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| Thomas Scheele |
Auf zu neuen Ufern!, dachte ich mir nach der bestandenen Abiturprüfung im vergangenen Juni. Und auch: Bloß weit, weit weg... Es zog mich nach Chile - warum genau, weiß ich nicht. Vielleicht auch deshalb, weil ich dort das schlichte Leben kennenlernen wollte, das mir meine Eltern wegen meiner vermeintlich brotlosen Studienwahl ohnehin schon lange prophezeihen - ich will mich in Berlin für Sozial- und Kulturanthropologie einschreiben.
Über das Kolleg für Management und Gestaltung nachhaltiger Entwicklung (KMGNE), eine deutsche Nichtregierungsorganisation, fand ich einen Praktikumsplatz in dem kleinen, abgeschiedenen Dorf Pichasca; einem Ort an den fernen Ausläufern der Atacamawüste, wo sich die Menschen noch von Subsistenzwirtschaft ernähren. Seit einem halben Jahr bewege ich dort Jugendliche zur Teilnahme an einem Sozial- und Umweltprojekt in der Gemeinde und arbeite mit ihnen auf die Gründung einer Firma hin, die Produkte oder Dienstleistungen im Bereich regenerative Energien vermarkten soll. Daneben habe ich den Besuch einer deutschen Schülergruppe organisiert und gehe bei diversen Veranstaltungen anderer Organisationen zur Hand.
Als einziger Vertreter des KMGNE vor Ort habe ich freie Hand bei der Umsetzung des Projekts. Das erlaubt mir viel Kreativität, Freiheit und Arbeitsvielfalt. Andererseits ist es, gelinde gesagt, durchaus eine Herausforderung, mit 19 Jahren ohne Spanischkenntnisse und ohne Arbeitskonzept in die Wüste geschickt zu werden. Vier Monate habe ich im Dorfinternat Englisch unterrichtete und mit 40 Jungs in einem Schlafsaal gewohnt. Nach nur wenigen Wochen war die Sprache kein Hindernis mehr, ich baute zu den Jugendlichen eine Beziehung auf, informierte sie über mein Projekt, betrieb Marktforschung, lernte den Bau von Solargeräten und vieles mehr.
Die Bilanz meiner Arbeit fällt jedoch ernüchternd aus. Das geringe Vertrauen der Menschen in Entwicklungsprojekte und die katastrophale öffentliche Bildung sind nur zwei der vielen Gründe, wieso sich keine Gruppe gebildet hat, die mit Eifer ein eigenes Unternehmen aufbauen will. Das hat mich frustriert - auch deshalb, weil sich mit einem guten Konzept manche Hindernisse hätten überwinden lassen. Jetzt arbeite ich an einer Evaluation, um eine bessere Grundlage für zukünftige Arbeit zu schaffen.
Im April werde ich Pichasca verlassen und mir Freiwilligen-Projekte in anderen Ländern suchen. Obwohl ich mein Arbeitsziel nicht erreicht habe, bin ich zufrieden mit meiner Entscheidung für dieses Praktikum. Eindringlich habe ich erfahren, wie grundlegend Bildung für eine Gesellschaft ist. Für mein Studium haben mir die Monate hier viele Einblicke in die kulturanthropologische Arbeit und Methodologie gegeben, außerdem Soft Skills - und nicht zuletzt. frische Überzeugung.