Ärztemangel

Die Mediziner zieht es ins Ausland

Von Hajo Friedrich

Junge Mediziner wissen um ihren Marktwert

Junge Mediziner wissen um ihren Marktwert

20. November 2007 

Der Bedarf an Ärzten in Deutschland steigt, und die Arbeitslosenquote beträgt nur rund 1,6 Prozent. Dennoch zieht es immer mehr deutsche Ärzte ins Ausland. Mehr als 4200 deutsche Ärzte sind allein bei der britischen Registrierungsbehörde, dem General Medical Council (GMC), registriert. In Wochenendschichten und Urlaubsvertretungen in Kliniken und Praxen besserten mehr als 1000 deutsche Ärzte regelmäßig ihr heimisches Gehalt auf, heißt es in der Fachpresse.

In England verdiene sie doppelt so viel wie in Deutschland, und die Menschen seien ihr obendrein auch noch dankbar, berichtet eine Allgemeinmedizinerin. Netto rund 1000 Euro ließen sich an einem Wochenende in England verdienen. Ähnliches gilt etwa auch für Norwegen und Schweden, wo derzeit jeweils 700 deutsche Ärzte tätig sind. Saudi-Arabien wirbt mit Vergünstigungen wie einer kostenlosen Wohnung.

Zwei Drittel der Stundenten sind wechselbereit

Die Sorge, dass viel junge Ärzte in andere Länder und Berufe flüchten könnten, treibt die Standesvertretung der Mediziner um. Im Gegensatz zur Lage vor einigen Jahren sei in Deutschland inzwischen ein Ärztemangel zu beklagen, sagte unlängst der Präsident der Bundesärztekammer Jörg-Dietrich Hoppe auf einem Kongress für Medizinstudenten und junge Ärzte. "Wir sind hier, um Sie für eine kurative Tätigkeit in Deutschland zu begeistern", bekannte er offen.

Zwei Drittel der Studierenden an den Fakultäten für Medizin könnten sich vorstellen, in ein anderes Land auszuwandern, heißt es in einer in diesem Frühjahr durchgeführten Umfrage des Deutschen Ärzteblattes. Seit dem Jahr 2000 haben sich mehr als 12.000 Ärzte vom deutschen Arbeitsmarkt verabschiedet. Diesen Verlust können die rund 13.800 Ärzte aus dem europäischen Ausland, die teilweise schon seit vielen Jahren in deutschen Kliniken oder Praxen tätig sind, immer weniger ausgleichen. Denn insgesamt mehr als 40.000 Haus-, Fach- und Krankenhausärzte werden sich aus Altersgründen in den nächsten fünf Jahren aus der Patientenversorgung verabschieden, so Andreas Köhler von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Dennoch dürfte der Trend anhalten, sich von den von vielen Medizinern als ungünstig eingestuften Verhältnissen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu verabschieden. Dazu tragen die zunehmende Mobilität, Flexibilität und Transparenz im europäischen Binnenmarkt der Gesundheitsdienstleistungen bei. Die Europäische Kommission feilt gegenwärtig an einem Richtlinienentwurf zur Förderung der Patientenfreizügigkeit. Damit sollen Patienten einen Rechtsanspruch erhalten, ärztliche Dienste im EU-Ausland in Anspruch zu nehmen. Dies dürfte vor allem in Grenzregionen die Konkurrenz zwischen den Anbietern von Gesundheitsdienstleistungen erhöhen.

Südeuropa baut Sprachbarrieren auf

Mit der seit kurzem geltenden EU-Richtlinie über die Anerkennung von Berufsqualifikationen (Nr. 2005/36/ EG) soll die Flexibilität der europäischen Arbeitsmärkte gefördert und die Erbringung von Dienstleistungen im Binnenmarkt liberalisiert werden. Mit dem Regelwerk werden die bisherigen Richtlinien zum Marktzugang bei 150 reglementierten Berufen - wie den Ärzten, Krankenpflegekräften, Zahnärzten, Hebammen und Apothekern - zu einem Rechtsakt zusammengefasst. Es schreibt vor, dass die EU-Länder die jeweiligen Berufsabschlüsse grundsätzlich als gleichwertig anerkennen und den Berufsangehörigen freien Zugang zum heimischen Arbeitsmarkt gewähren müssen.

Dennoch schotten der Bundesärztekammer zufolge manche Länder trotz Freizügigkeit ihren Arbeitsmarkt ab. Zum Beispiel in Griechenland, Spanien und Frankreich seien in vielen Fällen Zulassungsverfahren verzögert oder hohe Hürden bei den Sprachkenntnissen aufgestellt worden, heißt es in Berlin. Auch in Großbritannien, wo gerne auf ausländische Ärzte zurückgegriffen werde, um die langen Wartezeiten im staatlichen Gesundheitssystem abzubauen, sei die Marktöffnung noch längst nicht vollendet. So hätten Ausländer bei der Ausschreibung von Chefarztposten oftmals kaum Chancen.

Viel Eigeninitiative sei erforderlich, um eine Arbeitsstelle im Ausland zu finden, sagen Berufsberater. Angebote finden sich in der Fachpresse wie dem "Deutschen Ärzteblatt" oder über die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Empfohlen wird aber auch eine direkte Kontaktaufnahme mit ausgewählten Krankenhäusern oder auch einer Praxis, die Personal oder eine zeitweilige Vertretung sucht. Doch es gibt auch noch eine Alternative zum Umzug innerhalb der EU: Neue Erfahrungen sammeln und gleichzeitig auch noch Gutes tun können Mediziner auch in der Entwicklungshilfe und bei Katastropheneinsätzen, sagen die Stellenvermittler.

Text: F.A.Z., 17.11.2007, Nr. 268 / Seite C8
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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