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Mobilität

Frauen wollen kein Frauen-Auto

Von Steffen Zimmermann



Kaum noch Unterschiede beim Blick aufs Auto
17. September 2007 
Autos sind Männersache - behaupten viele Männer. Die Realität sieht jedoch anders aus. Eine neue Generation mobiler Frauen macht den Männern ihre Domäne streitig, behauptet Doris Kortus-Schultes. Die Wirtschaftswissenschaftlerin leitet an der Hochschule Niederrhein das Kompetenzzentrum "Frau und Auto" und weiß die Zahlen auf ihrer Seite. "Während 1984 erst 16 Prozent der Autobesitzer in Deutschland Frauen waren, stieg deren Anteil bis zum vergangenen Jahr auf rund 31 Prozent", sagt Kortus-Schultes. In den kommenden Jahren sei mit einem weiteren Anstieg auf bis zu 50 Prozent zu rechnen. Dann herrsche auf den Straßen Gleichstand zwischen den Geschlechtern. "Die Nachfrage der Frauen nach eigenen Autos steigt immer weiter an und ist nicht mehr marginalisierbar."

Ein Auto als Grundausstattung

Die Gründe für die automobile Aufholjagd des weiblichen Geschlechts sind laut Kortus-Schultes vielfältig. Zum einen gibt es heute immer mehr berufstätige Frauen, die meist über höhere Bildungsabschlüsse und damit über höhere Gehälter als Frauen früherer Generationen verfügen. Dadurch können sich immer mehr Frauen einen eigenen Wagen leisten. Verstärkt wird dieser Trend durch die hohe Zahl von Single-Haushalten. "Single-Frauen verfügen über überdurchschnittliche Einkommen und können sich dementsprechend auch etwas leisten", sagt die Expertin. Ein eigenes Auto gehöre deshalb immer häufiger zur Grundausstattung.

Schon „Thelma und Louise” wussten, dass Emanzipation hinter dem Steuer beginnt

Ähnliches berichtet auch Ferdinand Dudenhöffer. Der Auto-Experte von der Fachhochschule Gelsenkirchen sieht die Frauen im Automobilsektor heute mehr und mehr auf der Überholspur. Ein Auto gelte inzwischen auch beim weiblichen Geschlecht als Statussymbol. Deshalb seien die Hersteller heute darauf angewiesen, gezielt auf die Wünsche und Bedürfnisse von Frauen einzugehen. "Frauen sind als Zielgruppe nicht mehr wegzudenken", sagt Dudenhöffer.

Allerdings haben gerade die deutschen Autobauer noch erheblichen Nachholbedarf. Zwar betonen alle führenden heimischen Hersteller, welch große Bedeutung die Frauen als wachsende Kundengruppe für sie haben. In der Gunst der Damen stehen derzeit aber vor allem ausländische Marken an der Spitze. Während Peugeot, Renault und Fiat mit jeweils über 40 Prozent die höchste Frauenquote bei den Pkw-Haltern in Deutschland aufweisen, dümpeln BMW, Audi und Mercedes bei lediglich etwas mehr als 20 Prozent.

Nur ein paar Grundregeln beachten

Dabei wäre es nach Ansicht der Fachleute problemlos möglich, mehr Frauen als Kunden zu gewinnen. Die Hersteller müssten nur einige Grundregeln beachten. "Das Wichtigste: Frauen wollen kein Frauen-Auto", weiß Doris Kortus-Schultes. Befragungen hätten gezeigt, dass die Mehrzahl der Kundinnen auf so ein Auto ablehnend reagiere. Der Grund: Die Frauen fürchteten, dass dann sichtbar würde, wie sich die Industrie ein Frauen-Auto vorstelle: klein, rund und rosa.

Tatsächlich unterscheiden sich Frauen und Männer kaum in ihren automobilen Wünschen. "Die Präferenz für eine bestimmte Marke oder ein bestimmtes Modell ist unabhängig vom Geschlecht", erklärt Dudenhöffer. Vielmehr richte sich das Interesse nach der jeweiligen beruflichen Situation. So seien sich ein Mann und eine Frau, die beide in der Anwaltsbranche tätig seien, in ihren Präferenzen erheblich ähnlicher als eine Anwältin und eine Kindergärtnerin, sagt Dudenhöffer.

Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es dennoch - allerdings nur im Detail. "Während Männer immer noch eher am Motor und dessen Leistung interessiert sind, achten Frauen vor allem auf Innenraumdesign, Optik und Farben", sagt Wissenschaftlerin Kortus-Schultes. Frauen ließen sich generell stärker von ihren Sinnen betören. "Sie wollen von einem Auto emotional angesprochen werden." Darauf müsse insbesondere auch die Werbung mehr Rücksicht nehmen.

Ein weiterer Unterschied: Frauen nutzen ihr Fahrzeug anders als Männer. "Frauen leben anders, deshalb erleben sie im Auto auch manches anders", sagt Kortus-Schultes. Frauen kauften häufiger ein und kümmerten sich mehr um die Kinder: "Deshalb interessiert Frauen zum Beispiel besonders die Gestaltung der Laderampe, des Kofferraums und die Verstellbarkeit der Sitze." Daran aber dächten Ingenieure beim Konzipieren eines Modells weniger. "Ein Mann fühlt nicht wie eine Frau. Deshalb haben wir heute unheimlich viel Elektronik im Auto, aber erst seit kurzem Mulden und Halterungen im Kofferraum, um Wasserkisten und Einkaufstüten zu sichern", sagt Kortus-Schultes. "Dabei ist das so naheliegend, dass man sich fragt, warum wir so lange darauf gewartet haben."

Männer an den Schalthebeln

Die Antwort auf diese Frage könnte ein Blick in die Entwicklungsabteilungen der Automobilindustrie liefern. Hier entscheiden immer noch in erster Linie Männer, wie künftige Autos aussehen. Welchen Anteil Frauen in den Entwicklungsmannschaften haben, darüber gibt es keine genauen Zahlen. Michael Schwarz vom "Verein Deutscher Ingenieure" glaubt allerdings nicht an eine besonders hohe Frauenquote. Insbesondere im internationalen Vergleich sei der Anteil der Ingenieurinnen in der deutschen Automobilbranche immer noch "beschämend gering".

Neben fehlendem Technikunterricht in der Schule nennt Schwarz alte Rollenbilder als Grund für den Frauenmangel: "Technik gilt in Deutschland immer noch als Männersache." Allerdings müsse hier dringend ein Wandel herbeigeführt werden: "Frauen wissen besser, was Frauen für Autos fahren wollen", glaubt Schwarz. Außerdem müsse es im Interesse der Branche sein, die wachsende Bedeutung der Kundengruppe Frau besser in der eigenen Mitarbeiterschaft abzubilden. Das glaubt auch Doris Kortus-Schultes. Sie ist überzeugt: "Die Hersteller bauen bessere Autos, wenn sie mehr Frauen am Entwicklungsprozess beteiligen."

Text: F.A.Z., 15.09.2007, Nr. 215 / Seite C4
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv, picture-alliance/ dpa
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [2]
Statistiken sind Schall und Rauch. 20.09.2007, 23:47
Plattheiten und Widersprüche 17.09.2007, 15:35
 
   
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