Fachkräftemangel

Schweißer für den Aufschwung

Von Tim Höfinghoff

Der Mangel an Fachkräften bremst den Aufschwung

Der Mangel an Fachkräften bremst den Aufschwung

29. Oktober 2007 

Eigentlich hat Josef Mertens wenig zu murren: „Die Auftragsbücher sind voll“, sagt der Geschäftsführer von Montanhydraulik. Manchen Auftrag muss das Unternehmen aus Holzwickede in der Nähe von Dortmund sogar ablehnen. Zu viel zu tun. Montanhydraulik hat 1000 Mitarbeiter, sie produzieren Hydraulikzylinder: für große Baumaschinen, Kräne und Wasserkraftwerke.

Doch trotz der vielen Arbeit ist die Lage im Werk „äußerst unbefriedigend“. Mertens klagt: „Viele reden vom Mangel an Ingenieuren, die brauchen wir auch.“ Aber was Mertens wirklich braucht, sind Schweißer, Schlosser und Elektroniker. Klassische Facharbeiter eben.

Belegschaft schiebt Überstunden

Fachkräftemangel: Schweißer für den Aufschwung

Montanhydraulik liefert weltweit - bis nach Indien, wenn dort ein neuer Staudamm inklusive Wasserkraftwerk entsteht. Das Problem: Seit bei Montanhydraulik die Facharbeiter fehlen, schiebt die Belegschaft zunehmend Überstunden vor sich her. Hinzu kommt, dass das Unternehmen bisweilen „nicht termingerecht liefern“ kann. In Indien können dann neue Schleusentore im Wasserkraftwerk nicht öffnen und schließen, weil die zwanzig Meter langen Zylinder aus Holzwickede fehlen.

Personalsorgen wie bei Montanhydraulik haben derzeit viele deutsche Unternehmen. Keine Frage, die Konjunktur läuft gut, aber die richtigen Leute zu finden erweist sich als schwierig. Auch wenn es immer noch knapp vier Millionen Arbeitslose gibt und mehr als eine Million offen gemeldete Stellen: Sie finden nicht zueinander. Nicht nur Unternehmer Mertens wundert sich, dass das nicht besser funktioniert. Besonders ärgerlich ist dies für Regionen wie das Ruhrgebiet, das alles andere ist als ein Job-Motor.

Schlosser und Schweißer sind begehrt

Schon lange klagt die Industrie in Deutschland über Fachkräftemangel - besonders darüber, dass Zehntausende Ingenieure fehlen. Aber auch Facharbeiter sind begehrt: Berufe wie Schweißer und Schlosser mögen neudeutsch längst Industriemechaniker und Anlagenmechaniker heißen.

Doch die Fähigkeiten sind dieselben geblieben - und mehr denn je gefragt. Kurios dabei ist: Gerade diese Jobs galten lange Zeit als wenig attraktiv und ohne Zukunft. Nun sind auch Werkzeugmacher und Elektroniker wieder sehr gefragt.

Das Rückgrat der Wirtschaft

Experten vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wollen nur von einem „partiellen Fachkräftemangel“ in Deutschland sprechen. Doch in einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) heißt es, dass Mitarbeiter mit technischer Qualifikation „schlecht bis sehr schlecht verfügbar“ sind.

„Schon seit dem Jahr 2003 hat sich die Verfügbarkeit technisch qualifizierter Arbeitskräfte deutlich verschlechtert.“ Darunter eben auch die technisch versierter Facharbeiter. Dabei gelten gerade Techniker als Rückgrat der mittelständischen Wirtschaft und haben für den Erfolg vieler Unternehmen eine hohe Bedeutung.

Somit ist der Mitarbeitermangel in technischen Branchen wie der Metall- und Elektroindustrie längst zu einer Wachstumsbremse für die gesamte Ökonomie geworden. Fehlen die Mitarbeiter, bedeutet das „weniger Output, und wir verlieren auch Kapazitäten in anderen Bereichen“, sagt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann. Exakte Berechnungen dazu sind schwierig. Das IW hat für die deutsche Volkswirtschaft im Jahr 2006 einen „Wertschöpfungsverlust von mindestens 18,5 Milliarden Euro“ ausgemacht. Das entspricht 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für dieses Jahr sieht es wohl kaum besser aus.

Tausende Mitarbeiter fehlen in der Logistik

Oft sind es Zulieferer, die durch langwierige Mitarbeitersuche im Wachstum gehindert sind und damit andere Unternehmen im Maschinenbau oder der Autoindustrie bremsen. Hinzu kommt, dass auch in anderen entscheidenden Industriezweigen wie der Logistik Tausende Mitarbeiter fehlen: Das sind nicht nur Akademiker bei Speditionen und Logistik-Konzernen, „die man dringend als Führungspersonal braucht“, wie es aus der Branche heißt, sondern auch Lastwagenfahrer.

Und selbst wenn die Windenergie-Branche noch so boomt: Das Wachstum könnte schneller sein, wenn Windkraftanlagenbauer wie Repower ihre 250 offenen Stellen zügig besetzen könnten. Unter den Gesuchten sind auch viele „verkaufsfreudige Mitarbeiter“, also Vertriebler, die mit großen Kunden wie Energiekonzernen verhandeln und ganze Windpark-Anlagen verkaufen.

Produktionsprozesse veralten

Andere Unternehmen wie Baumüller, ein Anbieter für Antriebs- und Automatisierungstechnik in Nürnberg mit weltweit 40 Standorten und 1900 Mitarbeitern, klagen, dass „die Produktionsprozesse zu veralten“ drohen. Zwar sei man in Sachen Personalsuche „ständig am Ball“, sagt Personalleiter Gero Bütefür, und es habe auch früher immer mal Engpässe bei der Rekrutierung gegeben. Doch nun fehlten Mitarbeiter „in allen Bereichen“. Besonders schwer sei es, neue Auszubildende zu finden.

Ökonomen wie DIW-Präsident Zimmermann prophezeien, dass der Fachkräftemangel in vielen Industrien noch lange nicht behoben ist: „Langfristig wird sich diese Tendenz verstärken.“ Der Grund: Die sogenannte „Erwerbsbevölkerung“ wird nicht nur älter, die Deutschen werden auch weniger. Es fehlt an Nachwuchs. Schon jetzt stehen 970.000 Schulabgängern nur 800.000 Erstklässler gegenüber, klagt der Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

IG Metall: Nur 23 Prozent der Betriebe bilden aus

Unternehmen würden nun eben mehr ausbilden müssen und auf den „Erfahrungsschatz der Älteren“ setzen. Die Gewerkschaft IG Metall schimpft, nur 23 Prozent der Betriebe bildeten aus. Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, beklagt: „Das Problem in der Vergangenheit war, dass nicht alle, aber doch zu viele Betriebe ihre gut qualifizierten Mitarbeiter zu früh freigestellt haben, nun suchen sie wieder Mitarbeiter.“

An dem Demographieproblem wird auch die jüngste Bluecard-Initiative der Europäischen Kommission wenig ändern. Die EU-Kommission will mit einer europäischen Bluecard hochqualifizierte Einwanderer nach Europa holen. Zwar frohlockt die Maschinenbauindustrie schon, Zehntausende Fachkräfte mit der Bluecard nach Europa zu locken.

Fachkräfte aus dem Ausland sind kaum zu erwarten

Doch gerade gut ausgebildete Menschen scheuen hohe bürokratische Hürden in Europa. Sie zieht es eher nach Amerika oder Australien. Zudem lehnen viele deutsche Politiker die Bluecard-Idee ab. Viele neue Fachkräfte aus dem Ausland sind daher nicht zu erwarten.

Die Unternehmen konkurrieren also wieder viel stärker um ihre Mitarbeiter. Und die Personaler müssen umdenken. Früher, berichtet Baumüller-Rekrutierer Bütefür, sei es mit der Mitarbeitersuche selten hart gewesen. Nun müsse man sich ständig fragen, was man als Arbeitgeber bieten könne: „Man ist immer mehr ein Verkäufer.“ Auch wenn üppige Lohnaufschläge noch nicht üblich sind: Selbst die IG Metall berichtet davon, dass so mancher Betrieb wegen der hohen Nachfrage die Bezahlung der Facharbeiter erhöht hat.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z., ZB

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