Von Josefine Janert
19. April 2007Mit gerade einmal 43 Jahren wurde Michael Schwarz arbeitslos. Und der Ingenieur galt als zu alt, wie er bei seinen erfolglosen Bewerbungsversuchen erfuhr. Schwarz hatte Maschinenschlosser gelernt und zu Beginn der achtziger Jahre in Stuttgart Gießereiwesen studiert. Anschließend war er bei mehreren Zulieferern der Automobilindustrie als Leiter des Qualitätswesens angestellt. Doch im Jahr 2000 wurde sein Unternehmen aufgekauft und sein Job fiel weg. Zwei Jahre stand Michael Schwarz ohne Stelle da - und hatte doch eine Familie zu versorgen.
Schließlich stieß er auf eine Annonce der redi-Group, einer Firma im Rheinland, die technische Dienstleistungen an Autohersteller verkauft. Die Abkürzung redi steht für Reitmeyer, Dieter, den 51 Jahre alten Betriebsgründer. Er stellt gern Ältere ein. Drei Viertel seiner Ingenieure sind älter als 45 Jahre, denn Reitmeyer schätzt ihre Erfahrungen und ist auch bereit, in ihre Weiterbildung zu investieren. Michael Schwarz bekam bei der redi-Group eine zweite Chance.
Da Reitmeyer unter anderem für BMW arbeitet, wurde Schwarz für zwei Jahre in das Regensburger Werk geschickt, um sozusagen als Trainee-on-the-Job sein Wissen über Fehlerbeseitigung aufzufrischen. Abends ging er zu Lehrgängen. Mein Arbeitstag war oft nicht nach acht Stunden zu Ende, sondern erst nach zwölf oder vierzehn, sagt Michael Schwarz, der inzwischen bei der redi-Group Schulungen organisiert und seine Kollegen unterrichtet.
Weiterbildung: Mit diesem Begriff steht und fällt die berufliche Existenz der Ingenieure. Schon nach kurzer Zeit wird an der nächsten Generation eines Produkts getüftelt. Rasant geht es in der Medizintechnik, in der Nanotechnologie und im Fahrzeugbau vorwärts. Anfang der neunziger Jahre dauerte es von der Idee für ein neues Auto bis zu seiner Serienreife acht Jahre. Heute sind es nur noch drei.
Wer wegen Arbeitslosigkeit, Krankheit, der Betreuung eines Kindes oder eines pflegebedürftigen Angehörigen für längere Zeit ausfällt, muss später womöglich viele Bewerbungen schreiben. Viele Personalverantwortlichen stellen bevorzugt junge Ingenieure ein. Wenn das Fachwissen auf dem Stand von vor drei Jahren ist, hat man eindeutig einen Wettbewerbsnachteil, sagt Michael Schwartz vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI).
Nach Angaben des Berufsverbandes werden derzeit rund 22.000 Fachleute gesucht. Gleichzeitig gibt es aber mehr als 30.000 arbeitslose Ingenieure, von denen 41 Prozent älter als 50 Jahre sind. Der Anteil der Frauen ist ebenfalls überdurchschnittlich hoch. Auch, wer als Angestellter eines Unternehmens mehrere Jahre lang in derselben Position bleibt und sich nicht fortbildet, hat nach Ansicht des VDI-Sprechers Schwartz im Fall einer Entlassung schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Gerade Frauen wehren sich aber gegen den Vorwurf, dass sie nach der Geburt eines Kindes fachlich nicht mehr up to date seien. Im Studium werde grundlegendes Wissen vermittelt. Diese Qualifikation geht nicht in einem halben oder einem Jahr verloren, sagt Thekla Börs vom Deutschen Ingenieurinnen Bund. Maschinenbauingenieurin Kira Stein ergänzt: Viele Frauen lesen während der Babypause Fachliteratur. Sie begeistern sich ja für das Fach.
Stein bestand 1977 die Diplomprüfung. Zu der Zeit gab es in der Bundesrepublik so gut wie keine werktätigen Ingenieurinnen mit Kind, erzählt sie: Entweder, sie hatten keinen Nachwuchs oder sie gaben ihren Beruf während der Schwangerschaft auf. Heute sei die Situation besser, aber Betreuungsmöglichkeiten fehlten immer noch. Sie sind auch eine Voraussetzung dafür, dass die Frau Zeit für eine Weiterbildung findet.
Den Ingenieurinnen machen außerdem die familienunfreundlichen Strukturen vieler Unternehmen zu schaffen. Da der Beruf bis vor kurzem eine Männerdomäne war, ist Teilzeit ein Fremdwort, sagt die Soziologin Franziska Schreyer, die am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg die Lebensläufe von Beschäftigten untersucht. Nach Angaben des IAB sind nur zwei Prozent der Ingenieurinnen in Teilzeit tätig, während der Anteil bei allen Akademikerinnen 16 Prozent beträgt.
Ein Kind plus Fortbildung plus Anstellung - das ist möglich, wenn das Unternehmen mitspielt und die Tätigkeit geschickt geplant wird. Das Team kann sich auf Arbeitsteilung einigen, meint Susanne Ihsen, die sich an der TU München mit Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften beschäftigt: Man kann sich Messergebnisse nach Hause schicken lassen und dort überprüfen, ob sie schlüssig sind. Da sei es oft nicht notwendig, jeden Tag zur Firma zu fahren. Teams mit Personen aus verschiedenen Ländern sehen sich ja auch nicht täglich, sagt die Professorin.
Fortbildung für Ingenieure wird etwa vom Wissensforum des VDI angeboten und vom Haus der Technik in Essen, einem Außeninstitut der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Die Arbeitslosen, die sich dort für einen Kurs anmelden, haben oft nur ein geringes Selbstbewusstsein, berichtet Monika Venker. Viele denken: 'Das kann ich eh' nicht.' Sich selbst zu vermarkten - das lernen Ingenieure erst seit ein paar Jahren an den Hochschulen. Viele Ältere haben Nachholbedarf, oft beherrschen sie auch kein verhandlungssicheres Englisch.
Im Haus der Technik erlernen sie Projektmanagement und erwerben kaufmännisches Grundwissen. Von Ingenieuren wird auch erwartet, dass sie Kostenpläne kalkulieren und sich in Marketing und Vertrieb auskennen, sagt Venker. Michael Schwarz von der redi-Group meint, dass er nur dank seines Trainings-on-the-Job den Anschluss gefunden habe: Ohne wäre ich noch immer arbeitslos - oder ich hätte nicht die berufliche Stellung, die ich heute inne habe.
Text: F.A.Z.
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