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Unternehmensberater Aus der Lebenserfahrung geschöpft Von Alexia Angelopoulou
Wenn man es genau nimmt, lerne ich gerade erst, einen Computer zu bedienen, weil das früher immer die Sekretärin machte“, gesteht Michael Schittler freimütig. Trotzdem ist der Maschinenbauer ein gefragter Mann alter Schule. Gemeinsam mit drei weiteren gestandenen Autoingenieuren hat er in Stuttgart den Verbund Senior Engine Consultants gegründet. Die Senioren sind auf Verbrennungsmotoren und Antriebstechnik spezialisiert und bieten zusammengerechnet mehr als 120 Jahre Berufserfahrung an – ein Angebot, das Autohersteller, Zulieferer, aber auch Finanzinvestoren zunehmend nutzen. Als Michael Schittler sich im Alter von 60 Jahren von seiner aktiven Karriere verabschiedete, hatte er sich den Schritt wahrhaft verdient. Der Maschinenbauer war bis zum Vice President des Bereichs Nutzfahrzeug – Motorenentwicklung und Antriebsstrangentwicklung bei Daimler-Chrysler aufgestiegen, hatte jahrelang Woche für Woche 70 Stunden gearbeitet und freute sich darauf, die Früchte der Karriere nun endlich zu ernten. 2004 war das. Ich dachte: Ich mache nie mehr weiter, was ich 35 Jahre lang gemacht habe, erzählt er. Nach einer Weile stellte er jedoch fest, dass es mit Gärtnern, Tennisspielen und Reisen nicht getan war. Gleichzeitig fand ich schade, dass mein Erfahrungsschatz brach lag. Irgendwie stimmte nie die Balance
Drei ehemalige Kollegen aus dem Bereich Nutzfahrzeuge von Daimler-Chrysler empfanden ähnlich. An einen Tisch gebracht hat sie der Unternehmensberater Michael Rein, der die Senioren während ihrer aktiven Zeit beim Stuttgarter Autokonzern beriet. Wir hatten lange Jahre zusammengearbeitet“, sagt Rein. Als die vier aufhörten, dachte ich: Verflixt, was passiert jetzt mit dieser ganzen Erfahrung? Die vier verfügen über ein Wissen, das man in keinem Studium lernt, das man nur über die Jahre ansammeln kann.“ Von den Senioren erfuhr er, dass jeder einzelne grundsätzlich Lust darauf hatte, das eigene Wissen weiterzugeben – allerdings nicht mehr mit dem dauerhaften Termindruck des normalen Berufsalltags. Irgendwie stimmte nie die Balance. Im Berufsleben war die Anspannung hoch, die Zeiten der Entspannung hingegen waren viel zu selten. Nun gab es gar keine Anspannungsphasen mehr, dafür stete Entspannung – nichts für jemanden, für den Beruf immer auch Berufung war.“ So entstand die Idee, das gesammelte Wissen gemeinsam zu vermarkten. Mit Erfolg: Kaum war die Internetseite online, kam schon die erste Anfrage. Die Senior Engine Consultants“ verstehen sich nicht als Unternehmen, sondern als Kompetenzpool mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Michael Schittler beispielsweise wird häufig als Berater beauftragt, erst jüngst von einer Investorengruppe, die einen Firmenkauf plante. Es ist in solch einem Fall nicht damit getan, nur Betriebswirte an einen Tisch zu setzen, die Unternehmenszahlen bewerten. Denn mit technischen Produkten kann man vieles falsch machen“, sagt Schittler. Seine Aufgabe war es, zu bewerten, ob die Produkte des betreffenden Unternehmens konkurrenzfähig sind und ob das Unternehmen in der Branche gut aufgestellt ist. Senior Engine Consultant Walter Kerschbaum wiederum wurde jüngst mit der Schadensanalyse bei Rissen in einem Zylinderkopf beauftragt, weil die zuständigen Ingenieure nicht weiterwussten. Fachwissen und Unabhängigkeit Bei solchen Aufträgen kommt den Senioren neben dem Fachwissen auch ihre Unabhängigkeit zugute. Dadurch, dass wir nicht mehr an ein einzelnes Unternehmen gebunden sind, können wir die Technik, aber auch die Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Zulieferer objektiv bewerten“, sagt Michael Schittler. Diese Fähigkeiten machen bestimmte Schwächen der altgedienten Ingenieure mehr als wett. Ich habe nicht den Ehrgeiz, eine bessere Power-Point-Präsentation vorzuführen als junge Leute. Zwar bilden Schittler und seine Kollegen sich ständig weiter, besuchen Kongresse und Symposien, doch CAD-Programme und andere technologische Entwicklungen sind es nicht, die von ihnen beherrscht werden müssen. Vielmehr kommen sie neben ihren Beratertätigkeiten auch als Mentoren zum Einsatz. Von einem Autokonzern kam bereits die Anfrage, ob man nicht einen Club der Autoingenieure gründen könne, um das Wissen der gestandenen Maschinenbauer an jungen Nachwuchs weiterzugeben. Michael Rein, der die Senior Engine Consultants koordiniert, hofft, dass die Idee Schule macht. Die Ressource Lebens- und berufliche Erfahrung muss man nutzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Fachleute aus anderen Bereichen ebenfalls in dieser Art aktiv werden. Er selbst ist zwar mit 47 der Junior der Truppe, sagt aber aus der Erfahrung als Berater: Wer jünger ist als 40, der sollte eigentlich gar nicht beratend tätig sein. Text: F.A.Z.Bildmaterial: fotolia.com
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