Von Ralf Nöcker
11. April 2007Das war für Manfred Schüller doch schon ein Schock, als er seinen neuen Arbeitsplatz zum ersten Mal betrat. Schüller war das klinisch-kühle und nicht vom kleinsten Papierschnipsel unterbrochene Hellgrau (Elefanten Nummer sieben) in den Büros der Hamburger Werbeagentur Springer & Jacoby gewohnt. Bei Publicis, der Agentur, die er als Deutschlandchef leitet, gab es keine vergleichbaren strengen Vorgaben, wie die Mitarbeiter ihre Büros zu gestalten hatten (beziehungsweise gerade nicht zu gestalten hatten) wie bei der Hamburger Kreativschmiede. Für die Publicis-Werber galt es nach Schüllers Amtsantritt also als Erstes, aufzuräumen.
Ähnlich klinisch wie bei Springer & Jacoby sieht es in der Hamburger Agentur Kempertrautmann aus. Kein Wunder, die Agenturgründer sind alte S & J-Werber. Das neue Gebäude direkt am Jungfernstieg in Hamburg enthält nur das Allernötigste – ein paar Tische, ein paar Computer. Alles ordnet sich der strengen Form unter. Das gerahmte Familienfoto gibt es hier ebenso wenig wie die kleine Zierpflanze oder andere Relikte, die andernorts das Büro zum trauten Heim machen sollen. Die Neuheit und Aufgeräumtheit inspirieren mich. Die Leere schreit nach Gestaltung“, formuliert Agenturgründer André Kemper die Philosophie der kühlen Büros, die auf sieben Stockwerke in dem schmalen Bau verteilt sind. Es gibt auch eine Art Gebrauchsanweisung für Neulinge in der Agentur, in dem die Besonderheit der Raumgestaltung sowie die Dinge, die innerhalb der Räumlichkeiten nicht geschehen dürfen, beschrieben.
Dank viel Glas haben die Werber jedenfalls immer einen Ausblick nach draußen – etwas, das Ernst Pöppel besonders wichtig findet, wenn ein Büromensch neue Ideen entwickeln soll. Der Münchener Hirnforscher hat über die Beziehung zwischen der Gestaltung der Büroumgebung und der Kreativität der Mitarbeiter nachgedacht. Mit dem ausgeprägten Ordnungssinn der Hamburger Werber ist Pöppel nicht unbedingt einverstanden. Wichtig sind aus seiner Sicht Bilder an der Wand und eben der Ausblick aus einem Fenster. Der Blick durch das Fenster und die Bilder an der Wand erhöhen die Diversität, und sie sind damit im Sinne einer evolutionären Kreativität wichtige Elemente neuer Bezüge und manchmal ungewöhnlicher Einfälle“, so Pöppel. Es sei ferner nicht sinnvoll, immer alles wegzuräumen, mit dem man sich gerade befasst. Ein leerer Schreibtisch mag Ausdruck von Ordnung sein, er ist aber manchmal auch Ausdruck mangelnder Flexibilität und einer gewissen Distanz zur eigenen Arbeit.“ Und auch der Abwesenheit persönlicher Dinge am Arbeitsplatz kann der Hirnforscher nicht viel abgewinnen. Wenn man die Förderung von Kreativität im Auge habe, sei der Verzicht auf das individuelle Büro keine Lösung. In entpersönlichten Bürolandschaften können vielleicht Aufgaben abgearbeitet werden, aber sie sind kein Ort für Kreativität.“
Allerdings sollte sich kreatives Chaos in Grenzen halten, ansonsten drohen sogar Karrierenachteile. Denn laut einer Studie bevorzugen 70 Prozent des Top-Managements Mitarbeiter mit aufgeräumten Schreibtischen, 55 Prozent der befragten Manager gaben an, ein chaotischer Schreibtisch werde mit einer unzuverlässigen und unaufmerksamen Arbeitsweise assoziiert – und eben nicht mit Kreativität. Die Entwicklung in Deutschland gehe eindeutig in Richtung Ordnung im Büro, hat Rotraut Walden, Architekturpsychologin an der Universität Koblenz, beobachtet. Das hat allerdings auch damit zu tun, dass die Unordnung immer mehr in den Computer verlagert wird“, glaubt die Psychologin. Von permanenter Aufgeräumtheit hält Walden nichts. Wer nach neuen Ideen sucht, muss auch mal mehrere Quellen in Beziehung setzen können. Dafür braucht man große Arbeitsflächen, die durchaus gelegentlich im Chaos versinken dürfen.“
Am Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO) der Fraunhofer Gesellschaft widmen sich die Forscher schon seit Jahren der Frage, wie Arbeitslandschaften gestaltet sein müssen, damit die Ideen sprudeln. Dabei haben sie sich zunächst angeschaut, wie kreative Prozesse eigentlich ablaufen. Anschließend entwickelten sie ein Bürokonzept, das eine dreiteilige Zonierung von kreativitätsunterstützenden Bereichen in Aktions-, Interaktions- und Rückzugszone“ vorsieht. Denn am Anfang kreativer Prozesse stehen Themen wie Recherche und Brainstorming in möglichst lockerer Atmosphäre, es folgen Strukturierung und Einordnung beziehungsweise Evaluierung von Ideen und schließlich die Visualisierung der Ergebnisse. Ein entsprechend diesem Prozess gestaltetes Büro haben die Fraunhofer-Forscher in ihrem Institut aufgebaut, die sogenannte Interactive Creativity Landscape“. Große Bedeutung hat dabei, dass sich die Kreativen aus dem Prozess auch mal ausklinken können. Den entscheidenden Geistesblitz hat man schließlich in der Regel außerhalb seiner Arbeitsumgebung“, erläutert Vanessa Borkmann vom IAO. Deshalb gibt es die Rückzugszone, einen individuell gestaltbaren Raum, der die laterale unterbewusste Lösungssuche während der Inkubations- und Illuminationsphase durch Entspannungshilfen und kreativitätsfördernde Stimuli“ unterstützen soll, heißt es etwas kryptisch beim IAO. Gerade Rückzugsmöglichkeiten hält auch die Architekturpsychologin Walden für wichtig, damit der archimedische Funke“ überspringen kann.
Am Ende hat die Ordnungswut in den Agenturen aber vielleicht gar nicht so viel mit der Förderung von Kreativität zu tun. Denn, wie Agenturgründer Konstantin Jacoby einst feststellte, gilt: Ein bunter Mensch sieht in einem kahlen Büro viel prominenter aus.“
Text: F.A.Z.
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