Status, Solidarität und Vertrautheit: Wann passt das Sie, wann ist man reif fürs Du - und was, wenn der Übergang schiefgeht? Der Linguist Martin Hartung berichtet vom heiklen Hantieren mit der Anrede.
In bestimmten sozialen Umgebungen ist das Du üblich, beispielsweise im Fitness-Studio, im Verein, in Weiterbildungsseminaren und bestimmten politischen Gruppen. Würde man dort anfangen, jemanden zu siezen, bekäme man soziale Schwierigkeiten, weil das als Distanzierung empfunden würde. Das war im Sport aber immer so, das nennt sich das Solidaritäts-Du. Beim Sport, unter Arbeitern, auf der Baustelle duzt man sich außerdem, um die Statushierarchien einzudampfen.
Wenn es nur noch eine Option gibt - das Du -, gibt es keine Hierarchie mehr in der Anrede. Das ist die zweite Dimension: das Hierarchie-Du. Es ist genau geregelt, wann wer auf gleicher Ebene, auf höherer Ebene wen duzen darf, wer wen siezen muss. Überall, wo es ein bisschen archaisch zugeht und es um den Körper geht, wird das nivelliert, man kehrt zum Urzustand zurück, zur Horde, zur Gruppe, und dann duzt man sich halt.
Wenn man in so einer Du-Gemeinschaft jemanden siezt, fliegt man aus der Gruppe raus oder wird gemieden. Vielleicht entdecken Sie das jetzt neu für sich, aber das ist alt. Das Du war in den sechziger und siebziger Jahren sehr stark auf dem Vormarsch unter ideologischer Perspektive, weil manche Leute auf der Linken die Hierarchien schleifen wollten. Beispielsweise gab es eine Phase, da wurde zwischen Professoren und Studenten viel geduzt. Das hat sich aber erledigt. In vielen Bereichen ist jetzt die Rückkehr zum Sie empirisch nachweisbar.
Eben an der Uni zum Beispiel. Da haben sich normale Hierarchiestrukturen wieder durchgesetzt.
Auch unsere Gesellschaft ist dramatisch babylonisch geworden. Die sozialen Domänen zerfallen ja noch weiter, in Subgruppen; von Sportstudio zu Sportstudio gibt es Unterschiede, von Stadt zu Stadt und dort zwischen einzelnen Stadtvierteln, von Unternehmen zu Unternehmen und dort sogar zwischen einzelnen Abteilungen. Wir müssen da sehr unserer Intuition vertrauen, um die jeweils gültigen Regeln zu erkennen.
Ja, Sie haben mich ja auch erst mal gesiezt, weil Sie mit mir noch weiter reden wollen. Wir folgen immer Regeln, auch wenn diese sich individualisiert haben, und Gruppen haben gemeinsame Regeln.
Es gibt einen persönlichen Stil: Leute, die sich bewusst traditioneller geben, siezen eher, oder auch Menschen, die aufgrund ihrer Statusposition ein bisschen Abstand halten müssen - zu ihren Mitarbeitern zum Beispiel. Leute, die sich kumpelhaft geben, hauen die Leute ganz bewusst mit Du an. Neben den individuellen gibt es gruppenspezifische Regeln. Das hat sich aufgedröselt, weil es inzwischen viel mehr Gruppen gibt und weil die Verbindlichkeit der Standardnorm nachgelassen hat.
Da wäre ich vorsichtig. Man könnte auch auf die Idee kommen, dass die Hierarchien, die es gibt - vielleicht sogar noch mehr gibt als früher -, nur überdeckt werden.
In jungen Unternehmen, gerade im Bereich Medien und Internet, ist aus Amerika die Coolness und Einebnung der Hierarchien wieder importiert worden, und da wird oft geduzt, aus Prinzip.
Es gibt Unternehmen - wie auch Gruppen und Organisationen -, die leben das Du wirklich; da drückt es ein Lebensgefühl aus. Mindestens die Hälfte dieser Unternehmen aber führen das Du ein, ohne es zu leben; der Chef tut bloß so, als sei er nicht autoritär. Auf die Dauer fällt aber keiner darauf rein.
Da muss man sich entscheiden, ob man ein Pauschal-Du verwenden will - das aber nicht mehr gültig ist, sobald die Runde aufgelöst ist. Das ist natürlich schwierig. Anderes Beispiel: In meiner Abteilung arbeiten Leute, mit denen duze ich mich, und Leute, die sieze ich. In Besprechungen verwende ich, wenn ich alle anspreche, ein Sammel-Ihr. Ich will mich von den Leuten, die ich duze, nicht zu sehr distanzieren, indem ich Sie sage. Das käme mir lächerlicher vor, als alle zu duzen. Bisher hat sich keiner beschwert.
Das ist die typische Übergangsphase, wenn man sich gesiezt hat und nach einer gewissen Zeit die Vertrautheit so groß ist, dass man an die Schwelle zum Du kommt. Dann muss einer der beiden das Du initiieren. Gutes Beispiel: Wenn Schwiegersohn oder Schwiegertochter in die Familie eingeführt werden, siezt man sich, je nach Familie, zunächst. Wenn man dann aber dazugehört, duzt man sich auch. Aber anbieten müssen es die Schwiegereltern. Wenn die junge Generation damit anfängt, muss sie mit dem Risiko leben, dass sie die Schwiegereltern vergrätzt.
Ja: Der Ältere bietet es dem Jüngeren an, der hierarchisch Höherstehende dem Niedrigerstehenden.
Wenn der andere einem das Du nicht ausdrücklich anbietet, siezt man einfach weiter - und achtet darauf, dass diese Schwellensituation nicht entsteht, wo der andere auf die Idee kommt, es anzubieten. Dann sitzt man nämlich in der Falle, kann kaum sagen: Nee, nee, bleiben wir mal beim Sie. Leute mit sozialer Kompetenz testen aber vorher, wie die Situation ist, und bieten das Du nur an, wenn es den Umständen angemessen ist.
Natürlich, das gilt vor allem für das Vertrautheits-Du. Verwandtschaft, Freundschaft, Liebe, Liebelei - die sind emotional besetzt, und deshalb lässt sich so ein Du auch nicht so leicht zurücknehmen. Aber der rein grammatische Blick auf Sie und Du verdeckt ja ganz wesentliche soziale Faktoren.
Wir verwenden das Du und das Sie in sehr komplexen Ausdruckskontexten - mit Intonation, mit syntaktischer Konstruktion, in einer bestimmten Situation, mit Körpersprache: Hält man Blickkontakt, dreht man den Körper weg? Das ist viel differenzierter, als das Paar Du gegen Sie es nahelegt. Ein Du allein sagt nicht viel.
Ich kann mich sehr distanziert jemandem gegenüber verhalten - obwohl ich ihn duze. Das zeigt: Ich mag dich nicht besonders. Oder: Ich duze dich zwar, aber wir sind noch am Anfang der Beziehung. Wenn ich meinen Partner duze, drücke ich dadurch etwas anderes aus, als wenn ich jemanden aus meiner Abteilung duze. Du, Schätzchen, komm mal her ist was ganz anderes als Du, Hartung, komm mal her.
Wichtig ist auch der Abstand zwischen den Körpern. Bei jemandem, den ich distanziert duze, vor dem bleibe ich auch mit größerem Abstand stehen. Jemanden aus meiner Familie, dem darf ich näherkommen, sogar berühren. Wenn Sie jemanden duzen, den Sie nicht leiden können, dann erkennt er das an Ihrem Gesicht, und er weiß, dass das kein Vertrautheits-Du ist, sondern ein Not-Du. Er wird sich nicht bei Ihnen zu Hause einladen.
Auch da denke ich, das englische you ist durch die Situation so klar differenziert, dass man eindeutig sagen kann: Das ist ein Sie-you, und jetzt ist es ein Du-you. Weil es im Englischen nur die eine Form gibt - das you -, ist das Gefühl für die sozialen Faktoren, für die Unterschiede, wann es gewissermaßen ein Du und wann ein Sie ist, in den angloamerikanischen Kulturen ausgeprägter.
Das sind individuelle Stile. Bohlen ignoriert ja alles, was Höflichkeitskonventionen angeht. Und Hartmann ist ein gemütlicher Typ, kommt als eine Art Tanzbär daher - und er zeigt das bayerische Kolorit, zu dem der Dialekt gehört und das Nähe, Vertrautheit, Heimat suggeriert. Wenn der Hochdeutsch sprechen würde - und duzen, wäre unsere Irritation größer.
Eigentlich nicht.
Ich bin da grundsätzlich sehr wählerisch und vorsichtig.
Die Fragen stellte Bertram Eisenhauer.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.07.2007, Nr. 26 / Seite 16
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz, Hartung, picture-alliance / dpa/dpaweb