Expatriate

Heimkehr in die Fremde

Von Christine Pander

Expatriate: Heimkehr in die Fremde
29. Oktober 2006 

Jeden Morgen mit dem Chauffeur zur Arbeit, lunchen unter Palmen und ein Gehalt der Extraklasse: für Markus W. und seine Familie gehörte das privilegierte Leben als Expatriate in Malaysia fünf Jahre lang zur Normalität. Als der Tag der Rückkehr schließlich kommt, holt die Realität die Familie bei tristem Regenwetter jedoch schnell ein: Der erhoffte Karrieresprung für Markus bleibt erst einmal aus. Am ersten Arbeitstag teilt er sich den Azubi-Computer mit einer studentischen Hilfskraft. „Vom Chefbüro mit Blick aufs Meer in eine Besenkammer – das war mein neuer Status “, sagt Markus.

Wieder echte Arbeit gefordert

Da er für ein mittelständisches Unternehmen mit geringer internationaler Erfahrung ausgereist war, haben die Verantwortlichen keine Übung im Umgang mit der Rückkehrproblematik. Die Kollegen spötteln hinter Markus’ Rücken, jetzt sei wieder echte Arbeit gefordert. In den ersten Wochen hat er den Eindruck, daß weniger seine erworbenen interkulturellen Fähigkeiten im Mittelpunkt des Interesses stünden als vielmehr die Frage, was er alles aufzuholen habe.

Nur 10 Prozent der Rückkehrer haben keine Probleme

Nur 10 Prozent der Rückkehrer haben keine Probleme

Auch familienintern macht sich Unmut breit: Für Tochter Marlene gibt es keinen Kindergartenplatz, Sohn Florian wird in der kleinstädtischen Grundschule als Ausländer gehänselt. Und Ehefrau Sonya wird immer unzufriedener. Sie mahnt Zweisamkeit an, fühlt sich zunehmend auf dem emotionalen Abstellgleis. Markus indes arbeitet auf seinem alten Posten Tag und Nacht. Wenige Monate nach der Rückkehr ist beiden klar: Die Ehe ist nicht mehr zu retten.

Rückkehr war das Schlimmste im Leben

Familie W. mag ein extremes Beispiel einer Rückkehrgeschichte sein, dennoch ist sie kein Einzelfall. Aufgrund der europäischen Herkunft gehören Expat-Familien häufig zur Elite in den Gastländern. Wieder zurück in Deutschland, ist alles anders. „Die Rückkehr war das Schlimmste, was ich bisher in meinem Leben erlebt habe. Viel schlimmer, als in einem fremden Land Fuß zu fassen. In Asien war es wenigstens legitim, sich fremd zu fühlen“, erklärt Markus.

Den Sonderstatus „Ausländer“ mit all seinen Annehmlichkeiten für einen europäischen Entsandten verlor er mit Eintritt in das heimische Unternehmen. „Und das ist natürlich schmerzhaft. Denn Freiräume, wie sie Entsandte im Ausland aufgrund ihrer herausgehobenen Stellung haben, sind ja auch relativ bequem“, sagt Professor Alois Moosmüller, Leiter des Institutes für Interkulturelle Kommunikation der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Schattendasein

Die Probleme, mit denen Rückkehrer zu kämpfen haben, kennt der Wissenschaftler gut: „Das sind zum Beispiel organisationsgebundene Dinge, die meist einen Kompetenzverlust des Rückkehrers im Stammhaus zur Folge haben“, sagt Moosmüller. So hat das auch Markus W. erlebt: „Jetzt kam ich in Deutschland wieder in eine Situation, in der ich ein Schattendasein fristen mußte. Der Dienstweg war wieder Pflicht, von Entscheidungsgewalt keine Rede mehr.“

Zu den beruflichen Problemen kommen oft Schwierigkeiten im kulturellen und privaten Umfeld. Nachbarn, Freunde und Familienangehörige finden möglicherweise die Erzählungen der Rückkehrer von ihrer Zeit irgendwo auf der Welt anstrengend. Freundschaften haben nicht gewartet. „Und alles fühlt sich fremd an. Wir waren absolut isoliert“, erinnert sich Sonya W. Außerdem habe sie schmerzlich die Annehmlichkeiten eines prestigehaltigen Lebens inklusive Hauspersonal vermißt. Laut Moosmüller spüren die Rückkehrer in diesen Momenten am eigenen Leib, wie Sonderräume wegbrechen.

Kälte und Engstirnigkeit in Deutschland

Ein zusätzliches Problem sei die subjektive Verzerrung in bezug auf im Ausland real Erlebtes. „In der Rückschau sind die Auslandserlebnisse viel schöner, negative Dinge werden ausgeblendet. Außerdem sind die Rückkehrer oft enttäuscht und klagen über die Kälte und Engstirnigkeit in Deutschland“, weiß Moosmüller aus seiner Erfahrung als interkultureller Trainer. Viele der Entsandten müssen erst lernen, daß Deutschland weder besser noch schlechter als vor der Entsendung ist, sondern einfach anders.

Gründe für Schwierigkeiten bei einer Rückkehr gibt es viele: Zum einen sind Probleme laut Moosmüller auf mangelnde Vorbereitung und unverarbeitete Situationen im Vorfeld der Entsendung zurückzuführen. „Die Rückkehr ist stark an die persönliche Einstellung gekoppelt, es steckt immer auch ein großer Teil der eigenen Biographie mit drin“, sagt Moosmüller. Wer vor der Ausreise in Deutschland schon unzufrieden war, ist nach der Entsendung nicht unbedingt glücklicher. Zum anderen ist neben dem Einsatzort und der Entsendedauer auch der Entsendeverlauf für eine Reintegration ausschlaggebend. Das heißt: Je besser die Integration ins Gastland verlaufen ist, desto leichter fällt dann auch die Rückkehr. „Denn richtiges interkulturelles Lernen schließt auch das Heimkehrenkönnen mit ein“, erklärt Moosmüller.

Rückkehr selten ohne Probleme

Aktuelle Studien zeigen jedoch, daß nur in 5 bis 10 Prozent der Fälle die Rückkehr problemlos verläuft. Laut einer internationalen Umfrage von Pricewaterhouse Coopers und der Cranfield University aus dem Jahr 2005 schätzen zwar 85 Prozent der befragten Unternehmen die Wiedereingliederung als wichtig ein, doch nur 20 Prozent sind der Meinung, dieses Ziel auch aktuell zu erreichen. Drei Viertel der Angestellten werten ihre Wiedereingliederung als mangelhaft. Jeder vierte Mitarbeiter verläßt innerhalb eines Jahres das Unternehmen.

Grund dafür ist, daß nur ein Viertel der entsandten Mitarbeiter eine Rückkehrklausel im Vertrag hat. Eine Untersuchung der Fachhochschule Wiesbaden aus dem Jahr 2004 ergab, daß sogar 71 Prozent aller befragten Expatriates die entsendende Firma innerhalb eines Jahres verlassen haben. Gut die Hälfte gab an, die Auswirkungen auf das „familiäre und soziale Umfeld“ und die berufliche „Integration und Reintegration“ seien das größte Problem der Rückkehr gewesen.

Rückkehrerworkshops

Den Schaden haben auch die Unternehmen, denn sie verlieren dadurch ihre qualifiziertesten Mitarbeiter. Handfeste Gründe für die Verantwortlichen, mit verschiedenen Rückkehrprogrammen auf die bestürzenden Zahlen zu reagieren.

Der Elektronikkonzern Siemens animiert beispielsweise seine Rückkehrer, sich in Workshops intensiv mit ihren Erfahrungen auseinanderzusetzen und sich mit anderen Entsandten über deren Erfahrungen auszutauschen. Bereits vor der Ausreise wird dort wegen der bekannten Schwierigkeiten ein anschließender Karriereschritt des Mitarbeiters besprochen.

Mentor für den Expat

Intensive Betreuung erhalten Rückkehrer auch bei Bosch in Stuttgart. Jedem wird dort ein Mentor zur Verfügunggestellt, der die Entsendung und die anschließende Reintegration sowie die Weiterentwicklung des Mitarbeiters im Stammhaus betreut. „Der Mentor ist das Bindeglied; derjenige, der den Mitarbeiter, wenn es klemmt, bei der Suche nach einer Stelle im Heimatland unterstützt“, sagt Manfred Fröhlecke, Referent im zentralen Personalwesen für Führungskräfte bei Bosch.

Zusätzlich können sich die Delegierten auch durch das Intranet über offene Positionen bis hin zur Abteilungsleiterebene informieren und über die Mitarbeiterbörse auch bewerben. Das wichtigste sei aber die Eigeninitiative des Mitarbeiters, welche schon während des Auslandseinsatzes gefragt sei: „Der Kontakt sollte von beiden Seiten während der Jahre im Ausland gehalten werden“, sagt Fröhlecke weiter. Ebenso wichtig sei auch eine rechtzeitig geplante Wiedereingliederung. „Je mehr Netzwerke gepflegt werden, desto leichter ist die Rückkehr“, weiß er.

Selbsthilfegruppen

Ein Patentrezept für eine gelungene Reintegration kann es nicht geben, da jede Rückkehrgeschichte so individuell ist wie die Entsandten selbst. Aber: „Manchmal kann es schon hilfreich sein, wenn sich Menschen mit ähnlichen Problemsituationen in einer Art Selbsthilfegruppe verständigen können. Dieser Austausch ist auch ein wesentlicher Teil interkultureller Trainings, wie sie auch für Rückkehrer angeboten werden“, sagt Moosmüller.

Außerdem soll den Betroffenen vermittelt werden, daß Umbrüche, wie sie nach einer Rückkehr erlebt werden, als Chance verstanden werden können auf dem Weg zu einer weiteren persönlichen Entwicklung. Die Verantwortlichen können einiges tun, um Rückkehrern den Weg in eine gelungene Reintegration zu ebnen. Um eines kommen die Weltenbummler jedoch wohl kaum umhin: die Bereitschaft, ankommen zu wollen.

Keine Rückkehr bei der Post

Eine ganz andere Unternehmenspolitik fährt die Deutsche Post. „Bei uns gibt es in der Regel keine A-B-A-Karrieren. Mitarbeiter kommen idealerweise nach der ersten Auslandsstation nicht ins Ausgangsland zurück, sondern sie wechseln in ein anderes Land. So zahlt sich die Auslandserfahrung auch wirklich aus“, erläutert Joachim Kayser, Zentralbereichsleiter Konzernführungskräfte. Schöner Nebeneffekt: Mit frustrierten Rückkehrern hat das Unternehmen somit nur wenig zu schaffen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Cyprian Koscielniak, René Jansa - FOTOLIA

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