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Autoingenieure Die Zukunft gehört dem Zulieferer Von Henning Peitsmeier
Abstatt – schon der Name klingt nach Provinz. Und weil es in Abstatt auch so aussieht, wie der Name verspricht, käme niemand auf die Idee, in der kleinen württembergischen Gemeinde die Spitze deutscher Ingenieurkunst zu vermuten. Doch zwischen Weinbergen und Gänsezucht hat sich der Autozulieferer Robert Bosch angesiedelt. Ein Prachtbau aus Beton und Glas ist das Zuhause von 800 Ingenieuren. Schon an der Schranke zum Firmengelände wird es spannend: Vor den Augen des Pförtners fährt im Minutentakt so ziemlich das Neueste und Schnellste vorbei, was erst in Zukunft auf vier Rädern zu haben sein wird – Erlkönige, getunte Serienlimousinen, gepanzerte Einzelanfertigungen. Wir sind nicht die Mainstream-Entwickler“, sagt Bernhard Bihr. Der Mann mit dem Kurzhaarschnitt ist Geschäftsführer der Bosch Engineering GmbH in Abstatt. Seine Ingenieure tüfteln an Applikationen für die Automobilindustrie, programmieren die Software für Motor- und Getriebesteuerungen, entwickeln komplette Kommunikations- und Energiebordnetze und beraten außerdem die Hersteller. Die Bosch-Tochtergesellschaft wurde erst 1999 mit 13 Mitarbeitern gegründet. Seitdem wächst sie stürmisch, weil die Automobilhersteller immer mehr Projekte für Kleinserien oder exklusive Sondermodelle auslagern. Über zu wenig Arbeit klagt in Abstatt niemand. Wie Bosch Engineering geht es vielen Entwicklungsdienstleistern und Zulieferern. Die neue Artenvielfalt in der Automobilbranche macht es möglich, jede Nische muss besetzt werden. Zulieferer sind weit mehr als schlichte Lieferanten von Bauteilen. Jeden Monat 20 bis 30 neue Leute
Jeden Monat stellen wir 20 bis 30 neue Leute ein“, sagt Bihr, Ingenieure und Physiker, auf jeden Fall Mitarbeiter mit fundierter technischer Grundausbildung, gern mit Auslandserfahrung.“ Auf dem Bosch-Gelände sieht es aus wie auf einem Uni-Campus, junge Menschen sitzen in einem Open-Air-Café, Meetings finden schon einmal im Freien statt. Der Altersdurchschnitt beträgt nur 31 Jahre, Geschäftsführer Bihr gehört mit seinen 49 Jahren schon zum ältesten Semester. Hier wird an der automobilen Zukunft getüftelt. Wie die aussieht, lässt sich in diesen Tagen auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt beobachten. Hier sind sie zu sehen, die neuen technischen Errungenschaften der Ingenieure. 88 Weltpremieren, vom neuen Ford Focus über den Audi A4 bis hin zum Ferrari 430 Scuderia, darunter aber auch verwegene Konzeptstudien: Beim Nissan Mixim sitzt der Fahrer in der Mitte vor einem Cockpit im Computerdesign, und bei Mitsubishis Concept-cX sind im Innenraum umweltfreundliche Harze auf pflanzlicher Basis verarbeitet worden. In vielen Fällen sind dies Leistungen deutscher Zulieferer, auch wenn die Autos von ausländischen Herstellern gebaut werden. Ein Großteil der Innovationen, mit denen die Hersteller in Frankfurt das Publikum begeistern, wäre ohne die Federführung deutscher Zulieferer nicht denkbar“, sagt etwa Marcus Berret von der Unternehmensberatung Roland Berger. Und Christoph Stürmer vom Prognoseinstitut Global Insight ergänzt: Weil die Autohersteller immer mehr Varianten ihrer Modelle anbieten, werden Zulieferer immer wichtiger. An die werden aber auch immer spezifischere Anforderungen gestellt.“ Zwar würden die Autohersteller auch heute noch die Wertschöpfungskette am liebsten komplett selbst abbilden, doch haben sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer mehr Kompetenzen abgegeben. Die Folge: 70 Prozent der Wertschöpfung kommt heute von den Autozulieferern. Kundenlisten wie das Who's Who der Autoindustrie Deshalb wachsen auch Firmen wie Bosch Engineering, die Aachener FEV Motorentechnik GmbH, die IAV GmbH in Berlin oder die österreichische AVL. Diese Firmen bieten Ingenieur-, Konstruktions- und Entwicklungsleistungen an, haben eigene Prüfstände oder Crash-Anlagen, und ihre Kundenlisten lesen sich wie das Who’s Who“ der globalen Autoindustrie. Sie alle eint die Suche nach Ingenieuren (lesen Sie Details zum Arbeitsmarkt: Automobilzulieferer). In der Autoindustrie und bei den Ingenieurdienstleistern sind Anwendungsspezialisten genauso gefragt wie Verfahrensingenieure. Die Forschungen sind vielfältig: In der Motorenentwicklung arbeiten Ingenieure an der Emissionsreduzierung, wegen steigender Rohstoffkosten reduzieren sie das Gewicht von Fahrzeugen, verwenden unterschiedliche Werkstoffe wie Aluminium, Kunststoff und Carbon und vernetzen das elektronische Innenleben der Autos. Mechatronik, Elektrik und Elektronik lauten die Schlagworte für Automobilingenieure. Die namhaften Autohersteller und auch große Zulieferkonzerne wie Bosch, Delphi oder Johnson Controls haben keine Probleme, geeignete Bewerber einzustellen. Andere, kleinere Dienstleister klagen dagegen. Zum Beispiel der Entwicklungsdienstleister Rücker in Wiesbaden, der sowohl für die Auto- wie für die Luftfahrtindustrie arbeitet. Mehr als 200 Stellen sind unbesetzt. Allerdings war bei Rücker das Luftfahrtgeschäft im ersten Halbjahr von einer verhaltenen Auftragsvergabe gekennzeichnet. Die Not macht erfinderisch: Auf die Kapazitätsunterauslastungen hat Rücker mit Umschulungen von Luftfahrtingenieuren reagiert, die nun im Automobilbau eingesetzt werden. Wir rechnen mit einem deutlichen Wachstum im Automobilgeschäft und verhaltenen Luftfahrtaktivitäten“, erklärt Vorstandschef Wolfgang Rücker. Und wie andere Firmen auch zahlt Rücker seinen Mitarbeitern eine Kopfprämie: Wer einen Ingenieur wirbt, erhält 1000 Euro. Weil in Deutschland Ingenieure seit Jahren Mangelware sind, schlagen Verbände und Forschungsinstitute Alarm. Der Fachkräftemangel könnte am Ende sogar den Wirtschaftsaufschwung bedrohen. Acht Prozent der deutschen Unternehmen gaben kürzlich bei einer Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) an, dass der Mangel an geeigneten Mitarbeitern ihr Geschäft behindere. Allein 50.000 Ingenieurstellen seien schon 2006 unbesetzt gewesen, rechnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aus. Danach entging der deutschen Volkswirtschaft im vergangenen Jahr eine Wertschöpfung von knapp 3,5 Milliarden Euro. Und bei dieser Größenordnung handelt es sich noch um eine sehr vorsichtige Schätzung“, betonte IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös. Ontario investiert In der Industrie und an den Hochschulen ist das Problem bekannt. Deshalb entstehen überall neue Projekte, in denen Unternehmen und Universitäten Hand in Hand zusammenarbeiten. Nicht nur in Deutschland. Beispiel Kanada: In der Provinz Ontario hat die Regierung Millionen in die Ingenieurausbildung investiert, ein Centre for Engineering Innovation“ aufgebaut, ein Entwicklungszentrum für die Automobil- und Fertigungsindustrie. Nach Angaben der Regierung mit Erfolg: Ontario hat in der OECD die höchste Zahl an Ingenieuren pro Kopf der Bevölkerung. Auf der IAA sprechen Autohersteller und -zulieferer unter der Federführung des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) in der kommenden Woche den Nachwuchs an. Um Schüler ab der 10. Klasse neugierig auf den Ingenieurberuf rund ums Automobil zu machen, informieren Workshops praxisnah über das Berufsbild. GoIng“ heißt das Projekt, für das Annette Schavan, die Bundesministerin für Bildung und Forschung, die Schirmherrschaft übernommen hat. Text: F.A.Z.Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Cyprian Koscielniak
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