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Vorausentwicklung Der mit den Autos tanzt Von Holger Appel
Überall Erlkönige. Ein ganzer Firmenhof voll mit abgeklebten Autos, die in ein, zwei oder drei Jahren auf die Straße kommen. Bis zur Unkenntlichkeit getarnt, damit die Konkurrenz nicht erfährt, was auf sie zurollt. "Das ist ein Jaguar", glaubt der Beobachter ein vorbeifahrendes Vehikel zu erkennen. Steffen Linkenbach antwortet trocken "Nein" und steuert sein schwarzes Auto, das einst ein BMW war, auf die Teststrecke hinter seinem Büro. Die Menschen, sagt er, interessierten sich vor allem dafür, wie ein neues Auto aussehen wird. Er hingegen interessiert sich vor allem dafür, was in den neuen Autos steckt. Linkenbach ist der Leiter für "Neue Komponenten" in der Zukunftsentwicklung von Continental. Jeder kennt die Firma wegen ihrer Reifen, dabei macht sie in enger Abstimmung mit den Automobilherstellern längst so ziemlich alles, was unter dem Blech seinen Platz findet: Bremsanlagen, Sicherheits- und Komforteinrichtungen oder Kontroll- und Regelsysteme für Lenkung und Fahrwerk. Eines von Linkenbachs Babys Der schwarze Ex-BMW ist eines von Linkenbachs Babys. Seine Truppe hat das Auto gekauft, auseinandergenommen und ein neues Fahrwerk daruntergebaut. Deshalb steht nun "Continental" und nicht mehr BMW drauf. Außen aussehend wie ein gewöhnlicher 530 i, dem man die Markenembleme abmontiert hat, sieht man beim Einsteigen sofort, dass hier etwas anders ist. Ein roter Not-Aus-Knopf zum Beispiel verrät: Hier geht es nicht mit serienmäßigen Dingen zu. Der Kofferraum ist vollgepackt mit Elektronik und Messgeräten. Linkenbach berührt den im Armaturenbrett eingebauten Touchscreen, verstellt mit dem Finger eine Kennlinie, und schon fängt das Auto an zu tanzen. Das zirkusreife Experiment demonstriert, was alles möglich ist, wenn in Autos künftig nicht mehr nur die Vorderachse lenkt, sondern auch die hintere. Richtig eingestellt, bringt die Allradlenkung deutlich mehr Sicherheit bei mindestens gleicher Fahrdynamik. Kurven werden schärfer und präziser genommen, der kombinierte Brems- und Lenkeingriff hält das Auto bei Bremsungen auf unterschiedlich griffiger Fahrbahn sicher auf Kurs. Um bis zu 10 Prozent könne sich der Bremsweg verkürzen, verspricht Linkenbach. Das bedeutet einen um 10 Meter kürzeren Bremsweg aus 100 Stundenkilometern - ein gigantischer Fortschritt. Als Nebeneffekt verringert sich zudem der Wendekreis ein wenig, und einparken wird auch etwas leichter. Dass die Entwicklung eines solchen Systems keine Spinnerei ist, beweist der Auftritt des französischen Herstellers Renault auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA), der im neuen Laguna erstmals eine Allradlenkung (allerdings vom Zulieferer Aisin, nicht von Continental) anbietet. Aber Spinnereien entwickelt Linkenbach sowieso nicht. "Hier wird nicht gebastelt", sagt er. Jedes Projekt müsse eine Marktchance haben, unterliege einem harten Business-Plan. Die Jeans gegen den Anzug getauscht So hat sich auch das Leben des 37-Jährigen geändert, seit er vom Serienkonstrukteur zum Zukunftsmanager befördert wurde. Nun bestimmen Meetings und die Überwachung von Plänen seinen 12-Stunden-Tag. Er hat Jeans gegen Anzug getauscht. Früher hat der gelernte Maschinenbauer und passionierte Motorradfahrer noch richtig an den Autos mitgebaut, aber eben auch mal "Zeichnungen gelocht". Die neue Aufgabe bringe viel Abwechslung und neue Erfahrung, Kundenkontakte in aller Welt, Reisen - und am Auto sei er ja noch regelmäßig zur Abnahme. Ist das nun die Königsdisziplin? "Es ist schon sehr spannend, zu sehen, was in ein paar Jahren auf die Straße rollt. Ja, das macht Spaß", sagt er. Ideen entwickelt er meist per Brainstorming im Team, das aus "alten Hasen", aber zwecks größerer Ideenvielfalt auch aus Jungingenieuren frisch von der Hochschule besteht. Ein Praktikum während des Studiums ist die beste Einstellungsvoraussetzung, da können die gestandenen Kollegen sehen, was der Nachwuchs draufhat und ob man sich versteht. "Wir brauchen mehr Dynamik und Sicherheit im Fahrwerk. Macht euch mal Gedanken", lautete beispielsweise der Auftrag, aus dem letztlich die Allradlenkung wurde. Mindestens ein realer Wintertest Zwischen Idee und Straße liegen in der Regel etwa fünf Jahre. Ein bis zwei Jahre dauert die Vorentwicklung, weil man zu den Computersimulationen mindestens einen realen Wintertest, einen Sommertest und einen Dauerlauf braucht. Konstrukteure, Versuchsingenieure und Elektroniker arbeiten in dieser Zeit Hand in Hand. Dann kommt es zum Schwur: Finden die Kunden den Vorschlag gut? Erteilt ein Kunde den Auftrag, vergehen noch einmal drei Jahre, bis das fertige Produkt in die Serie einfließt. Linkenbach parkt den allradgelenkten BMW vor der Halle, in der seine Kollegen die Autos der Zukunft bauen. Um die Ecke biegt ein ziemlich altertümlich aussehender indischer Maruti/Suzuki. "Der ist gar nicht so schlecht. Und auch in aufstrebenden Wirtschaftsregionen darf eine Bremse nicht versagen", wehrt der Zukunftsentwickler skeptische Blicke ab. Fortschritt findet eben nicht nur mit Porsche oder BMW statt. Text: F.A.Z., 15.09.2007, Nr. 215 / Seite C10Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke
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