Fördern und fordern

Jobstart mit Mathe-Vier

Von Josefine Janert

In der Wartezone - es gibt bessere Plätze

In der Wartezone - es gibt bessere Plätze

26. November 2007 

Berufsanfänger mit schlechten Schulnoten und ohne Abschluss haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer. Der misslungene Jobstart ist für sie eine Katastrophe. Ohne Beruf haben sie zumeist kein sicheres Gehalt, keine Zukunft. Viele Unternehmen bieten daher einjährige Praktika an, über die der Einstieg in den Arbeitsalltag doch noch gelingt. Während dieser Zeit werden erste berufspraktische Fähigkeiten vermittelt, können die Jugendlichen ihre Zensuren verbessern. Anschließend bewerben sie sich auf einen regulären Ausbildungsplatz - mit mehr Erfahrungen und Rückenwind als vorher.

Aus Sicht der Firmen sind die berufsqualifizierenden Praktika „eine frühzeitige Nachwuchsförderung“, wie eine Sprecherin der Deutschen Bahn sagt. Seit Herbst 2004 nahm das Unternehmen 940 Personen in sein Programm „Chance plus“ auf - Jugendliche mit einem Haupt- oder Realschulabschluss, die sonst kaum eine Perspektive hätten. Bei der Deutschen Post gibt es eine ähnliche Initiative und auch dort werde unter den Teilnehmern nach „motivierten, förderungswürdigen Mitarbeitern“ gesucht, wie Unternehmensprecher Uwe Bensien sagt. Von den 280 Praktikanten des letzten Jahrganges bekamen 184 anschließend eine Ausbildungsstelle, etwa als Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen.

Im Jahr 2004 verpflichteten sich Wirtschaftsvertreter im Nationalen Pakt für Ausbildung dazu, pro Jahr 25.000 Plätze für die betriebliche Einstiegsqualifizierung bereitzustellen. Inzwischen wurde auf 40.000 Plätze erhöht und das „Sonderprogramm Einstiegsqualifizierung Jugendlicher“, wie es offiziell heißt, bis Ende 2008 verlängert. Aufgenommen werden Menschen bis 25 Jahren - „Ausbildungsbewerber mit aus individuellen Gründen eingeschränkten Vermittlungsperspektiven“ und „Jugendliche, die noch nicht im vollen Maße über die erforderliche Ausbildungsbefähigung verfügen“.

Firmen bekommen Zuschüsse

Die Agentur für Arbeit schießt den Firmen pro Monat 192 Euro für den Lebensunterhalt der Jugendlichen und 99 Euro für die Sozialversicherung dazu. Die Initiative ist nach wie vor dringend notwendig, denn trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs sind laut Agentur für Arbeit von 734.300 Bewerbern um einen Ausbildungsplatz knapp 30.000 noch nicht vermittelt.
Am „Sonderprogramm Einstiegsqualifizierung Jugendlicher“ sind verschiedene Branchen beteiligt - vom Fahrzeughersteller bis zum Versicherungsunternehmen DEVK. Dort sieht man sich „in der sozialen Verantwortung“, wie Sprecherin Maschamay Poßekel sagt. Die Praktikanten werden u.a. in der Allgemeinen Verwaltung, in der Rechtsschutz- und der Werbeabteilung eingesetzt und lernen so die Unternehmensbereiche kennen, in denen es Ausbildungsplätze gibt.

Bei der Deutschen Bahn werden die Schulabgänger in der Metall- und Bauteileherstellung, im Verkehrsgewerbe und der Kundenbetreuung eingesetzt, außerdem bei der Gebäudereinigung. Nach dem Abschluss erhalten die Teilnehmer von „Chance plus“ ein Zertifikat der Industrie- und Handelskammer oder der Handwerkskammer. Gegenwärtig finden sich freie Plätze in zwölf Städten, u.a. in Bremen, Schwerin und Dortmund. „Viele Bewerber sind nicht daran gewöhnt, acht Stunden hintereinander konzentriert an etwas zu arbeiten und für sich selbst Verantwortung zu übernehmen“, schildert Karl-Heinz Stroh die Misere. Er ist Personalvorstand der DB Netz AG, einer Tochter der Deutschen Bahn.

Personalchefs achten auf Deutsch und Mathe

Schulabgänger, für die das „Sonderprogramm Einstiegsqualifizierung Jugendlicher“ geschaffen wurde, stammen oft aus Familien, in denen einer oder beide Elternteile ohne Job sind. Mangels Vorbildern müssen sie sich erst darauf einstellen, morgens zur Arbeit zu gehen und in einem Team mitzuwirken. Auch die schlechten Noten setzen die Chance herab, ohne weitere Förderung eine Ausbildungsstelle zu ergattern. Personalchefs gucken bei Bewerbern vor allem auf die Zensuren in Deutsch und Mathe: Es gibt kaum einen Beruf, in dem es nicht darauf ankommt, sich verständlich auszudrücken und rechnen zu können. Die Teilnehmer des „Chance plus“-Programms der Deutschen Bahn erhalten deshalb während der zwölf Monate u.a. Mathematik-, Deutsch-, und Englischunterricht und trainieren ihre sozialen Kompetenzen. „Sie lernen betriebliche Abläufe kennen und können insgesamt ihre Persönlichkeit festigen“, sagt Karl-Heinz Stroh.

Unentschuldigte Fehltage auf dem Zeugnis sind nach den Erfahrungen von Berufsberater Jens Herrmann in den Augen vieler Personalchefs „ein K.o.-Kriterium“. Herrmann kümmert sich bei der Bremer Agentur für Arbeit um Jobsuchende bis 25 Jahre. Er empfiehlt seiner Klientel, unbedingt regelmäßig am Schulunterricht teilzunehmen. Unerlaubtes Fernbleiben gilt nämlich als Indikator für fehlende Motivation und Unzuverlässigkeit - auch bei Bewerbern für das „Sonderprogramm Einstiegsqualifizierung Jugendlicher“. Wenn der Gesamteindruck sonst stimmt, schaue man bei Anwärtern auf „Chance plus“ sogar „über schwächere Schulnoten in einzelnen Fächern und über ein, zwei Rechtschreibfehler in der Bewerbung hinweg“, sagt der Personalvorstand Stroh.

Körbeweise Bewerbungen

Sauber und ordentlich sollten die Unterlagen allerdings schon sein. „Keine Eselsohren, keine Fettflecken“, sagt Christina Peternek, die Sprecherin von Volkswagen. Auf seine bundesweit 1.250 Ausbildungsstellen pro Jahr erhält der Autokonzern körbeweise Bewerbungen. Es gilt die Regel, dass jeder fünfte Platz an einen Hautpschüler vergeben wird. „In technischen Berufen können sie durchaus hervorragend sein“, meint Peternek. „Für eine Ausbildung als Industriekauffrau ist hingegen die Allgemeine Hochschulreife erforderlich.“

Volkswagen gehört zu einem „Regionalverbund für Ausbildung“, der sich für benachteiligte Jugendliche engagiert. Parallel zur praktischen und theoretischen Ausbildung erhalten sie bei Bedarf Nachhilfe in schwierigen Fächern. Bei der Bahn kümmern sich sogar Sozialarbeiter um die Teilnehmer von „Chance plus“. Sie übernehmen die Einweisung in die Firma und sind Gesprächspartner bei Problemen. Mit ihren Förderprogrammen machen die Unternehmen überwiegend gute Erfahrungen. „Wir wünschen uns allerdings, dass die Bewerber konkretere Vorstellungen von ihrem zukünftigen Beruf haben“, sagt Uwe Bensien von der Deutschen Post . Manche glaubten, dass Briefzusteller ein Schreibtischjob sei. „Dabei gehen die Leute bei Wind und Wetter raus.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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