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Der letzte Tag im alten Job

Abgang mit Stil

Von Sabine Hildebrandt-Woeckel



Es geht auch anders: Abgang mit Stil
13. November 2007 
Es war kein Tag wie jeder andere. Morgens um halb acht betrat die Chefsekretärin das Büro, hörte als Erstes den Anrufbeantworter ab und wandte sich dann dem Posteingangskörbchen zu, in dem dieses Mal - anders als sonst - nur ein paar Blättchen lagen. An ihrem letzten Arbeitstag hatte sie so wenig zu tun, dass sie das Büro pünktlich um 16 Uhr verlassen konnte. Den Schlüssel ließ sie auf dem Schreibtisch und warf den Kollegen auf dem Flur noch einen kurzen Gruß zu - das war's, acht Jahre ihres Lebens einfach vorbei. "Die Tränen flossen erst im Auto", sagt sie heute. Und das, obwohl sie eigentlich keinen Grund zum Weinen hatte. Schließlich war sie es, die das Arbeitsverhältnis gekündigt hatte.

Scheiden tut weh, ganz gleich, welche Seite den Vertrag aufgelöst hat. Mag es dabei auch nicht immer so stillos zugehen wie im Fall der Chefsekretärin, der sich erst kürzlich in einem großen Münchner Unternehmen abspielte. Eine große Ausnahme sind formlose Abgänge in deutschen Unternehmen jedoch nicht. Anders als in anderen Ländern gibt es hierzulande überhaupt keine Abschiedskultur, bedauert nicht nur Rolf van Dick, Wirtschaftspsychologe an der Universität Frankfurt. Schlimmer noch: Man sieht in den Unternehmen in der Regel auch überhaupt keinen Handlungsbedarf.

„Wir lassen Euch nicht im Stich“

Wenn überhaupt, dann ist bestenfalls die Verabschiedung in den Ruhestand geregelt. "Alles andere überlassen wir den Vorgesetzten", heißt es fast unisono in den Personalabteilungen großer wie kleiner Unternehmen. Und auch die Verbände fühlen sich von dem Thema nicht angesprochen. Die Gewerkschaften verweisen die Frage nach gängigen Praktiken und Hilfestellungen vom Bundesverband zu den Einzelgewerkschaften und wieder zurück; und auch bei den Arbeitgeberverbänden lässt sich kein Ansprechpartner ausmachen.

Wie der erste Arbeitstag gestaltet werden soll, darüber gibt es zahlreiche Ratgeber. Wie der letzte aussehen kann, darüber kennt auch Experte Dick weder Literatur noch Untersuchungen. Selbst wenn im Rahmen von großen Entlassungswellen eigens Outplacementberater hinzugezogen werden, dann geht es dabei im Wesentlichen darum, den Bleibenden zu signalisieren: Wir lassen euch nicht in Stich. "Um den Ablauf des letzten Arbeitstages kümmern wir uns nicht", so eine Sprecherin von Mühlenhoff und Partner, einer der größten Beratungen in Deutschland. Und sie fügt verschämt hinzu: "Aber ich weiß von vielen Betroffenen, dass sie ihn als sehr schlimm erleben."

Schalen Nachgeschmack vermeiden

Manche haben sogar so große Angst davor, dass sie sich am letzten oder sogar an den letzen Tagen krankmelden. Eine Statistik darüber gibt es zwar nicht, aber "wer kennt das Phänomen nicht", seufzt der Abteilungsleiter einer Frankfurter Bank. Dabei sind Vorgesetzte keineswegs immer unbeteiligt daran, wenn der Abschied misslingt - besonders dann, wenn der Mitarbeiter aus freien Stücken geht. Oft ist es persönliche Verletztheit, weiß die Münchner Karriereberaterin Madeleine Leitner, die dazu führt, dass der scheidende Kollege schikaniert, mit Arbeit zugeschüttet oder wie im Fall der Sekretärin am Ende einfach ignoriert wird.

Gerade weil Abschiede so schwer zu ertragen sind, ist es jedoch wichtig, für den letzen Tag in einem Unternehmen einen angenehmen Rahmen zu finden, darin sind sich Arbeitspsychologen und Karriereberater einig. Denn nur, wer einen Lebensabschnitt wirklich abschließt, kann auch einen anderen neu beginnen. Das gilt ganz besonders beim Ausscheiden aus dem Arbeitsleben, spielt aber letztlich bei jedem Weggang eine Rolle.

Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang vom sogenannten Zeigarnik-Effekt, der bewirkt, dass der Mensch sich unwohl fühlt, wenn er etwas noch nicht abgeschlossen hat. Wobei von diesem Unwohlsein keineswegs nur der scheidende Mitarbeiter betroffen ist. Auch bei den Kollegen bleibt oft ein schaler Nachgeschmack, der sich keineswegs positiv auf das Betriebsklima auswirkt. Sogar der Umkehrschluss ist möglich: Wer weiß, dass in einem Unternehmen keine gute Abschiedskultur herrscht, sollte sich gut überlegen, ob er dorthin überhaupt wechseln will.

Nicht auf Abrechnungen einlassen

Gute Führungskräfte gestalten daher den Abschied von sich aus. Das muss kein großes Fest sein, betont Claus Peter Müller-Thurau, Buchautor und Trainer, der Arbeitnehmer beim Um- und Aufstieg begleitet. Entscheidend ist, "dass man sich am Schluss noch etwas zu sagen hat". Selbst wenn die Zusammenarbeit nicht immer zu aller Zufriedenheit verlaufen ist, gelte es, das Gute im Schlechten zu finden. Wer sich von seiner Firma verabschiedet, "verabschiedet sich immer auch von einem Teil der eigenen Biographie", beschreibt Thurau die Gefühlswelt scheidender Mitarbeiter. "Und wer will schon im Nachhinein eine ganze Lebensphase als misslungen ansehen?"

Kritik sollten sich daher alle Seiten tunlichst verkneifen. Zwar wird Vorgesetzten oft sogar empfohlen, in sogenannten Ausstiegsgesprächen nach negativen Aspekten zu fragen, weil so mit mehr Offenheit zu rechnen sei. Dennoch raten Psychologen den Betroffenen eher davon ab, sich auf solche Abrechnungen einzulassen. Ebenso wie sie vermeiden sollten, bleibenden Kollegen ein schlechtes Gewissen zu machen.

Auch wer subjektiv das Gefühl hat, beispielsweise zu Unrecht von betriebsbedingten Kündigungen betroffen zu sein, tut gut daran, dass seinen Kollegen nicht widerzuspiegeln. Erstens ändert das nichts, betont Karriereberaterin Leitner. "Und zweitens weiß man in einer Welt immer kürzer werdender Berufsstationen nie, ob man sich im Berufsleben nicht doch noch ein zweites Mal trifft."

Auch wenn sie aus ihrer Beratungspraxis weiß, dass die Umsetzung manchmal schwierig ist, rät Leitner ihren Klienten daher, möglichst auch dann dafür zu sorgen, dass der letzte Tag allen in angenehmer Erinnerung bleibt, wenn dies der Vorgesetzte nicht aktiv unterstützt oder den Abschied sogar boykottiert. Einen kleinen Umtrunk und ein paar persönliche Abschiedsworte an die langjährigen Mitstreiter sollte es trotzdem geben. "Und wenn dies nicht in der Firma geht, dann eben woanders."

Was Sie tun sollten:

-Tragen Sie selbst dafür Sorge, dass die Übergabe vollständig abgeschlossen ist - möglichst schon vor dem letzten Arbeitstag.

-Bieten Sie an, auch in den nächsten Wochen noch erreichbar zu sein.

-Spendieren Sie einen Umtrunk, aber halten Sie den Ausstand kurz. Schließlich wollen Sie niemanden von der Arbeit abhalten.

-Verabschieden Sie sich von allen wichtigen Personen persönlich.

-Wenn Sie eine Rede halten, betonen Sie das Positive.

Was Sie vermeiden sollten:

-Wenn Ihnen gekündigt wird: Spielen Sie in den letzten Arbeitstagen nicht die Mimose, auch dann nicht, wenn Sie Ihre Kündigung als ungerecht empfinden.

-Wenn Sie selbst kündigen: Verkneifen Sie sich Bemerkungen wie: "Erstaunlich, dass ich es überhaupt so lange ausgehalten habe." Das diskreditiert die, die immer noch da sind.

-Hinterlassen Sie kein Chaos: weder an Ihrem Arbeitsplatz noch nach dem Abschiedsfest in der Teeküche.

Text: F.A.Z., 10.11.2007, Nr. 262 / Seite C5
Bildmaterial: Fotolia
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
"Man trifft sich zwei mal" 13.11.2007, 23:09
 
   
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