01. Oktober 2008 Exotin ist Heather Hofmeister bisweilen selbst. Auf dem Fakultätentag der Ingenieurwissenschaften zum Beispiel, in diesem Sommer an ihrer Heimathochschule in Aachen: Da ist sie nicht nur die vermutlich einzige Amerikanerin unter mehreren hundert Deutschen. Statt gedeckter Farben trägt sie auch noch ein kräftiges Rot. Und auf dem Podium ist sie eine von nur zwei Frauen. Die 36 Jahre alte Professorin soll erklären, warum so wenige deutsche Frauen Ingenieurinnen werden.
Die Thesen der Soziologin klingen zunächst etwas verblichen nach Geschlechterkampf. "In Deutschland wird es als eine Gefahr für die Männlichkeit angesehen, wenn Frauen so etwas machen", sagt sie. Der Grund dafür liege in der nationalen Geschichte: Nach zwei verlorenen Weltkriegen hätten sich die deutschen Männer vom militärischen Rollenbild verabschieden müssen, im technischen Aufbau hätten sie eine Alternative dazu gefunden. "Frauen und Männer stecken auch deshalb hierzulande stärker in Schubladen als anderswo."
Taufrisch ist das Erklärungsangebot nicht, aber in den Statistiken findet Hofmeister Rückhalt: Während in Deutschland nicht einmal ein Viertel der Absolventen in den Ingenieurwissenschaften Frauen sind, liegt die Quote in den Vereinigten Staaten bei 40 Prozent. "Es gibt tausend verschiedene Aspekte, mit denen sich das begründen lässt", räumt Hofmeister ein. Auf der ganzen Welt sei es etwa problematisch, dass Werkzeuge stets für Männer gemacht seien, für starke Oberkörper und kräftige Hände. Speziell in Deutschland seien aber auch "die Karrieren sehr oft auf einen Männerkörper hin organisiert" - und der Berufsalltag geprägt von männlichen Machterhaltungsstrategien.
Gleiche Bildungschancen allein genügen offenbar nicht, um daran etwas zu ändern: 56 Prozent der deutschen Abiturienten sind weiblich, aber nur 9 Prozent der Elektrotechnik-Erstsemester. "Das liegt nicht an biologischen Voraussetzungen, das liegt an der Gesellschaft", sagt Hofmeister mit Nachdruck. Einen politischen Auftrag hat darin nun auch das Bundesbildungsministerium erkannt, das für den mit Wirtschaft und Wissenschaft aufgelegten "Pakt für Frauen in Naturwissenschaft und Technik" drei Millionen Euro im Jahr ausgibt. Die beteiligten Unternehmen wollen Frauen bei Neueinstellungen künftig mindestens entsprechend der Absolventinnenquote berücksichtigen, die Hochschulen ihre technischen Studiengänge attraktiver gestalten.
"Unis und Unternehmen müssen sich außerdem Sanktionen überlegen, damit Frauen am Arbeitsplatz nicht als Frischfleisch, sondern als professionelle Kolleginnen behandelt werden", fordert Hofmeister. Antidiskriminierungshysterie, davon haben wir genug, will man erwidern. Aber dann spricht, in der Pause vor dem nächsten Vortrag, Hofmeister ein älterer Herr an. Ingenieur in der Medienbranche sei er, dort arbeiteten viele hübsche Frauen. Von biologischen Trieben ist dann die Rede, begleitet von anzüglichem Augenzwinkern. Also doch kein kalter Kaffee. Sondern immer noch ein heißes Eisen.
Text: lzt., F.A.Z.
Bildmaterial: AP