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Kolumne Mehr Soll als Haben Von Georg M. Oswald
Keller lag im Garten, las Zeitung und lauschte dem Gesang der Insekten. Die Schlagzeile "Der Mittelstand rutscht ab" beschäftigte ihn. Das Frühjahr hatte Einzug gehalten, während, wie es schien, zwei Häuser weiter Familie Engel auszog. Jedenfalls stand ein Umzugswagen vor der Tür, und Herr und Frau Engel und ihre Kinder beluden ihn schon eine ganze Weile lang mit Hausrat. Keller erinnerte sich an ein Gespräch, das er neulich mit Engel auf dem Nachhauseweg von der S-Bahn gehabt hatte. Sie kannten sich nicht gut, deshalb blieben sie bei allgemeinen Themen, redeten über Fußball, das Wetter, die Teuerungsrate. Engel hatte geklagt über die hohen Zinsen für das Haus (offenbar geringer Eigenkapitalanteil), die Leasingraten für den Wagen (kaufen ist selbstverständlich billiger - wenn man's kann), die explodierenden Heizkosten, Lebensmittelkosten, Ausbildungskosten. Kosten, Kosten, Kosten. Natürlich bemühten sich beide, so zu klingen, als sei die Bezahlung all dieser ständig steigenden Kosten zwar sehr unangenehm, aber kein wirklich unüberwindliches Problem. Jetzt, während er sich an dieses Gespräch erinnerte, rechnete Keller noch mal nach, wie das bei ihm aussah: Auf der Sollseite standen die hohen monatlichen Ausgaben und die Tatsache, dass er über keine nennenswerten Ersparnisse verfügte. Zur Erbengeneration zählten er und seine Familie nicht. Auf der Habenseite standen lediglich eine gute Ausbildung und ein gutes Gehalt - das in letzter Zeit immer weniger wert zu werden schien. Solange er gesund blieb, sein Arbeitgeber nicht in eine Krise geriet oder von einem Konkurrenten geschluckt wurde, sein Chef nicht auf die Idee kam, ihn durch einen jüngeren, billigeren Newcomer zu ersetzen, seine Leistungen weiterhin positiv beurteilt wurden und weiß Gott wie viele andere entscheidende Parameter unverändert blieben, war seine und die Zukunft seiner Familie gesichert. Nur ein einziger dieser Faktoren musste sich ändern und schon kam das ganze System ins Wanken, und was das bedeutete, konnte man zwei Häuser weiter beobachten. Die Engels mussten raus. Wahrscheinlich in eine Sozialwohnung. Keller hielt es nicht länger auf seiner Liege. Er wollte hinübergehen und der Familie seine Hilfe anbieten. Vielleicht konnte man irgendetwas tun. "Mensch, Herr Keller, was machen Sie denn für ein Gesicht?", fragte Engel besorgt, als er ihn kommen sah. "Es tut mir wirklich sehr leid", erwiderte Keller. "Aber was denn nur?" "Dass Sie ausziehen müssen." "Nicht doch! Wir nutzen nur die ersten schönen Tage, um das Haus zu entrümpeln. Die Kinder verkaufen die Sachen auf dem Flohmarkt. Da kommt auch wieder ein bisschen was rein." Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München Bildmaterial: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak |
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