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Professor Wang bastelt nicht

Von Sebastian Balzter



Hat nie eine Werkstatt gehabt: Xiaofeng Wang
19. September 2007 
Bis jetzt gilt eine einfache Regel: Autos aus China haben in Deutschland keine Chance, spätestens am Crashtest des ADAC scheitern sie. So ging es dem Geländewagen von Landwind, so ging es der Limousine von Brilliance. Trotzdem löst das Reich der Mitte auch in der deutschen Autobranche Angstschübe aus. Die Furcht vor dem Tag, an dem chinesische Ingenieure zu konkurrenzlosen Preisen Design, Qualität und Technologie auf Weltmarktniveau liefern werden, geht in den Vorstandsetagen zwischen München und Wolfsburg um. Zugleich sorgen Exportgewinne und Traumrenditen auf dem größten Wachstumsmarkt der Weltwirtschaft für leuchtende Augen.

Um mehr über dieses gespaltene Verhältnis zu erfahren, kann man sich mit Martin Winterkorn in Schanghai treffen - der VW-Chef ist dort zum Ehrenprofessor der Eliteuniversität Tongji ernannt worden. Oder man fährt nach Rüsselsheim zu Xiaofeng Wang. Der Spezialist für Fahrwerkstechnik lehrt dort an der Fachhochschule im Bereich Maschinenbau.

Vor 20 Jahren, damals war er 28 Jahre alt, kam Wang als Gastwissenschaftler an die TU Braunschweig, wo er das deutsche Hochschulwesen und die deutsche Sprache kennenlernte. Zuvor hatte er in der alten Kaiserstadt Nanjing Luftfahrttechnik studiert. Später stellte ihn Siemens als Vertriebsingenieur an, danach der Automobilzulieferer Woco aus dem hessischen Bad Soden-Salmünster. Dort simulierte Wang in der Forschungsabteilung Systeme zur Geräusch- und Schwingungsdämpfung. "Ich analysierte Messwerte und saß dafür den ganzen Tag vor dem Computermonitor. So wie alle chinesischen Ingenieure in ausländischen Unternehmen." Tüftler mit Benzin im Blut gebe es im Reich der Mitte schlicht nicht.

"Noch fehlt den Chinesen das Konzept"

Die Folge ist in Rüsselsheim zu beobachten: Während Wangs deutscher Kollege in der Maschinenhalle die Studenten Gokarts zusammenschrauben lässt, wird in Wangs Teil der Halle gemessen und simuliert. "Ich habe selbst nie eine Werkstatt im Keller oder in der Garage gehabt", gibt Professor Wang zu. Er trägt ein weinrotes Hemd und eine Brille mit großen Gläsern, eine Stoffhose mit Lacoste-Gürtel, in der Brusttasche eine Packung Zigaretten: So sieht ein wandelndes Stück deutsch-chinesische Automobilgeschichte aus.

Die Praxisschwäche sei das entscheidende Negativmerkmal der Ingenieurausbildung in China (lesen Sie, welche Nation welche Ingenieure hervorbringt: Eierlegende Wollmilchingenieure). In der Theorie, sagt Professor Wang, seien chinesische Studenten stark. Ihren Vorsprung in Mathematik und Physik büßten sie aber in der Konstruktion schnell ein. "Das liegt an der Kultur", sagt er. "In Deutschland bauen schon die Kinder viel selbst", sagt er.

Um das Defizit zu beheben, bemühen sich die chinesischen Unternehmen um Zusammenarbeit mit deutschen Firmen und Wissenschaftlern. "Deutschland hat das beste Ansehen in China", beteuert Wang. Die seit 30 Jahren bestehende Zusammenarbeit mit Volkswagen, die Großaufträge für den Transrapid und die Staudämme belegten dies genauso wie die beliebten akademischen Austauschprogramme: Allein an der FH Rüsselsheim lernen derzeit zehn chinesische Studenten, wie man Fahrwerke entwickelt.

Generalverdacht der Spionage

Doch mögen die Kooperationen auch für beide Seiten gewinnträchtig sein, sie wecken bei vielen Deutschen den antichinesischen Generalverdacht der Spionage und des späteren Kopierens. Professor Wang kennt die Sorgen. Nach dem schwierigen Wort "Urheberrechtsschutz" muss er in seinem umfangreichen deutschen Wortschatz lange suchen. Für eine Entwarnung braucht er aber nur einen Augenblick. "Keine Angst", sagt er und faltet die Hände vor der Brust. "Für deutsche Firmen ist das kein Problem. Die Japaner und Koreaner haben ihnen auch nicht viel geschadet."

Dass seine Landsleute mit ihren asiatischen Nachbarn gleichziehen werden, steht für ihn außer Frage - auch wenn sie noch weit hinterherhinken. Die Brilliance-Limousine zum Beispiel, die sich beim Crash mit 65 Stundenkilometern zusammenfaltet wie ein Schifferklavier, kennt Xiaofeng Wang aus eigener Anschauung. "Ich habe am Vorgängermodell mitgearbeitet, das war noch schwächer", sagt er. Italienisches Styling, japanische Motortechnik, deutsche Schützenhilfe beim Fahrwerksbau - viel China stecke nicht in dem Wagen. "Den Chinesen fehlt noch das Konzept. Aber das kommt. Im Brilliance steckt viel Potential." Dass die Limousine den Sicherheitsstandards deutscher Automobilclubs nicht genügt, darüber müsse sich niemand wundern. "Man bezahlt 20 000 Euro für das Auto. Damit kauft man auch Qualität für 20 000 Euro." Mit der Hand zieht Xiaofeng Wang einen waagrechten Strich durch die Luft. "Mehr sage ich dazu nicht."

Wann werden die Autos aus China konkurrenzfähig sein? "In zehn Jahren sind wir vielleicht auf dem Mond, weil der Staat so viel Geld dafür einsetzt. Aber bei der Fahrzeugtechnik dauert es länger, wegen der vielen Zulieferer." Jetzt liegen Professor Wangs Hände flach auf dem Tisch, seine Prognose bleibt ungewiss. Bei der Motorleistung dagegen habe China kaum Nachholbedarf, sagt er mit erhobenem Zeigefinger. "Das kommt aus dem Militär. Da sind wir nicht so schwach."

In drei Jahren könnte China nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Automarkt der Welt sein. Schon jetzt werden dort jährlich sechs Millionen Autos verkauft. Auch in der Nachwuchsfrage trumpft China auf mit schierer Masse: Ein Drittel der jährlich fünf Millionen chinesischen Hochschulabsolventen sind Ingenieure, von Fachkräftemangel keine Rede. "Für viele ist es sogar ein Riesenproblem, einen Job zu finden", berichtet Professor Wang. Wer allerdings im Westen Praxiserfahrung gesammelt habe, müsse sich keine Sorgen machen. Die besten landeten aber weder in China noch in Deutschland, sondern in den Vereinigten Staaten. Wegen der Bezahlung. "Hier bleibt nur die zweite Klasse."

In Peking sieht man nie den Himmel

Und Professor Wang selbst, bleibt er? Nach Zweitklassigkeit sieht es auch auf dem Weg zu seinem Büro aus, er führt vom Bahnhof der Opel-Stadt Rüsselsheim vorbei an bundesrepublikanischer Tristesse mit Einfamilien-Monokulturen und Ein-Euro-Imbissen. Eine abgenutzte Holztür verschließt sein Büro im dritten Stock des Südbaus der Fachhochschule. Graues PVC liegt auf dem Boden, im Schaukasten auf dem Gang ist ein Mercedes-Automatik-Getriebe ausgestellt. Xiaofeng Wang teilt sich den Raum und einen Computer mit zwei Kollegen. Aus dem Fenster geht die Aussicht auf den grauen Nordbau, ein Elfenbeinturm ist das nicht. Aber über dem Flachdach streckt sich der weiß-blaue Spätsommerhimmel aus. Professor Wang schaut hinaus. "In Schanghai, in Peking, in Nanjing", sagt er, "da sieht man nie blauen Himmel." Im Kurort Bad Soden-Salmünster, wo er mit seiner Familie wohnt, sei die Luft immer gut.

Es gefalle ihm dort, sagt Professor Wang. Nach China will er erst als Rentner zurück, den akademischen Kontakt hält er trotzdem. Dozenten aus Deutschland sind dort gefragt. An der Tongji-Universität, wo VW-Chef Winterkorn Ehrenprofessor ist, hält Xiaofeng Wang im März wieder Gastvorlesungen. Auf Deutsch, der Glaubwürdigkeit wegen.

Text: F.A.Z., 15.09.2007, Nr. 215 / Seite C8
Bildmaterial: F.A.Z. - Michael Kretzer
 
 
   
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