15. Juni 2008
Rosa traut mir immer noch nicht über den Weg. So, als ob sie ständig das Schlimmste befürchten müsste, wenn ich die Kinder in meiner Elternzeit allein versorge. Sie erkundigt sich zwar diskret nach dem Befinden der Jüngsten und bietet möglichst beiläufig an, gelegentlich zur Unterstützung vorbeizuschauen. Aber das Misstrauen ist nicht zu überhören. Ich glaube sogar, ich soll es hören.
Das trifft mich, denn Rosa, die uns vor ein paar Jahren gewissermaßen adoptiert hat, ist eine Kapazität auf dem Gebiet der Brutpflege. Sie ist mit Ende fünfzig schon Urgroßmutter und hat keine geringen Chancen, mindestens noch das Doppel-Ur zu schaffen. Mit ihren Kindern und Kindeskindern hat Rosa gute Erfahrungen gemacht, mit ihren Männern nicht immer, was ihre Vorbehalte für mich etwas erträglicher macht.
Rosa, die aus Kroatien kommt, ist mit ihrem Misstrauen übrigens kein Einzelfall. Im Kindergarten, beim Abholen meiner beiden Großen, habe ich des Öfteren zweifelnde Blicke gespürt. Und mindestens einmal fragte eine besorgte türkische Mutter bei den Erzieherinnen nach, ob das denn gutgehe. Der Vater mit den kleinen Kindern, so ganz allein, ohne die Mama. Es geht ganz wunderbar, finde ich jedenfalls.
Die kleine Johanna, der ich meine Elternzeit zu verdanken habe, wird gerade in der Krippe eingewöhnt. Ich habe dank der Auszeit genügend Zeit, um sie bei einer besonders behutsamen Annäherung zu begleiten. In den ersten beiden Wochen war ich stets mit im Raum. Und erst jetzt lass’ ich sie mit der Erzieherin allein, jeden Tag ein Stückchen länger. Ohne meine zwei Monate Elternzeit hätte sich der Wurm längst in den normalen Krippenbetrieb fügen müssen. Gottlob ist so viel Zeit, denn noch mag Johanna nicht loslassen. Und um ehrlich zu sein: ich auch nicht. Wenn ich aus der Tür gehe, schimpft sie, und wenn ich wiederkomme, vergießt sie Tränchen. Das bricht mir das Herz, obwohl ich dank der Erfahrung mit den beiden Geschwistern weiß, dass Johanna gut aufgehoben ist.