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Stellenanwärter

Schlechte Zeiten für Sprachmuffel

Von Julia Wittenhagen



Längst auch Arbeitsmittel für Techniker
22. April 2008 
Ein Mausklick - und die Erdkugel ist lebhaft gesprenkelt mit Niederlassungen, Kooperationen und Projekten weltweit. Wenn sich Arbeitgeber wie Siemens, Schott, Goodyear Dunlop, wie vor einigen Wochen geschehen, auf dem VDI Recruiting Day in Hanau präsentieren, soll ihre Botschaft jedem aufgeschlossenen Bewerber sofort ins Auge fallen: Exportweltmeister zu sein heißt, viele Kunden im Ausland zu haben, international denken und vor allem handeln zu müssen.

"Wir machen 75 Prozent unseres Umsatzes im Ausland. Dort sind unsere Auftraggeber und oft auch unsere Fertigungsstätten", sagt Klaus Bendlage, Personalleiter von Schott Solar. "Gute Englischkenntnisse sind also absolute Pflicht", betont er. "Alles andere ist nice to have." Spanische und osteuropäische Sprachkenntnisse wären beispielsweise für Schott hilfreich, seien aber für Ingenieure nicht so erfolgsentscheidend wie die fachliche Eignung.

Was die Faustformel besagt

Bendlages Meinung vertreten viele Unternehmen, zumal der Fachkräftemangel die Auswahlmöglichkeiten der Arbeitgeber geschmälert hat. So viele geeignete Kandidaten gibt es schließlich nicht. Eine Faustformel heißt: "Für Mitarbeiter, die von hier aus arbeiten, reicht Englisch. Wer sich länger in einem anderen Land aufhält, muss Basiskenntnisse haben", sagt Brigitte Hahn-Wager, Leiterin internationale Trainings von EADS.

Keine Frage, dass in ihrem Unternehmen durch die enge Zusammenarbeit mit Toulouse und Paris gute Französischkenntnisse jedem Bewerber Pluspunkte verschaffen. Denn nach wir vor gelten Frankreich und Spanien als die stolzen Nationen, in denen sich mit Kenntnissen der Landessprache Beziehungen erheblich leichter aufbauen lassen.

Stellenanwärter müssen häufig schon im Bewerbungsgespräch unter Beweis stellen, dass sie auch in Englisch oder der jeweils gefragten Sprache weitersprechen können. Funktioniert das halbwegs gut, sind viele Unternehmen bereit, sie später mit berufsbegleitenden Kursen weiter fit für das internationale Geschäft zu machen. Bei Bosch etwa können bereits Trainees über ein festes Weiterbildungsbudget verfügen, bei Schott wird sogar an kleinen Standorten ein Kursangebot geschaffen, indem man sich mit anderen Unternehmen zusammentut. "Da haben doch beide etwas davon", sagt Schott-Manager Bendlage.

Kunden in Kuba verstehen

Denn selbst wer nur angetreten ist, um für seinen deutschen Brötchengeber technische Lösungen auszutüfteln, muss verstehen können, welche Spezifikationen der Kunde in China wünscht oder ob das Angebot des rumänischen Zulieferers mit der mehrseitigen Ausschreibung inhaltlich übereinstimmt. "Das Berufsbild ist breiter geworden. Je komplexer die technische Entwicklung, umso öfter werden Ingenieure auch in kaufmännische Bereiche wie Einkauf, Vertrieb oder Produktmanagement eingebunden", sagt Udo Wirth, Chef der Beratungsgruppe Wirth und Partner.

Häufig ist das verbunden mit Kundenkontakt, und der funktioniert nun mal nicht ohne Fremdsprachenkenntnisse. Hinzu kommt, dass in der Halbleiterindustrie oder Luft- und Raumfahrt die Branchensprache längst Englisch ist. Und auch wenn ein deutscher Anbieter wie das Telekommunikationsunternehmen Arcor mit Vodafone eine englische Konzernmutter bekommt oder die neue indische Führungskraft kein Deutsch versteht, wird Englisch immer öfter zur Umgangssprache.

Das Thyssen-Krupp-Tochterunternehmen Uhde, das international Chemieanlagen baut, hängt die Latte hoch, was die Englischkenntnisse seiner Mitarbeiter angeht. Die Beschäftigten sind ein Drittel ihrer Arbeitszeit in Ländern wie China oder Saudi-Arabien im Einsatz, in denen sie sich sonst überhaupt nicht verständigen können. "Wir unterziehen unsere Bewerber zusätzlich zum Gespräch einem schriftlichen Multiple-Choice-Test. Wenn mehr als die Hälfte der Fragen falsch beantwortet wird, brechen wir das Vorstellungsgespräch ab", sagt Personalmanager René Thiel. "Wer nur knapp drunter liegt, wird

in der Probezeit zu Sprachkursen verpflichtet." Er sei überrascht, wie häufig das gerade bei frischen Uni-Absolventen noch der Fall sei. "Sie studieren vielleicht zügig, aber schauen nicht links und nicht rechts." Ihm sei es lieber, jemand brauche ein Semester länger, aber habe mal sein vertrautes Terrain verlassen.

Trost für Bodenständige

Für bodenständige Technikfreaks hält Unternehmens- und Personalberater Udo Wirth dennoch einen Trost bereit: Es sei nicht richtig, jedem Bewerber zu suggerieren, er müsse international aufgestellt sein. Jeder müsse für sich abwägen, welches Kernprofil zu seinem Job gehöre und in welchem Umfeld er sich bewegen wolle: "Wer in Deutschland als Bauingenieur arbeitet, braucht vielleicht eher Sächsisch oder Bayerisch als zweite Fremdsprache", sagt Wirth mit einem Augenzwinkern. "Wenn ich dagegen als Vertriebsingenieur für technische Anlagen eine internationale Karriere machen will, dann muss ich schauen, wer meine wichtigsten Kunden sind und mich ihnen zuwenden. Das bedeutet, dass ich meine Fremdsprachenkenntnisse entsprechend ausbaue und mich auch mit der Kultur des jeweiligen Landes befasse", betont der Münchner Berater.

"Generell stellen wir fest, dass die Bewerber sich immer mehr um Sprachen bemühen, auch wenn die Betriebswirte vielleicht eher eine Affinität dazu haben als Ingenieure", sagt Klaus Bendlage von Schott Solar. Auslandspraktika oder -semester seien dabei immer sehr hilfreich, wobei er ausdrücklich davor warnt, sie ohne entsprechende gute Grundkenntnisse anzutreten. "Wer erst vor Ort die Sprache lernt, ist für kein Unternehmen von Nutzen und kann keiner Vorlesung folgen."

Die Möglichkeiten, sich bereits im Rahmen des Studiums Sprach- und Auslandserfahrung anzueignen, haben sich in den Ingenieurstudiengängen verbessert. Manche Fakultäten bieten einen Teil der Vorlesungen in Englisch an, andere freiwillige oder verpflichtende Auslandssemester, die beispielsweise in Saarbrücken sogar in einen deutsch-französischen Doppelabschluss münden. Schließlich zielen die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse gerade darauf, Ausbildungsinhalte und Abschlüsse international vergleichbar zu machen.

Unübersichtliche Vielfalt

Christoph Heumann, der für die Akkreditierungsagentur Asiin Ingenieurstudiengänge im In- und Ausland prüft und zertifiziert, weiß, wie kompliziert es heute ist, sich das Richtige herauszusuchen. "Allein in Europa kann man mit 40 bis 50 verschiedenen Titeln abschließen." Da hilft nur eins: "Schauen, was es auf der Welt gibt, was ich will, bin und kann und beides in Deckung bringen", sagt Berater Wirth.

Wer später in den Personalabteilungen der Global Player aus der Masse der Bewerber herausragen will, ist gut beraten, nicht etwa die Sprache der beliebtesten Urlaubsländer zu lernen, sondern osteuropäische Sprachen, Chinesisch oder Japanisch. Damit die Büffelei sich später in der Praxis auch auszahlt, sollte man allerdings eines mitbringen: ein bisschen Liebe zu der jeweiligen Kultur.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dieter Rüchel
 
 
   
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