Von Corinna Zawodniak
23. Februar 2008 Sie heißen offenes Büro, nonterritoriales Modell oder Business Club. Kaum ein Konzern nennt sie noch bei ihrem ursprünglichen Namen: Großraumbüros. Dutzende Mitarbeiter sitzen darin zusammen, allenfalls durch Stellwände, Schränke und Pflanzen getrennt.
Der Trend zu einem Büro für alle hält seit rund drei Jahrzehnten an. Von den 17 Millionen Büroarbeitern in Deutschland sitzt jeder fünfte in einem Gruppen- oder Großraum. Laut einer Umfrage des amerikanischen Immobilienberaters Cushman & Wakefield sollen es bei 40 Prozent der Unternehmen bald noch mehr sein. Kein Wunder, denn viele Arbeitsplätze in einem großen Raum sind kostengünstiger und leichter zu überschauen als zahlreiche kleine Büros.
Der Lärm stört ganz schön
Unter den Angestellten wünschen sich die wenigsten, dass ihr Schreibtisch zwischen vielen anderen steht. Deshalb tut sich was: Seit Studien zeigen, wie belastend ständiger Lärm und Unruhe sind, lassen Unternehmen moderne Bürolandschaften entwerfen. Denn wenn die Mitarbeiter sich wohl fühlen, leisten sie auch mehr. Die Hauptkritik: Der Einzelne kann Licht, Temperatur und Lärmpegel nicht beeinflussen. Hinzu kommt das Gefühl, ständig auf dem Präsentierteller zu sitzen.
Marianne Selbhahn* kennt das. Sie arbeitet seit fast 15 Jahren im Großraumbüro einer diakonischen Einrichtung in der Nähe von Hannover. Ich habe mich daran gewöhnt, sagt die 57-jährige Verwaltungsangestellte. Besser fände ich ein Zweierbüro, denn der Lärm stört ganz schön. Wer kann schon hochkonzentriert am Computer arbeiten, wenn links ein Telefon klingelt, sich rechts Kollegen unterhalten und vor dem Schreibtisch die Leute auf dem Weg zum Kopierer vorbeihuschen? Eine Umfrage des Forums Besser Hören zeigt: Jeder zweite Büro-Arbeiter fühlt sich durch Lärm gestört.
Man hört automatisch mit halbem Ohr zu
Andreas Liebl vom Lehrstuhl für Arbeits-, Gesundheits- und Umweltpsychologie an der Katholischen Universität Eichstätt hat herausgefunden, dass weniger die Lautstärke an sich das Problem ist. Es ist vor allem die Sprachverständlichkeit, die ablenkt und so die Leistung der Mitarbeiter beeinträchtigt. Das bedeutet: Man hört automatisch mit halbem Ohr zu, wenn man verstehen kann, was gesagt wird. Bewusstes Weghören strengt an. Das stört Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung und Befinden.
Eine Lösung: die Gesprächsfetzen mit einem künstlichen Rauschen überdecken. Es klingt paradox, funktioniert aber, sagt Liebl. Ein einheitliches Geräusch kann der Mensch besser ausblenden. Durch diesen Masking-Effekt wird es allerdings noch lauter. Oder man setzt auf Bauteile, die Geräusche schlucken. Beschichtete Wände reduzieren genau die Frequenzen, auf denen wir Sprache verstehen.
Informationen aufzuschnappen kann auch nützlich sein
Dass Mitarbeiter nebenbei Informationen aufschnappen, ist aber auch nützlich. Absprachen sind im Großraum unkomplizierter. Probleme sind oft ruckzuck gelöst, weil viele Kollegen mithören und Vorschläge machen, bestätigt Selbhahn. Wo in Teams gearbeitet wird, können Großraumbüros sinnvoll sein, sagt Professor Monika Bullinger vom Institut für medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Manche Menschen schätzen ein solches Büro als locker und unterhaltsam. Andere leiden, weil sie sich nicht zurückziehen können.
Rücksicht ist im Großraumbüro besonders wichtig. Bei all dem Lärm muss nicht auch noch das Handy nervige Klingeltöne zum Besten geben. Für längere Gespräche sollten die Angestellten in einen Besprechungsraum gehen. Wer sich gestört fühlt, überlegt, was besser sein könnte und spricht die Kollegen darauf an, rät Bullinger. Man kann sie etwa bitten, einen in einer festen Stunde am Tag nicht zu stören, damit man konzentriert arbeiten kann.
Der klassische Streit: Wer darf am Fenster sitzen?
Auch das Unternehmen kann die Lage entschärfen. Es sollte analysieren, wer mit wem eng zusammenarbeitet und beieinander sitzen sollte, so die Psychologin. Sicht- und Hörschutzwände können privatere Nischen schaffen. Auch für den klassischen Streit, wer am Fenster sitzen darf, weiß Bullinger Hilfe: Ein Rotationssystem sorgt dafür, dass jeder mal die Aussicht genießen kann.
Großraumbüros ansprechender und ruhiger zu gestalten ist keine bloße Gefälligkeit gegenüber den Mitarbeitern, weiß Liebl, der am Projekt Büro-Effizienz mitarbeitet. Es lohnt sich für das Unternehmen, weil der Krankenstand sinkt. Konzerne lassen mittlerweile Bürolandschaften entwerfen, die wie Business-Lounges in Flughäfen anmuten. So auch IBM in Stuttgart: Hier gibt es ruhige Arbeitszonen, Besprechungs- und Gemeinschaftsräume, Meeting-Points und Kaffee-Ecken. Für ihren Arbeitsplatz können die Mitarbeiter unter verschiedenen Tisch- und Stuhlvarianten wählen. Decken, Böden, Wände sowie Schränke schlucken den Schall.
Kommunikation und Zusammenarbeit seien besser, aber auch der Teamgeist und der Draht zum Management, loben IBM-Mitarbeiter in Umfragen. Bis hinauf zur Geschäftsführung gibt es keine Einzelbüros mehr, erklärt Heinz Liebmann, Leiter der IBM Personalprogramme. E-place nennt das Unternehmen das Bürokonzept, das auch Desksharing beinhaltet. Dabei haben die Angestellten keinen festen Schreibtisch, sondern lassen sich am Morgen nieder, wo ein Computer frei ist. Weil immer Kundendienstler unterwegs, Mitarbeiter krank oder im Urlaub sind, sind weniger Arbeitsplätze nötig. Das spart Kosten. Psychologin Bullinger hat Bedenken: Viele Mitarbeiter fühlen sich austauschbar und weniger wertgeschätzt, wenn sie keinen Stammplatz haben.
Flexible Mitarbeiter - und flexible Wände
Im Büro der Zukunft sind nicht nur die Mitarbeiter flexibel, sondern auch die Wände. Verschiebbare Raumteiler, die für jede Teamgröße schnell den passenden Arbeitsbereich zaubern, wird es ab Ende 2009 in der neuen Puma-Konzernzentrale geben. Teamarbeit spielt bei uns eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund wird es überwiegend Großraumbüros in der neuen Puma Plaza geben, sagt Harry Huk, der den Bau koordiniert. Sportlich-schicke sechs Etagen sollen 700 Mitarbeitern Platz bieten und verglaste Fronten für viel Tageslicht am Schreibtisch sorgen.
Auch den Wunscharbeitsplatz der Deutschen will Puma anbieten - das Kombibüro. Der Clou: Der Mitarbeiter hat in einem eigenen Büro seine Ruhe. Weil die Wände aus Glas sind, fühlt er sich aber trotzdem nicht allein.
*Name geändert