09. Januar 2007 Nichts hält sich so zäh wie ein Vorurteil. Wer beispielsweise neu nach Großbritannien kommt, beschwert sich über das weiche Brot und das schlechte Wetter - bis er feststellt, dass es hier unzählige Brotsorten gibt. Die Zahl der Regentage liegt sogar auf mediterranem Niveau. Wer länger dort lebt, hat andere Sorgen: das marode Gesundheitssystem, das tägliche Verkehrschaos, Linksverkehr, die für Kontinentaleuropäer immens hohen Lebenshaltungskosten. Trotzdem zieht es jedes Jahr Hunderttausende Arbeitsuchende nach Großbritannien. Das etwas langsamere Wirtschaftswachstum und die zuletzt auf 5,5 Prozent gestiegene Arbeitslosigkeit haben daran nichts geändert. Vor allem Osteuropäer versuchen derzeit auf der Insel ihr Glück, aber auch auf die Deutschen hat sie eine ungebrochene Anziehungskraft. In der Liste der beliebtesten ausländischen Arbeitsorte rangiert Großbritannien an fünfter Stelle hinter der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und Norwegen.
Die Chancen, auf dem britischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, stehen gut. In einer Umfrage des Industrieverbands CBI bezeichneten zwei Drittel der befragten Unternehmen den Fachkräftemangel als größtes Hindernis für den wirtschaftlichen Erfolg. Jeder zweite Betrieb beschäftigt Arbeitskräfte aus dem EU-Ausland, 37 Prozent aus Ländern außerhalb der Europäischen Union.
"Gute Karten haben vor allem Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure", erklärt Minakshi Roy, Senior Policy Adviser im Industrieverband. Derzeit verließen weit weniger Briten mit diesen Qualifikationen die Universitäten, als gebraucht würden. Auch an Mitarbeitern mit guten Fremdsprachenkenntnissen mangele es. Zu den Branchen mit dem höchsten Personalbedarf gehörten der Energiesektor, die Bauwirtschaft, Rechtsanwaltskanzleien, Beratungsfirmen, der Handel und die Immobilienwirtschaft. Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit attestiert außerdem Handwerkern und Sozialpädagogen gute Aussichten auf Arbeit in Großbritannien. Letztere sind so gesucht, dass die europäischen Eures-Arbeitsvermittler vor kurzem eine eigene Jobmesse nur für diese Berufsgruppe organisierten.
Wie viele Deutsche in Großbritannien arbeiten, ist statistisch nicht erfasst, weil die Briten keine Meldepflicht kennen. Zu den größten Gruppen gehörten Ärzte, Architekten und Hotelfachkräfte, sagt Armin Jungbluth, Sozialreferent der Deutschen Botschaft in London. Sie erhofften sich angesichts der angespannten Arbeitsmarktlage in der Heimat eine bessere Zukunft. Seit eineinhalb Jahren zieht der Börsenplatz London auch wieder Finanzfachleute an. Die derzeitige Champagnerlaune in der Londoner City angesichts von Rekordbonuszahlungen dürfte diesen Zustrom noch verstärken. Illusionen über leicht verdientes Geld darf man sich jedoch nicht hingeben. "In London muss man härter arbeiten und trägt ein höheres Risiko, wird dafür aber auch höher belohnt", fasst ein Investmentbanker zusammen.
Die britischen Behörden machen Arbeitskräften aus den EU-Staaten den Start relativ leicht. Eine Meldung beim Einwohnermeldeamt und eine Arbeitserlaubnis erübrigen sich, außer für die Kanalinseln und die Isle of Man. Mit Aufnahme einer Arbeit erhält jeder Arbeitnehmer automatisch eine "National Insurance Number", die für die Bezahlung von Sozialversicherungsbeiträgen benötigt wird. Der Einkommensteuersatz für die höchste Einkommensgruppe liegt mit 40 Prozent ungefähr auf deutschem Niveau. Die Sozialversicherungsbeiträge, die auch Selbständige bezahlen müssen, fallen mit rund 11 Prozent deutlich geringer aus. Eine Krankenversicherung ist nicht nötig. Die Gesundheitsversorgung wird aus Steuermitteln finanziert und ist für jeden Ansässigen kostenlos. Nur um eine Registrierung bei einem Hausarzt muss man sich kümmern. Viele Gutverdiener und Entsandte schließen jedoch eine private Krankenversicherung ab, um sich eine bessere Versorgung als über den chronisch überlasteten National Health Service (NHS) zu sichern.
Auf Schwierigkeiten sollten sich Neuankömmlinge gefasst machen, wenn sie ein Bankkonto eröffnen, eine Kreditkarte beantragen oder einen Mobilfunkvertrag abschließen wollen. Hilft der Arbeitgeber nicht, kann es Monate dauern, bis alles unter Dach und Fach ist. Ungewohnt für Deutsche ist auch, dass die Briten keine Personalausweise haben, sondern Kontoauszüge und Gasrechnungen als Adressnachweis mit sich herumschleppen.
Die liberalen Bedingungen auf dem britischen Arbeitsmarkt haben für Arbeitnehmer auch ihre Schattenseiten. Nicht nur fällt der Kündigungsschutz lockerer aus als in Deutschland, was zu häufigeren Jobwechseln führt. Im Falle des Arbeitsplatzverlustes ist auch kaum staatliche Unterstützung zu erwarten. Erst nach zwei Jahren sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung entsteht ein Anspruch auf Arbeitslosengeld in Höhe von 48 Pfund (72 Euro) in der Woche. Nur bei Bedürftigkeit wird diese Stütze länger als ein halbes Jahr gezahlt. "Als Arbeitsloser sollte man es sich gut überlegen, ohne konkretes Stellenangebot nach Großbritannien zu gehen", warnt Jungbluth.
Ähnlich sehen die Bedingungen für ausländische Arbeitskräfte in Irland aus. Die kleine Nachbarinsel erlebt auf die Bevölkerung gerechnet eine noch stärkere Zuwanderungswelle als Großbritannien. Bei einer Arbeitslosenquote von gerade einmal 4 Prozent sind Ausländer für das weitere Wirtschaftswachstum unerlässlich - und werden entsprechend umworben. Die hohe Nachfrage schlägt sich in Löhnen und Gehältern nieder. Wie in Großbritannien können viele Arbeitskräfte in Irland brutto deutlich mehr verdienen als in Deutschland, die Nettogehälter fallen wegen der geringen Sozialversicherungsbeiträge ohnehin meist höher aus. Spätestens bei der Suche nach einer Wohnung dürfte die Freude darüber jedoch schwinden. Auch in Irland sind die Mieten in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Dort zu leben und zu arbeiten muss man sich leisten können.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar, F.A.Z.