die Unternehmen möchten gerne den „Carbon Footprint“ ihrer Produkte ermitteln, also feststellen, wie viele Kohlendioxid-Emissionen in Entwicklung, Produktion und Transport angefallen sind. Die Klimafreundlichkeit eines Produktes könnte schon bald ein Verkaufsargument werden. Da die meisten kleinen und mittleren Unternehmen diese Analyse aber noch gar nicht begonnen haben, sind vor allem Berater gefragt, die erst einmal die Grundlagen für eine Bestandsaufnahme der Kohlendioxid-Emissionen vermitteln.

Da ist der Anlagenbauer Lurgi schon weiter. Das Unternehmen hat jahrzehntelange Erfahrung gesammelt. Lurgi holt das Klimagas aus chemischen Prozessen heraus - damit alle Prozesse reibungslos ablaufen. Seitdem der Ölpreis im vergangenen Jahr ein Rekordhoch erreicht hat, ist das Interesse, das Kohlendioxid aus dem Öl-Ersatzstoff Kohle herauszuholen, in aller Welt stark gewachsen. Die Air-Liquide-Tochtergesellschaft braucht dafür vor allem routinierte Verfahrenstechniker, die solche Projekte im Ausland managen können, was schon mal zwei oder drei Jahre dauern kann. Es sei aber beinahe unmöglich, erfahrene Leute dafür zu bekommen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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