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König Fußball

Die 90-Minuten-Pause in der Autoindustrie



Irokese statt Blaumann
23. Juni 2008 
Daimler hat es vorgemacht, jetzt ziehen viele andere deutsche Autobauer nach: Für das Halbfinalspiel der Fußball-Europameisterschaft am Mittwochabend, wenn die deutsche Nationalmannschaft in Wien auf die Auswahl der Türkei trifft, geben sie ihren Mitarbeitern fußballfrei. Bei Daimler sollen alle Mitarbeiter in den deutschen Werken das Spiel am Mittwochabend verfolgen können, hatte am Sonntag eine Sprecherin des Stuttgarter Konzerns der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gegenüber angekündigt. Wo deswegen welche Schichten ausfallen, werde bis zum Anpfiff von Standort zu Standort geregelt. Das deutsch-türkische Duell hat in den Mercedes-Werken eine besondere Bedeutung: Die Türken stellen traditionell eine sehr starke Fraktion in der Belegschaft; außerdem wurde der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche in Istanbul geboren.

Spätschicht hört früher auf, Nachtschicht fängt später an

Auch Porsche zeigt ein Herz für Fußballfans. Die Spätschicht wird verkürzt und endet am Mittwoch bereits um 20.15 Uhr, das haben der Betriebsrat und der Vorstand vereinbart. Die Regelung gilt für die Standorte Ludwigsburg und Stuttgart-Zuffenhausen. Betroffen sind mehr als 1000 Mitarbeiter. Die ausgefallene Zeit werde nachgearbeitet. Auch für die Nachtschicht könne eine entsprechende Regelung noch vereinbart werden.

Ähnlich ist die Situation bei Opel und bei VW in Sachsen. „Die Mitarbeiter der Spätschicht können früher aufhören, die Nachtschicht kann später kommen“, beschreibt ein VW-Sprecher die Vereinbarung, die der Konzern für seine Werke in Chemnitz und Zwickau getroffen hat, wor rund 6900 Mitarbeiter beschäftigt sind. Der Wechsel ist normalerweise um 22 Uhr, das Halbfinale wird um 20.45 Uhr angepfiffen. Die 1800 Beschäftigten im Eisenacher Opel-Werk sollen per Lautsprecher-Durchsage über Zwischen- und Endstand des Spiels informiert werden. Auch bei BMW in Leipzig wird nach Angaben eines Sprechers über eine Lösung nachgedacht, damit die Beschäftigten das Spiel der Löw-Elf verfolgen können.

IG Metall fordert uneingeschränkte Vorfahrt für König Fußball

Die Fußballbegeisterung ist nicht auf die Automobilindustrie beschränkt. Auch ABB und Alstom wollen ihren Beschäftigten für die entscheidenden 90 oder 120 Minuten frei geben; die Belegschaften der Aker-Werften in Wismar und Warnemünde sollen das Spiel auf einer Großbildleinwand auf dem Unternehmensgelände sehen können.

Doch nicht in allen Branchen lässt König Fußballs starker Arm die Räder stillstehen. „Wir würden unseren Mitarbeitern gern die Möglichkeit geben, das
Spiel zu schauen“, sagt eineSprecherin der Zellstoff- und Papierfabrik
Rosenthal im thüringischen Blankenstein zwar. „Aber wir können den Produktionsfluss nicht einfach anhalten.“ 35 der mehr als 480 Beschäftigten müssen deshalb am Mittwochabend arbeiten, ganz egal, wie spannend das Spiel wird. Auch beim Chiphersteller AMD in Dresden mit rund 2800 Beschäftigten kann einer Sprecherin zufolge die Produktion in den Reinräumen nicht angehalten werden. „Wir haben im Intranet wie bei der WM 2006 einen Live-Ticker eingerichtet, so dass die Kollegen schnell informiert sind“, beschreibt sie das Ersatzangebot. Zudem habe AMD für seine fußballbegeisterten Angestellten eine Torwand sowie eine Verlosung zur EM organisiert.

Bei den Gewerkschaften stoßen solche Aktionen jedoch offenbar auf wenig Gegenliebe, sie fordern die volle Hingabe an das Spiel. „Ich empfehle jedem Arbeitgeber dringend, den Mitarbeitern zu erlauben, während des Spiels die Arbeit ruhen zu lassen“, sagte jedenfalls der Vorsitzende der IG Metall in Bayern, Werner Neugebauer. „Daran geht Deutschland ökonomisch nicht kaputt. Es gibt genügend Wege, die Stunden nachzuholen.“

Text: F.A.Z., dpa, AFP
Bildmaterial: Fotolia
 
 
   
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