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25. Juli 2008

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Hör- und sichtbar: Ferrari lässt tiefe Einblicke zu

Sound-Design

Ein Motor, der klingt wie Miles Davis

Von Tobias Piller, Maranello



17. September 2007 „Ancora una volta“ – „Spiel es noch einmal“, sagt Roberto Fedeli im Tonstudio des Ferrari-Entwicklungszentrums in Maranello. Die folgende Beschleunigungsarie eines Ferrari-Achtzylinders beginnt ganz sanft – ein Brabbeln, untermalt von einem tiefen Summton. Nach einem sachten Crescendo wird das Motorengeräusch mit einem Schlag laut und geht über in ein sonores Brüllen. „Noch bevor wir einen Motor oder den Prototyp eines neuen Modells bauen, haben wir schon einen Entwurf davon, wie das neue Auto klingen soll“, berichtet Fedeli. Zu den entscheidenden Charaktereigenschaften der Sportwagen aus Maranello gehört schließlich neben Form, Fahrleistungen und Straßenlage auch der Klang.

Und so stand Fedeli schon kurz nach seinem Eintritt in den erlesenen Kreis der Ferrari-Ingenieure vor 19 Jahren vor der entscheidenden Herausforderung seiner Karriere: Die ersten Prototypen des Zwölfzylinder-Sportwagens „550 Maranello“ klangen einfach zu matt. Sie brachten nicht die Vorteile des Vorgängermodells „Testarossa“ mit, etwa den Heckmotor, der direkt hinter dem Fahrer angeordnet war, mit den Ansaugstutzen für die Luft auf Ohrenhöhe. Der neue Sportwagen musste dagegen allerlei Zulassungsvorschriften zur Geräuschdämmung gehorchen und klang entsprechend anonym.

Der deutsche Dirigent schwärmt

Das fanden die Ferrari-Techniker und der neue Chef Luca di Montezemolo umso bedauerlicher, als sie kurz zuvor ausgerechnet von Herbert von Karajan ein dickes Kompliment erhalten hatten: „Ein Ferrari braucht kein Radio, denn der Motor klingt wie ein ganzes Orchester.“ Nicht nur aus diesem Grund lag es nahe, den Hobbymusiker Fedeli mit der Lösung der Klangprobleme zu betrauen. „Ein Ingenieur macht immer nur statische Momentaufnahmen, ein Musiker sieht die Entwicklung des Klangs im Zeitverlauf“, sagt Fedeli heute. Auf seinen Wunsch hin kaufte Ferrari die Ausstattung von Tonstudios für Musiker und begann, die eigenen Motoren wie Instrumente zu betrachten. Für den Klang sorgen die Ventile und ihre Bewegungen, als Verstärker dienen die Kanäle zum Ansaugen der Luft und das Auspuffsystem.

Dabei hilft Roberto Fedeli seine Erfahrung als Gitarrist in einer Musikband. Er weiß, wie mit Verstärker und Synthesizer umzugehen ist, und hat ein Gefühl für Musik und Klang entwickelt. Der heute 46 Jahre alte Ingenieur spielt nun mit seiner „Red House Blues Band“ nicht nur bei gelegentlichen Auftritten, sondern auch im Tonstudio für CD-Aufnahmen, denen dann kunstvoll Ferrari-Töne beigemischt werden, von vorbeibrausenden Sportwagen aus der Formel-1-Box oder vom Rand der Rennstrecke. Musikalische Vergleiche scheut er keine: Der neueste Achtzylindermotor, der nun auf der IAA vorgestellt wird, klinge wie Blues von Miles Davis, die komfortableren Zwölf-Zylinder-Ferraris schon mehr wie Klassik, im Vergleich dazu der früher unter Mitarbeit von Ferrari-Technikern entwickelte Maserati Quattroporte „wie Frank Sinatra oder Michael Bublé“.


Komponist der Motorengeräusche

Komponist der Motorengeräusche ist der 42 Jahre alte Francesco Carosone, der vor acht Jahren zu Ferrari kam. Mittlerweile wird dem Lastenheft für neue Modelle immer ein Datensatz mit dem gewünschten Klang beigelegt, den die Chefs des Unternehmens und der Entwicklungsabteilung vorher unter verschiedenen Vorschlägen ausgewählt haben. „Danach besteht das Problem darin, dass wir den ausgewählten Ton dann im realen Auto auch treffen müssen“, sagt Carosone. Dazu reserviert er sich im Motorraum oder unter dem Boden des künftigen Autos das nötige Volumen an Klangkörpern für die Anlage zum Ansaugen von Luft und für das Auspuffsystem.

Für Francesco Carosone ging mit der Anstellung bei Ferrari ein Traum in Erfüllung. „Bis dahin war mein Leben gespalten zwischen dem Ingenieurstudium am Tag und Komposition am Abend oder in der Nacht“, sagt Carosone. Bevor er zu Ferrari kam, hatte er bereits eine kleine Karriere als Autor von Filmmusik hinter sich. Heute versucht er sich in der Freizeit an Schlagermelodien.

Weder die reinen Künstlertypen noch hochspezialisierte Fachingenieure wünscht sich dabei Roberto Fedeli für die Entwicklung der Ferraris. Immer noch lässt er in seinem Auftreten die Lässigkeit des Musikers durchscheinen, hat sich die weißen Haare rot gefärbt, zugleich aber inzwischen auch die Verantwortung für die Entwicklung aller Straßenautos von Ferrari. Die Erfahrungen mit der unerwarteten Aufgabe als Sound-Ingenieur haben Fedeli bis heute geprägt: „Es gibt heute unter den Ingenieuren Spezialisten, die nach der Einstellung sofort mit der Arbeit beginnen können“, sagt Entwicklungschef Fedeli. „Doch auf Dauer entwickeln sich solche Experten nicht besonders gut.“ Besser sei da schon Tiefgang bei grundlegenden Disziplinen wie Mathematik oder Physik, dann könne man mit neuen Entwicklungen mithalten. Der Ferrari-Ingenieur erwartet von seinen jungen Mitarbeitern „Phantasie, viel Geduld und Leidenschaft“. Die Passion für die Marke allein sei aber nicht genug.

Mythos und bestes Karrieresprungbrett

Für gut 1500 Bewerbungen im Jahr sorgt allerdings nicht nur der Mythos des Namens, sondern auch die lange Liste von Preisen, die Ferrari seit 2002 als besten Arbeitgeber oder als bestes Karrieresprungbrett für Ingenieure preisen. Abgesehen von Erfolgen und Image, hilft ebenso die interne „Formula Uomo“ (statt der Formula Uno die „Formel Mensch“) mit Gesundheitschecks, Fitnessprogrammen und Wohlfühlfaktor am Arbeitsplatz. Unter den Bewerbern sind diejenigen am aussichtsreichsten, die schon vorher bei Zulieferern oder innerhalb der Universität an Projekten mit Ferrari gearbeitet haben. 80 Kandidaten sieht Fedeli selbst jedes Jahr für ein Interview. Doch seinen Wunschtyp hat er bisher noch nicht gefunden: „Einen Autoingenieur, der Trompete oder Saxophon spielen kann, den würde ich sofort nehmen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Archiv, ddp, dpa, Getty, REUTERS
 
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