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Geisteswissenschaften

Gründen statt grübeln

Lässt sich mit Linguistik Geld verdienen? Oder mit Soziologie? Es gibt gute Beispiele dafür. Aber zu wenige Geisteswissenschaftler trauen sich Erfolg zu. In den Gründungsberatungen sind sie Exoten.

Von Deike Uhtenwoldt

Wer hat´s erfunden? Ein promovierter Politologe aus Berlin hatte die Idee zu “Call a bike“Wer hat´s erfunden? Ein promovierter Politologe aus Berlin hatte die Idee zu "Call a bike"

04. Dezember 2008 

Unter Geheimhaltung stehen offenbar nicht nur technische Geschäftsideen: Idee, Team und Historie der Unternehmensgründung aus Bochum sind zwar online nachzulesen, nicht aber ihr Name. Und die Bürokoordinatorin bleibt standhaft. "Das besprechen Sie besser mit Frau Blaha direkt", sagt sie. Michaela Blaha hat den "Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache" gegründet - und sie gibt schließlich auch die Kurzform des Namens preis: Idema.

Eine sprachwissenschaftliche Geschäftsidee? Ein verwegener Gedanke. "Nicht einmal die Wissenschaftler selbst können sich vorstellen, dass man mit Geisteswissenschaften auch etwas anderes machen könnte als Forschung - und vor allem nicht, dass die selbständige Tätigkeit damit gleichwertig sein soll", sagt Jörg Strompen von der Gründungsberatung Leibniz X in Berlin. In seinem eigenen Studium musste sich der Politologe und Slawist oft genug anhören, dass er mit seinen Fächern ohnehin keinen Job finden würde. Heute berät er Mitarbeiter der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz bei Ausgründungen und stößt da immer wieder auf ein- und dieselbe Hemmschwelle: Es gebe zu wenig Bereitschaft, sich als Unternehmer auszuprobieren, zu wenig Durchlässigkeit und Toleranz. "Das Scheitern einer Gründung kommt hierzulande einem Todesurteil gleich."

Gründerkultur für die Geisteswissenschaften

Was Jörg Strompen in Berlin tut, macht Karl Grosse in Bochum. Als Geschäftsführer von Rubitec, der Transfergesellschaft der Ruhr-Universität, bemüht er sich um eine Gründerkultur für die Geisteswissenschaften. "Gefördert wird die Innovation aus der Hochschule, die in eine Gründung umgesetzt wird. Die Eröffnung einer Anwaltskanzlei oder eines Schreibbüros zählen wir nicht", sagt er. Die geförderten Gründer können zwei Jahre in diesem "Business-Inkubator" testen, wie gut ihre Geschäftsidee läuft. Anschließend haben sie nur noch die Wahl zwischen Ausgründen und Aufgeben.

Aber ans Aufgeben denkt Michaela Blaha schon lange nicht mehr. Seit sie vor zehn Jahren, als sie ihre Abschlussarbeit schrieb, der "Anti-Amtsdeutsch-Virus" befallen hat, weiß die Linguistin, wie groß der Bedarf an ihrer Dienstleistung ist. Sie und ihr siebenköpfiges Team unterstützen Kommunen dabei, Formulare, Anschreiben und Selbstdarstellungen in einer modernen, verständlichen und doch rechtlich wasserdichten Sprache zu formulieren. "Wir bekommen sehr viele Anfragen und sehr viel Aufmerksamkeit", sagt die 35 Jahre alte Doktorandin. Allerdings nicht immer die angemessene Wertschätzung. "Bei meinem ersten Forschungsprojekt ,Bürgerfreundliche Verwaltungssprache' im Jahr 2000 wollten die Kommunen nur die Dienstleistung haben, aber nicht die Forschungsarbeit finanzieren", berichtet Blaha. Auch heute noch müsse sie manchen Behördenleitern erklären, wie aufwendig die Abstimmung mit den Fachabteilungen sei und warum die Umformulierungen ihren Preis haben. Die Rechnungen dafür werden übrigens im Namen der Novatec GmbH geschrieben, einer Rubitec-Tochter. "Novatec nimmt den Gründern die geschäftliche Infrastruktur wie Buchhaltung und Steuern ab und unterstützt sie in Vertragsverhandlungen", erläutert Karl Grosse den Zusammenhang.

Nicht ohne meinen Idealismus

Michaela Blaha lässt sich von Novatec nur halbtags bezahlen, obwohl sie voll arbeitet. "Andere Gründer verdienen im ersten Jahr gar kein Geld." Ein Schuss Idealismus gehöre eben zu jeder Gründung. Die Germanistin und Anglistin mit Staatsexamen hat vor dem Schritt in die Selbständigkeit Gründerseminare belegt, andere Gründer interviewt und Start-up-Messen besucht. "Ich habe tatsächlich Klinken geputzt." Schließlich stieß sie auf Rubitec. Offene Türen rannte sie aber auch dort nicht ein. "Der Fokus liegt auf den Ingenieurwissenschaften", sagt sie. "Auf mich war man nicht eingestellt."

Jörg Strompen kennt diese Barrieren im Kopf. Sie führten dazu, dass die Wissenschaft ein enormes Potential verschenke. "Es gibt gerade außerhalb des High-Tech-Sektors sehr spannende Gründungen", sagt er. Die Choice GmbH etwa, eine Ausgründung des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, entwickle flexible Mobilitätsdienstleistungen. "Aber wer weiß schon, dass das Carsharing oder ,Call a Bike' der Deutschen Bahn von Sozialforschern entwickelt wurde?" Und wer rechne schon genau aus, ob da nicht vergleichsweise mehr und vor allem für den Staat günstigere Arbeitsplätze entstehen als in der Hochtechnologie?

Strompen selbst ist überzeugt davon, dass es mehr konkrete Förderprogramme im Low-Tech-Sektor gäbe, wenn geisteswissenschaftliche Gründungsideen politisch auf mehr Interesse stießen. "Geisteswissenschaftler brauchen eigene Existenzgründerlehrstühle, eigene Seminare, eine besondere Ansprache", sagt er. Schließlich seien auch ihre Konzepte, ihr Selbstbild und ihr Idealismus anders. "Es geht ihnen weniger um das Geld, das mit der Dienstleistung verdient werden kann, als um den Nutzen für andere und die Bedeutung für den Gründer."

Dass Geisteswissenschaftler mit ihren Gründungen weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen als Techniker, liegt auch daran, dass für sie das Patentrecht und das Verwertungsinteresse eine geringe Rolle spielen. Noch sind Linguisten, Historiker und Philosophen in den Gründungsberatungen Exoten. An der Technischen Universität in Berlin zum Beispiel liegt ihr Anteil bei knapp fünf Prozent, wie Karin Kricheldorf von der dortigen Beratung berichtet. "Ich denke aber, diese Zahl wird sich in naher Zukunft erhöhen." Denn seit einem Jahr unterstützt das wichtigste deutsche Förderprogramm für Gründungen aus den Universitäten, das "Exist-Gründerstipendium", nicht mehr nur technologieorientierte, sondern auch wissensbasierte Dienstleistungen. "Sofern sie auf einem wissenschaftlichen Ansatz beruhen, innovativ sind und es sich nicht um freie Berufe handelt", präzisiert die Projektreferentin Marion Glowik vom Forschungszentrum Jülich.

Gerade die Freiberuflichkeit ist aber für Kulturschaffende eine geläufige Option. "Nur werden die Hochschulabsolventen oft kaum darauf vorbereitet", sagt Maria Kräuter. Die promovierte Geisteswissenschaftlerin hat sich vor drei Jahren in Nürnberg selbständig gemacht, mit einer Gründungsberatung für Freiberufler, Kultur- und Medienberufe. Eine typisch geisteswissenschaftliche Gründung, betont sie - personalisiert, vernetzt und wissensintensiv, dafür aber wenig kapitalintensiv.

Dienstleister im Kommen

Glaubt man der These des amerikanischen Sozialforschers Jeremy Rifkin, liegt genau in solchen Gründungen die Zukunft: Da immer mehr Industriearbeitsplätze wegfallen, wird seiner Analyse zufolge die Rolle kleiner Dienstleistungsgründungen immer wichtiger. Auf dem Weg dahin definiert Maria Kräuter schon einmal den Erfolgsbegriff neu, weg von der rein kaufmännischen Beurteilung. "Es ist doch auch ein Erfolg, wenn Geisteswissenschaftler ihren eigenen Arbeitsplatz sichern und einer Tätigkeit nachgehen, die ihrer Ausbildung und ihren Interessen entspricht", sagt sie. Die Hochschulen entließen ihre Absolventen jedoch mit einigen Defiziten in diese Zukunft. "Die größte Krux sind die Zahlen. Aber auch die Auseinandersetzung mit formalen, steuerlichen und rechtlichen Zusammenhängen kommt in der Ausbildung nicht vor."

Von anderen Berührungsängsten zwischen dem universitären Lehrpersonal und Praktikern aus der Wirtschaft berichtet Michaela Blaha. Als sie einmal einen Übersetzer benötigt habe, wollte das Germanische Institut einen Werkvertrag abschließen. "Für einen Tag! Das ist doch praxisfremd", kritisiert die Jungunternehmerin. Den Übersetzer hat sie dann aus der eigenen Tasche bezahlt. Auch für die Programmierung der Idema-Datenbank für Mustertexte aus verschiedenen Fachbereichen, Textbausteine und Alternativformulierungen hat sich das Team nicht wie eigentlich vorgeschrieben mehrere Angebote geben lassen. "Eine qualifizierte Dienstleistung qualifiziert sich doch nicht nur über den Preis", verteidigt sich Michaela Blaha dafür. Manchmal weiß eben der Absolvent doch mehr als das Hochschulinstitut, das ihn einst ausgebildet hat.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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