Soziales und grünes Engagement

Die Karriere der Gutmenschen

Von Isa Hoffinger

Prominenter Helfer: Prinz Harry und ein Waise in Lesotho pflanzen einen Pfirsichbaum

Prominenter Helfer: Prinz Harry und ein Waise in Lesotho pflanzen einen Pfirsichbaum

18. September 2008 

Abends, wenn die Sonne das Kap der Guten Hoffnung in goldenes Licht taucht, macht sich Andreas Ebert auf den Heimweg. "Einkäufe", sagt er, "erledigt man besser vor achtzehn Uhr." Danach wird es unsicher auf den Straßen rund um Kapstadt (lesen Sie dazu Schlafen in der Sicherheitszelle). Kriminelle Banden dealen, rauben und tragen Konflikte mit Schusswaffen aus. Sie kontrollieren ganze Stadtviertel. Die Urlauber schreckt das Elend nicht ab. Während Hochzeitspaare auf dem berühmten Tafelberg die Aussicht genießen, stirbt 1200 Meter weiter unten jeder zweite Mann zwischen sechzehn und dreißig Jahren durch Mord.

Andreas Ebert ist kein Tourist, obwohl er natürlich auch schon auf dem Tafelberg war. Seit einem halben Jahr arbeitet der 28 Jahre alte Betriebswirt für den Verein "Homesick International", der sich um Straßenkinder kümmert. Er leitet die Pressearbeit, sucht Sponsoren und koordiniert die Aufenthalte der ehrenamtlichen Helfer. Manche von ihnen bleiben vier Wochen, andere ein ganzes Jahr. Meistens ist die Zeit zu kurz. "Bis die Freiwilligen sich eingewöhnt haben, dauert es drei Wochen", sagt Ebert. Vielen Helfern falle die Kinderbetreuung auch nach Monaten noch schwer. "Schon die sechsjährigen Kinder hier rauchen Tik, eine Billigdroge. Mit acht werden sie missbraucht, mit zwölf sind sie in die erste Messerstecherei verwickelt. Und mit siebzehn Jahren sitzen sie dann im Gefängnis."

Kandidaten suchen Abenteuer oder Erfahrung

Trotzdem bekommt Homesick International viele Bewerbungen. Manche Kandidaten suchen das Abenteuer. Andere wollen Erfahrungen für ihr Berufsleben sammeln. Eine dritte Gruppe kommt, weil ein Auslandseinsatz gesellschaftlich angesehen und einfach schick ist. Ein sogenanntes "Gap Year" legen immer mehr Studenten und Absolventen ein, sie unterbrechen ihre Ausbildung, um sich für soziale oder ökologische Projekte zu engagieren.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt seit Anfang dieses Jahres den Trend: Junge Leute, die das Geld für einen freiwilligen Dienst im Ausland nicht aufbringen können, bekommen Reisekosten, Verpflegung und Unterkunft bezahlt. 10000 Freiwillige haben sich allein im vergangenen halben Jahr für einen der 1000 Plätze des Programms "Weltwärts" der Regierung bemüht, zu dessen Partnerorganisationen auch Homesick International gehört.

Warum sich Andreas Ebert für einen Job in Südafrika entschieden hat, kann er nicht genau erklären. Während seines Studiums in Hamburg gründete er zunächst eine Marketingfirma. "Irgendwann", sagt er, "hat mich der materielle Erfolg einfach nicht mehr gereizt." Zwei Jahre möchte er in Kapstadt bleiben. "Ich habe das Gefühl, dass ich hier wirklich etwas bewegen kann." Ein dickes Auto und ein toller Anzug seien schließlich nicht alles im Leben.

Engagement ist ein Muss für jeden Akademiker

Genau dasselbe denken offenbar viele Zwanzig- bis Dreißigjährige. Nicht nur freiwillige Dienste, auch feste Jobs in sozialen oder grünen Bereichen sind angesagt. Ingenieure bauen Brunnen in der Wüste, junge Ärzte arbeiten in Buschkrankenhäusern, Biologen schützen Schildkröten in Mexiko. Eine neue Welle der Hilfsbereitschaft hat die Generation erfasst - aber hinter dem Trend steckt nicht nur der Wunsch, Gutes zu tun. Ein soziales oder grünes Engagement ist heute fast schon ein Muss für jeden Akademiker. Es erhöht die Chance, Karriere zu machen.

Fast jedes Unternehmen legt heute Wert auf Sprachkenntnisse und Auslandserfahrung der Bewerber. Mit einem befristeten Einsatz für gemeinnützige Projekte stellt man außerdem unter Beweis, dass man über den Tellerrand hinausschauen kann. Daneben ist aber auch der internationale Klima- und Umweltschutz selbst eine zukunftsträchtige Branche. Der Wissenschaftsladen Bonn hat für 2007 die Stellenangebote im Bereich Umweltschutz ausgewertet: Insgesamt wurden 8200 Stellen angeboten, das sind 17,5 Prozent mehr als noch 2006. Bis 2020 soll der Sektor nach Schätzungen von Experten mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie. Die Einsatzorte für Umwelttechniker aber liegen häufig im außereuropäischen Ausland. Wer da schon in Entwicklungsländern gearbeitet hat, hat damit auch seinen Marktwert gesteigert. Auch feste Jobs in der Entwicklungszusammenarbeit sind begehrt. In den Aufbau armer Länder fließen Millionen Fördermittel und Spenden. Geld, das der heimische Arbeitsmarkt nicht immer zur Verfügung hat. Zumindest nicht, um unerfahrene Berufseinsteiger einzustellen.

Karriere als „Social Entrepreneur“

Gewachsen ist schließlich auch das Interesse an einer Karriere als "Social Entrepreneur", als Sozialunternehmer. Praktika in Nichtregierungsorganisationen verstärken den Wunsch, selbst ein Projekt auf die Beine zu stellen. Die private Universität Witten/Herdecke (WHU) ermutigt ihre Studenten sogar dazu. Die Wirtschaftsstudenten Jan Holzapfel, Tim Lehmann und Matti Spiecker, alle drei Mitte zwanzig, reisten zum Beispiel acht Monate lang durch die Welt und besuchten Unternehmer, die sich sozial oder ökologisch in Entwicklungsländern engagieren. Gerade ist ihr Buch "Expedition Welt" erschienen, das ihre Erlebnisse dokumentiert und andere Studenten anregen soll, selbst über eine Karriere als "Social Entrepreneur" nachzudenken.

Sebastian Schwiecker träumt davon schon länger. Er hat Volkswirtschaftslehre in Berlin und Long Beach studiert und war nach seinem Abschluss in der Entwicklungsabteilung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) tätig, reiste für deren Projekte nach China und Bangladesch. Im März gründete der Neunundzwanzigjährige dann helpedia.de, ein Portal mit Stellenangeboten aus dem sozialen Sektor. Zwischen 3000 und 5000 Seitenabrufen verzeichnet die Internetseite am Tag, auf 77 Jobangebote gemeinnütziger Organisationen kommen etwa 800 Besucher täglich. Bisher verdient Schwiecker mit Helpedia zwar kein Geld, aber ein Vorzeigeprojekt ist es allemal.

Auch der ein Jahr jüngere Philipp Hein gehört zu den Vertretern dieser neuen Absolventengeneration. Er arbeitet für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Neu-Delhi und berät Firmen, die nachhaltig wirtschaften wollen. "Heute muss man sich nicht mit Jutetasche und Batikhose auf die Straße stellen", sagt er. "Veränderungen in der Gesellschaft stößt man mit Sakko und Krawatte an, etwa von Konzernzentralen aus, von Ministerien oder Nichtregierungsorganisationen." Seine Generation, findet er, füge sich leicht in "moderne Strukturen" ein. Als Opportunismus oder gar Wertelosigkeit lasse sich das nicht deuten.

Werteforscher nennen sie „aktive Realisten“

Soziologen wie Helmut Klages würden ihm wohl recht geben. In der Werteforschung werden Persönlichkeitstypen, die sich sowohl für eigene als auch für gesellschaftliche Belange einsetzen, als aktive Realisten bezeichnet. Solche Menschen möchten sich selbst verwirklichen, sind flexibel und zeigen eine große Leistungsbereitschaft.

Von einer realistischen Wahrnehmung der Welt sind manche dieser aktiven Realisten aber scheinbar noch weit entfernt. Diesen Schluss jedenfalls lassen manche der Erfahrungsberichte zu, die auf der Homepage von "Weltwärts" veröffentlicht sind. Ein 25 Jahre alter Journalistikstudent etwa berichtet dort von seinen Erlebnissen in Bujumbura, der Hauptstadt Burundis im Osten Afrikas, wo er für die Fondation Stamm arbeitet. Die Stiftung betreibt Heime für Waisenkinder, die durch Aids oder den langjährigen Bürgerkrieg ihre Eltern verloren haben. Der Erfahrungsbericht aber liest sich wie das Reisetagebuch aus einem Aktivurlaub. Und neben dem Text stehen Bilder aus Burundi, die so aussehen wie jene Fotos, die auch Touristen in Kapstadt gerne knipsen, wenn sie eine "geführte Township-Tour" gebucht haben. Am Ende steht dann dieses Resümee: "Ich profitiere schon jetzt von meinen Erfahrungen aus Burundi. Es ist genau das, was ich machen möchte. Und außerdem lässt sich das ja prima mit Journalismus und Fotografie verbinden."

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Neuer Job, neues Zuhause! Unter immobilien.faz.net finden sicher eine Immobilie, die Ihren Wünschen entspricht! Wählen Sie aus über 960.000 Angeboten.Verlagsinformation

Neuer Job, neues Zuhause! Unter immobilien.faz.net finden sicher eine Immobilie, die Ihren Wünschen entspricht! Wählen Sie aus über 960.000 Angeboten.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche