Kirche

Eine katholische Karriere

Von Thomas Jansen

Hier denkt man konservativ - und in Jahrzehnten

Hier denkt man konservativ - und in Jahrzehnten

07. Oktober 2007 Wenn die Stichworte "katholische Kirche" und "Karriere" fallen, geht es meistens um geistliche Ämter und Titel, um Prälaten, Weihbischöfe, Bischöfe oder Kardinäle. Dass die Führungsetagen der 27 deutschen Bistumsverwaltungen inzwischen auch für Laien offenstehen, wird oft übersehen. Zwar bleibt das pastorale "Kerngeschäft" naturgemäß in geistlicher Hand. In den Rechts-, Finanz-, Bau- und Personalabteilungen der Generalvikariate und Ordinariate kommen Laien dagegen immer häufiger zum Zug. 35 Prozent des Führungspersonals - dazu zählen nach Angaben des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz 235 Positionen - stellen sie derzeit.

Im bischöflichen Ordinariat Mainz, das rund 350 Mitarbeiter hat, sind vier von elf Dezernenten Laien. Einer davon ist Eberhard Hüser. Als Personaldezernent ist er in der deutschen Bistumslandschaft bislang allerdings noch ein "Exot", wie er selbst sagt. Für den 59 Jahre alten Diplomtheologen passen Karriere und katholische Kirche wenigstens "vordergründig" nicht zusammen. Dabei könnte man - bei jedem anderen Arbeitgeber würde man dies auch ohne weiteres tun - seinen beruflichen Werdegang durchaus als Karriere bezeichnen: Der vormalige Krankenhausseelsorger plant und koordiniert seit vier Jahren den Einsatz von 250 Gemeinde- und 150 Pastoralreferenten. Seine 40 Mitarbeiter verwalten mehr als 6000 Gehaltsempfänger des Bistums.

Erfolg wird anders definiert

Hüser buchstabiert Karriere allerdings anders: Hierarchie und Gehalt will er als Kriterien nicht gelten lassen. Die Frage nach dem Sinn der eigenen Arbeit sieht er als einzig legitimen Maßstab. Er kommt dabei auf die 400 Laientheologen zu sprechen, die in der Regel alle fünf bis sechs Jahre ihre Stelle innerhalb des Bistums wechseln - meistens ohne einen finanziellen Anreiz. Von der Gefangenenseelsorge in die Jugendpastoral, von der Dorf- in die Großstadtgemeinde. "Da wird Karriere noch mal anders definiert", sagt er und redet nun von Werten auf dem persönlichen Weg, die für ihn entscheidend sind: Horizonterweiterung, Flexibilität und Spiritualität. Deshalb wäre auch Hüser vielleicht heute noch als Pastoralreferent tätig, wenn er nicht von seinem Bischof, Karl Kardinal Lehmann, ins Ordinariat geholt worden wäre. "Es war nie meine Absicht, ich hätte mich auf keine der Stellen beworben."

Seine Tätigkeit unterscheidet sich nach eigener Einschätzung in vielem kaum von der seiner Kollegen außerhalb der katholischen Kirche. "Die Personalverwaltung des Bistums ist eine ähnliche Arbeit wie in anderen Einrichtungen." Seinen Führungsstil beschreibt er als dialogisch. "Ich kann nicht von hier aus anordnen, dass alle alles gleich machen", schließlich gehe es bei der Arbeit der Kirche um die Seele der Menschen. Das heiße jedoch keineswegs, dass er nicht auch hin und wieder klar Position beziehen müsse.

Ein Korb für McKinsey

Es gibt allerdings auch Situationen, in denen die Uhren im Ordinariat anders gehen als in vielen Unternehmen oder staatlichen Einrichtungen. Der Fall McKinsey ist ein Beispiel. Die Unternehmensberatung hatte dem Bistum zum Personalabbau geraten, der vorgeschlagene Umfang hätte Kündigungen notwendig gemacht. Die Bistumsleitung entschied sich dagegen. "So gesehen sind wir ziemlich konservativ", konstatiert er ein bisschen stolz, wohl wissend, dass nicht alle Bistümer diesen Weg gewählt haben. Bei der Personalplanung denkt Hüser zwar nicht - wie es im Volksmund von der Kirche oft heißt - in Jahrhunderten, aber durchaus in Jahrzehnten. Das beginnt schon bei der Einstellung: "Ich denke an die Lebensarbeitszeit: Wo kann ich die Bewerber in den nächsten vierzig bis fünfzig Jahren einsetzen?" Umgekehrt erwartet er auch von den Bewerbern einen langfristigen Bindungswillen. Sie müssten sich vorstellen können, die nächsten zehn Jahre im Ordinariat zu bleiben. Mit einem üppigen Salär kann er dabei nicht locken. Es orientiert sich an den Tarifverträgen für den öffentlichen Dienst, die Aufstiegschancen sind allerdings in der Regel geringer. Bisweilen eröffnet der Personaldezernent deshalb schon mal ein Bewerbungsgespräch mit der provokanten Frage: "Warum kommen Sie? Sie verdienen bei uns weniger." Die Bewerber, die sich nicht abschrecken lassen, kommen, weil sie sich mit der katholischen Kirche identifizieren. Diese Bewerber sucht Hüser. Eine "gesunde Kirchlichkeit" sei unabdingbare Voraussetzung für die Arbeit im Ordinariat.

Auch Michael Ling hat im herkömmlichen Sinne durchaus "Karriere" gemacht. Er selbst will das Wort nicht in den Mund nehmen und stellt klar: "Laien haben in der Kirche keine Leitungsgewalt." Der 44 Jahre alte Jurist, der seit dem Jahr 2000 als Justitiar des Bistums Mainz die Rechtsabteilung des bischöflichen Ordinariats leitet, begreift seine Arbeit als Dienst für die Kirche. Sein Weg in die Bistumsverwaltung war ebenso wie im Fall Hüsers keineswegs geplant. "Das Angebot, mich beruflich bei der Kirche zu verankern, kam für mich sehr überraschend." Dem promovierten und habilitierten Strafrechtler schwebte zunächst eine wissenschaftliche Karriere vor. Wiederum war es Bischof Lehmann, der auf den Assistenten eines juristischen Lehrstuhls aufmerksam wurde und ihm die Stelle des Justitiars anbot. Daraufhin gab Ling seine universitären Pläne auf und folgte dem Ruf ins bischöfliche Ordinariat. Bereut habe er die Entscheidung nie, sagt Ling. "Ich habe es wie eine Fügung empfunden, weil ich hier das Gefühl habe, als Jurist authentisch sein zu können."

„Im Einklang mit dem Gewissen“

Als Jurist authentisch sein bedeutet für ihn, "im Einklang mit dem Gewissen zu handeln". Den Reiz seiner Tätigkeit mache die enorme Bandbreite seiner Aufgaben aus: Er ist Justitiar, Stiftungsbeauftragter, Kirchenrichter und Dozent am Priesterseminar. Mit Ling arbeiten im bischöflichen Ordinariat zehn weitere Juristen. Neben praktischer und wissenschaftlicher Erfahrung seien solide Kenntnisse im Staatskirchenrecht obligatorisch, Kenntnisse im kanonischen Recht nützlich, beschreibt Ling das Anforderungsprofil.

Ob man in der katholischen Kirche Karriere machen kann, bleibt eine Frage der Definition: "Wenn Karriere meint, Chancen zu einem guten kontinuierlichen Aufstieg mit entsprechendem Einkommen zu haben, ist die katholische Kirche unter den attraktiven Partnern nicht die erste Wahl", resümiert der Jesuit Hans Langendörfer als Geschäftsführer des Verbandes der Diözesen Deutschlands und Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz. Es müsse schon eine ideelle Verbundenheit vorhanden sein. Dann allerdings habe die Kirche als Arbeitgeber für Führungskräfte im Wettbewerb mit anderen durchaus Vorteile, weil sie als "ideelle Institution" einen großen Gestaltungsspielraum biete.

Text: F.A.Z., 06.10.2007, Nr. 232 / Seite C4
Bildmaterial: AP, dpa

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