27. Dezember 2007
Was bringt die Blue Card den Personalchefs?
Zunächst nicht viel. Natürlich ist jede Erleichterung für qualifizierte Zuwanderer gut für die Unternehmen. Mangelhaft sind aber die Gehaltshürde oder die in Frage stehende Arbeitsmobilität. Vorerst handelt es sich nur um eine bürokratische Erleichterung. Der Reiz von klassischen Einwanderungsländern liegt aber in einem visionären Versprechen: Hier kannst Du es durch eigene Leistung zu etwas bringen!
Die Personalabteilungen haben auf die großen kulturellen Trends nur sehr überschaubaren Einfluss. Dennoch muss man jede Möglichkeit nutzen. Für eine Personalabteilung bedeutet dies, dass das ganze Unternehmen attraktiv auf potentielle Mitarbeiter wirken muss. Dabei geht es nicht unbedingt um Geld oder den noch größeren Dienstwagen, sondern um Fragen der Unternehmenskultur. Gute Mitarbeiter wollen sich in der Arbeit verwirklichen, wollen mit ihren Fähigkeiten Resultate erzielen und Erfolg haben. Sie müssen diesen Leuten auch eine Perspektive im Unternehmen bieten, wenn es schon das Land nicht tut. Wenn Sie als Unternehmen diese Möglichkeiten schaffen, laufen Ihnen die Menschen zu, selbst wenn Sie auf der Osterinsel sitzen.
Sie haben Recht, unsere Haltung muss viel offener werden. Wie wäre es mit einem Jahr Steuerfreiheit und sofortiger Niederlassungsfreiheit? Wir müssen runter von unserem hohen Ross und ja, wir müssen auch Werben. Zeiten, in denen wir im Stile eines herrschaftlichen Gnadenaktes dem Talentierten die Zuwanderung gestatten, sind endgültig vorbei. Die Guten gehen dort hin, wo sie gut aufgenommen werden.
Offensichtlich nicht. Gelegentlich haben Unternehmen zu spezifische Ansprüche, die der Personalmarkt gar nicht mehr erfüllen kann. Und auch die Scheu vor älteren Mitarbeitern kann sich kein Unternehmen mehr erlauben. Je qualifizierter das geforderte Profil, desto geringer die Chancen, einen Mitarbeiter unter den Arbeitslosen zu finden. Dazu kommt die demografische Entwicklung. Der Personalmarkt hat sich definitiv gedreht, Unternehmen werden vom gefragten Arbeitsplatzanbieter zum Personalnachfrager mit Bringschuld.
Die meisten müssen das Werben erst wieder lernen. Deutsche Unternehmen sind im internationalen Vergleich etwas zu unauffällig. Und viele wissen gar nicht, worauf sie sich einlassen. Als Mittelständler ohne eigene Niederlassungen im Ausland dürfte es schwierig sein, ohne professionelle Hilfe von den Möglichkeiten der Blue Card zu profitieren.
Der Markt ist leergefegt. Das treibt die Preise. Falsche Versprechungen gegenüber Kandidaten häufen sich und zerstören Vertrauen. Unternehmen verlieren angesichts des Mangels die Gefahr eines Fehlgriffs aus dem Auge. Am stärksten Betroffen ist der Maschinenbau, aber man kann das Phänomen nicht mehr auf einzelne Branchen reduzieren.
Die Schlauen in den Unternehmen und unter den Zuwanderern werden versuchen, zügig davon zu profitieren. Geschwindigkeit ist durchaus ein Faktor, und das Recruiting sollte für den ersten Tag der neuen Regelung bereits seinen Fahrplan in der Tasche haben.
Albert Nußbaum ist Deutschland-Geschäftsführer der Personalberatung Mercuri Urval
Die Fragen stellte Thomas Reinhold
Text: tor./F.A.Z.
Bildmaterial: Mercuri Urval